"Palaeogenetische Untersuchungen zu wirtschaftlichen Innovationen und sozialer Mobilität in der eurasischen Steppe 3500–300 v. Chr., Teilvorhaben Palaeogenetik"
Bei dem BMBF-geförderten Vorhaben (Fördernummer 01UA0809A) handelt es sich um ein interdisziplinäres Verbundprojekt, in dessen Rahmen archäologische, isotopenchemische und palaeogenetische Untersuchungen zusammengeführt werden, um populationshistorische und demographische Fragestellungen zu beantworten. Einen Einblick gibt die Februar 2011-Ausgabe der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“.
In zwei Teilprojekten werden 1) kupfer- und bronzezeitliche Populationen im nordpontischen Raum und 2) eisenzeitliche Populationen Zentralasiens palaeogenetisch untersucht. Mit Hilfe der alten DNA aus humanen Skeletten versuchen wir die Populationsdynamik bzw. Demographie dieser Gebiete zu rekonstruieren (siehe Fundplatzkarte). Hierfür haben wir unser Methodenspektrum erweitert und untersuchen pro Individuum mehr als 50 loci, um so die phylodemographische Auflösung zu erhöhen. Dabei bedienen wir uns eines kombinierten Verfahrens aus Multiplex PCR und next generation sequencing.
1) Teilprojekt „Westeurasien“ (Sandra Wilde)
In Zusammenarbeit mit Prof. Wolfram Schier und Dr. Elke Kaiser (Exzellenzcluster TOPOI, Freie Universität Berlin) betrachten wir die kupfer- und bronzezeitlichen Bevölkerungsstrukturen in den Steppengebieten nördlich des Schwarzen Meeres und angrenzenden Regionen. Die späte Kupferzeit (ca. 3500-3000 v. Chr.) ist geprägt von Innovationen in der Metallurgie, z.B. der Kupfer-Arsen-Legierung, sowie der Entwicklung und Ausbreitung neuer Technologien, wie der frühen Wagen mit Scheibenrädern. Die ersten Kurgane (Grabhügel) werden in dieser Zeit angelegt. Übergehend in die Bronzezeit taucht die Jamnaja-Kultur in der nordpontischen Steppe auf (ca. 3000-2500 v. Chr.).
Sie zeichnet sich durch eine hohe Mobilität aus, und mit ihr setzt sich ein im gesamten Steppenraum einheitlicher Bestattungsritus in Grubengräbern unter Kurganen durch. Die Subsistenzwirtschaft der Jamnaja beruht auf spezialisierter Viehzucht und Formen von Halb-/Nomadismus, vermutlich unterstützt von den Neuerungen im Transportwesen und Zugtiernutzung. Ihre ausgeprägten Handelsbeziehungen erstrecken sich über die Steppe hinaus und schließen sesshafte Kulturen nördlich und westlich des Steppengebietes ein. Es wird vermutet, dass Jamnaja-Gruppen vielleicht sogar bis nach Mitteleuropa vorgedrungen sind. Nach und nach verbreitet sich in der Steppenzone ein neuer Bestattungsritus:
Die Jamnaja-Kultur wird von der Katakombengrabkultur abgelöst (ca. 2500-2000 v. Chr.). Für diesen Zeitraum gibt es kaum noch archäologische Hinweise auf Handelsbeziehungen in Richtung Westen.
Ziele unserer palaeogenetischen Analysen sind die Überprüfung der archäologisch basierten Mobilitäts- und Migrationshypothesen, sowie die Erfassung von Zusammenhängen zwischen Bestattungsriten und anthropologischer Identität der einzelnen Kulturerscheinungen.
Abb. 1: Fundorte des untersuchten Skelettmaterials. Blaue Punkte: kupfer- und bronzezeitliche Fundplätze (Teilprojekt Westeurasien); blauer Punkt mit Pfeil: Fundplatz außerhalb der Karte (Zauschwitz, Deutschland). Rote Punkte: eisenzeitliche Fundplätze (Teilprojekt Steppennomaden). Beigefarbene Bereiche: Steppengebiete.
Dieses Vorhaben widmet sich den eisenzeitlichen Populationsdynamiken der eurasischen Steppe. Es wird gemeinsam mit H. Parzinger (Direktor Preußischer Kulturbesitz), A. Nagler (Deutsches Archäologisches Institut, Berlin), Z. Samachev (Margulan Institut für Archäologie, Akademie der Wissenschaft Kasachstan, Almaty) und V.I. Molodin (Sibirisches Institut für Archäologie und Ethnographie, Akademgorodok, Russland) durchgeführt. Ab dem 9. Jahrhundert vor Christus finden sich, vom Altai im Osten bis zum nördlichen Schwarzmeerraum, Zeugnisse reiternomadischer Stämme, die aufgrund einer erstaunlichen Einheitlichkeit ihrer materiellen Ausdrucksformen, ihrer Lebensweise und ihrem Totenritual,
häufig unter dem Begriff Skythen zusammengefasst werden. Namensgebend ist ein Volk, das im 7. Jh. v. Chr. das Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres besiedelte und von dem uns die Historien des Herodot berichten. Materielle Hinterlassenschaften finden sich fast ausschließlich in Form von Kurganen, eindrucksvollen Grabhügeln, die zur Bestattung der Eliten dienten. Die frühesten Zeugnisse skythischer Kultur fand man in der Region Tuva, mit dem Kurgan Arzan 1 aus dem 9. Jh. v. Chr. Im Bereich des eurasischen Steppengürtels finden sich bis zum 2. Jh. v. Chr. zahlreiche Bevölkerungsgruppen, die sich dieser skythischen Kultur zuordnen lassen.
Gemeinsam mit unseren Partnern gehen wir der Frage nach, ob die offensichtliche kulturelle Homogenität dieser Bevölkerungsgruppen auf einen gemeinsamen Ursprung hinweist, oder ob es sich hier um das Phänomen der Akkulturation handelt. Ziel ist es, die Ethnogenese und bevölkerunsghistorischen Beziehungen der als Skythen bezeichneten Gruppen populationsgenetisch zu ergründen. Die Daten zeigen eine hohe Diversität maternaler Linien innerhalb der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, deren Zusammensetzung sich über die Zeit verändert. Zu Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus zeigen die untersuchten Bevölkerungsgruppen im Bereich des Altai einen hohen Anteil an Linien,
die heute vornehmlich in Europa zu finden sind. Im Verlauf der Zeit vollzieht sich jedoch ein Wandel, der sich in einer Zunahme maternaler Linien widerspiegelt, die man heute vorwiegend in Ost-Asien findet.
Abb. 2: Verteilung mitochondrialer Linien im Bereich des Altai. Grün: Linien, die heute als typisch europäisch angesehen werden; blau: Linien, die heute fast ausschließlich in Ost-Asien zu finden sind.