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Domestikation des Rindes
 
 Ruth Bollongino,   Amelie Scheu,   Joachim Burger
 
Co-Worker:   Dan Bradley,   Ceiridwen Edwards,   Anne Tresset,
                     Jean-Denis Vigne,   Norbert Benecke
 
 
Von Schaf und Ziege ist bekannt, dass sie im Altholozän aus dem Nahen Osten importiert wurden, da es innerhalb Europas keine wildlebenden Vorfahren dieser Spezies gab. Anders verhält es sich bei dem Auerochsen (Ur), dem wildlebenden Vorfahren der Rinder. Auerochsen waren in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Europas verbreitet. Auch wenn die Archäozoologie im Nahen Osten alle Zeichen einer lokalen Rinderdomestikation bereits nachweisen konnte, konnten weitere Domestikationsereignisse oder zumindest nachträglich Einkreuzungen von Auerochsen in anderen Regionen bislang nicht ausgeschlossen werden.
Um die populationsgenetischen Zusammenhänge der verschiedenen Rindergruppen zu beleuchten, wurden Proben aus dem Mesolithikum, Neolithikum bis hin zur Bronzezeit untersucht. Insgesamt konnten von 71 Haus- und Wildrindproben aus 33 Fundorten die mitochondrialen Sequenzen ermittelt werden. Die Verbreitung der Proben reicht in Europa von den Brittischen Inseln und Frankreich im Westen über Deutschland und die Donauländer bis nach Thrakien im Osten. Außerdem wurden auch Knochen aus Anatolien und Syrien analysiert (Bollongino 2005, Bollongino et al. 2006).
 

Abb. 1: Netzwerk der mitochondrialen HVR I europäischer neolithischer Auerochsen (P) und domestizierter Rinder (T). Die große genetische Distanz zwischen der P- und der T-Gruppe zeigt, dass die domestizierte Form nicht der europäischen Wildpopulation entstammt (aus Bollongino 2005).
 
 
Die Auswertung der Sequenzen zeigt ein ebenso eindeutiges wie verblüffendes Bild: Die mitochondrialen Sequenzen von europäischen Auerochsen und Hausrindern unterschieden sich erheblich (Abb. 1). Folglich können die europäischen Hausrinder nicht von den lokalen Auerochsen abstammen. Vergleicht man die europäischen Hausrinder dagegen mit anatolischen bzw. iranischen Sequenztypen, dann findet sich eine Übereinstimmung. Betrachtet man zusammenfassend die große Uniformität der Sequenzvarianten der Hausrinder in ganz Europa und ihre nahe Verwandtschaft zu den Rindern des Nahen Ostens einerseits und ihre große Distanz zu den europäischen Auerochsen andererseits, dann gelangt man zu folgender Erklärung: Die domestizierten Rinder des Nahen Ostens wurden vor ca. 8.000 Jahren in relativ kurze Zeit nach Europa eingeführt und verdrängten dort nach und nach die ansässigen Auerochsen. Ob es Kreuzungen zwischen Wild- und Hausform gegeben hat kann bislang nicht völlig ausgeschlossen werden, doch weisen unsere Daten darauf hin, dass die Neolithiker ihre neu eingeführten Rinder weitestgehend von den Auerochsen fernhielten.






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