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Welche Rolle spielt die Fähigkeit, im Erwachsenenalter Milch verdauen zu können für die Evolution der Europäer? Molekulargenetischen Untersuchungen zeigten zugleich, dass diese ersten Bauern Europas nicht in der Lage waren, im Erwachsenenalter Milch in größeren Mengen zu verdauen (Burger et al. 2007). In Zeiten der Supermärkte und demokratisch absolut freien Verfügbarkeit von energy-drinks mag dies unbedeutend erscheinen und bedarf deshalb einer weiteren Erläuterung.
Milch besteht neben Wasser aus einer Reihe von Stoffen, die sie wertvoll für die menschliche Ernährung macht. Fette, Vitamine, Mineralstoffe und der Milchzucker, das Hauptkohlenhydrat der Milch. Der Milchzucker ist ein Disacharid und wird auch Laktose genannt. Er kommt bei Säugetieren in unterschiedlichen Mengen vor. Beim Menschen macht er fast acht Prozent des Gesamtgewichts der Muttermilch aus, Kuhmilch enthält dagegen nur fünf Prozent des Zuckers. Er wird im Säuglingsalter von allen (gesunden) Menschen dieser Welt mithilfe eines Enzyms, das den Milchzucker in Glukose und Galaktose spaltet, verdaut. Die Produktion dieses Enzyms mit dem Namen Laktase (genau: Laktasephlorizinhydolase) findet v. a. im Dünndarm statt und wird durch ein Gen namens LCT gesteuert. Früher oder später nach dem Abstillen hat es bei den meisten Menschen mit der Laktaseproduktion ein Ende, die Genexpression wird wohl aus Sparsamkeitsgründen „abgeschaltet“. Wer dann noch Milch trinkt, dessen Körper reagiert mit Blähungen, Erbrechen, Krämpfen und Durchfall. So ist es auf der ganzen Welt, außer bei den meisten Europäern und einigen wenigen Bevölkerungen Afrikas. Sie können den Milchzucker auch noch im Erwachsenenalter spalten und damit Milch auch in größeren Mengen verdauen. Alle diese Menschen stammen aus Bevölkerungen, die in frühen Phasen ihrer Vorgeschichte intensiv mit Haustieren wie Rind, Ziege oder Schaf in Kontakt traten. Doch dieser Umstand allein war nicht ausreichend, damit das Merkmal der Milchverträglichkeit im Erwachsenenalter, auch adulte Laktasepersistenz genannt, sich durchsetzen konnte. Das zeigen die erwähnten Studien an den Skeletten der frühen europäischen Bauern. Die nämlich wiesen, wie gesagt, die Laktasepersistenz noch nicht auf, ganz im Gegensatz zu ihren Nachfahren. Wie aber kam es nun zur heutigen europaweiten Verbreitung? Ein weiterer Faktor muss hinzugekommen sein: die evolutionäre Selektion. Nur durch enorm hohen positiven Selektionsdruck – so haben die Wissenschaftler errechnet – konnte das Merkmal sich innerhalb von wenigen Tausend Jahren in Europa von ursprünglich nahezu 0 auf durchschnittlich 65 Prozent, in Nordeuropa stellenweise sogar auf 95 Prozent Häufigkeit (z.B. in England oder Skandinavien) verbreiten. Neueste Forschungsergebnisse stellten sogar fest, dass es sich bei dieser positiven Selektion um die stärkste evolutionäre Kraft handelt, die je im Genom der Europäer untersucht worden ist. Folgendes Szenario könnte folglich für den Beginn der Jungsteinzeit in Europa entworfen werden: Vor 8500 Jahren gelangten neolithische Viehzüchter zum ersten Mal nach Südosteuropa. Im Gepäck hatten sie alle Kenntnisse, die für eine sesshafte Lebensweise und den Ackerbau vonnöten waren. Sie führten vier domestizierte Tierarten mit sich: Schwein, Rind, Schaf und Ziege. Letztere drei wurden gemäß neuester Untersuchungen der Archäozoologie, also derjenigen Zoologen, die sich mit den Skeletten von Tieren aus archäologischen Grabungen wissenschaftlich auseinandersetzen, nicht nur geschlachtet, sondern auch gemolken. Das beweisen auch die Milchfette, die kürzlich spurenanalytisch in nordwestanatolischen und ungarischen Kochgefäßen dieser Zeit nachgewiesen wurden. Die orientalischen Einwanderer waren noch darauf angewiesen, die Milch zu Käse oder Joghurt zu verarbeiten, da sie wohl keine adulte Laktasepersistenz aufwiesen. Einige der Neuan- kömmlinge verbreiteten sich weiter über ganz Mitteleuropa – und ebenso ihre Haustiere. Binnen zehn Menschgenerationen besetzen die Neolithiker einen Raum von mehr als einer Million Quadratkilometer. Zugleich verliert sich die Spur der europäischen Wildbeuter. Möglicherweise haben sie sich den neuen Siedlungen im Laufe der Zeit angenähert oder sogar den neuen Lebensstil ganz übernommen und weiterverbreitet. Einige wenige der neuen Bauern müssen die bislang noch sinnlose kleine genetische Variante der Laktasepersistenz besessen haben. Nun trifft dieses Gen auf die Kuh und ihre Milch und entfaltet seine Wirkung. Diese kleine Minderheit bringt von nun an ihre Kinder besser durch den Winter, auch nach dem Abstillen sterben weniger als typischerweise bei den Nachbarn, Missernten und Hungersnöte werden besser überstanden. Eine größere Kinderzahl sowie geringere Mortalität bedeuten zusammen eine effektivere Bewirtschaftung der Felder und so wächst der Wohlstand ebenso wie die Zahl der Rinder. Letztendlich entsteht so Prestige und Macht. Soziale Strukturen und kulturelles Verhalten verstärken schließlich die Wirkungsweisen der biologischen Selektion. Zumindest können die Europäer eine kleine Zahl von Viehbauern, die Milch vertrugen, ihre Vorfahren nennen. Doch nicht alle Europäer: das Mittelmeer wurde etwa zeitgleich von einer unabhängigen Einwanderungswelle besiedelt. Hier spielte sich eine andere, separate evolutionäre Geschichte ab.
Quelle: Text entnommen in Auszügen aus Burger, Universitas 2011. |