Archäometallurgische Untersuchungen auf der iberischen Halbinsel - Ergebnisse einer Geländebegehung im Umland des hispano-römischen Munizipiums Munigua (Castillo de Mulva, Prov. Sevilla)

Ingo Keesmann, Institut für Geowissenschaften, Universität Mainz, D-55099 Mainz.
Andreas Kronz, Geochemisches Institut, Universität Göttingen, Goldschmidt-Straße 1
Katharina E. Meyer, Archäologisches Institut, Universität Hamburg, Johnsallee 35

 

Übersicht

1. Das Projekt
2. Archäologische Befunde
3. Naturwissenschaftliche Befunde
4. Literaturverzeichnis

Anmerkungen

 

2. Archäologische Befunde

Munizipium Munigua:

Bei den Grabungen des DAI wurden Schlacken und Erze als Baumaterial sowohl in vorrömischen Trockenmauern, als auch in frühkaiserzeitlichen Konstruktionen und Bauteilen aus dem ausgehenden 1. bis Anfang des 2. Jhs.n.Chr. erfaßt. Daneben traten unterhalb des Stadthügels, unter den kaiserzeitlichen Gebäuden, mehrfach pyrometallurgische Einrichtungen (Rennfeueröfen ?) zutage. Aufgrund des stratigrafischen Befundes werden diese Anlagen grob in die vorflavischen Epoche datiert. An verschiedenen Plätzen innerhalb der spätantiken Stadtmauer befinden sich große Schlackenhalden, von denen jedoch bisher nur die 2 m mächtige Halde unter bzw. vor der nördlichen Stadtmauer datiert ist. Sie stammt aus der ersten Hälfte des 1.Jhs.n.Chr. Die ersten Schlacken-Analysen aus den 60er Jahren weisen auf Eisenerzverhüttung (1). .

Nach dem archäologischen Befund wird die Verhüttungstätigkeit in Munigua in die vorflavische Epoche datiert (2). . Für die Zeit ab der zweiten Hälfte des 1. Jhs.n.Chr. gibt es innerhalb der Siedlung keine Hinweise auf Metalltechnologie - freilich ist nicht ausgeschlossen, daß die Verhüttung seitdem im Umland des Munizipiums stattfand. So wurden z.B. etwa 900 m südsüdöstlich der Siedlung Gebäudereste und eine Schlackenhalde identifiziert, die auf einen möglichen Verhüttungsplatz hindeuten. Entsprechende Fundplätze wurden auch noch an anderen Stellen im Umkreis des Munizipiums beobachtet. Das kaiserzeitliche Munizipium Munigua wäre damit das wirtschaftliche, politische, religiöse und soziale Zentrum der civitas. Die Bevölkerung der civitas war offenbar zum größeren Teil im Umland angesiedelt, während im Munizipium - darauf weist nicht zuletzt die auf Repräsentation ausgerichtete Architektur der bislang untersuchten Stadthäuser hin - wahrscheinlich vor allem die Angehörigen der lokalen Elite wohnten. Einfachere Wohnhäuser sind in Munigua bislang nur aus der Spätantike bekannt (3). . Für eine gewisse Kontinuität metallurgischer Aktivitäten auch nach der zweiten Hälfte des 1. Jhs.n.Chr. spricht die in das 2. bis 3. Jh.n.Chr. datierte sog. Werkstatt nördlich der Stadtmauer. Es handelt sich um ein Gebäude mit zwei Höfen, in denen Schlacken und ein Ofen, der als Verhüttungsofen interpretiert wird, sowie Holzkohleschichten erfaßt wurden (4). .

Folgende Minen und Verhüttungsplätze, für die aufgrund vorausgehender Erkundungen eine Nutzung in der römischen Kaiserzeit angenommen wird, wurden 1994 aufgesucht:

Cerro de las Minillas:

Der Fundplatz Cerro de las Minillas liegt ungefähr 6 km nordnordwestlich des Munizipiums. Am nordwestlichen Abhang der Anhöhe (320 m) befinden sich ein Stollen, mehrere Schächte und insgesamt wenigstens drei Abraum- bzw. Schlackenhalden. Es soll sich um eine Eisenmine handeln (5). . Während Griepentrog am Cerro de las Minillas keine sicher antiken Funde aufnehmen konnte, wurden im Herbst 94 mehrere römisch kaiserzeitliche Keramikfragmente erfaßt. In der südöstlichen Schlackenhalde fand sich neben Fragmenten, die in das ausgehende 1. Jh. bis Anfang des 2. Jhs.n.Chr. zu datieren sind, eine nachrömische glasierte Scherbe. In der nördlichesten Abraumhalde wurden keine sicher antiken Funde aufgenommen - von hier stammen mehrere, nicht näher datierbare, vermutlich islamische und mittelalterliche Keramikfragmente. In der südlichsten Abraumhalde wurden Fragmente von römischen Transport- bzw. Vorratsgefäßen sowie mehrere nachrömische, vermutlich mittelalterliche Scherben erfaßt (6). .

Pilar de la Pepa-Arenillas:

Die Fundplätze Pilar de la Pepa und Arenillas in knapp 2 km Entfernung westlich vom Munizipium Munigua, sind schon seit langem bekannt. Auch hier identifizierte Griepentrog Eisenerzabbau. Am Fundplatz Pilar de la Pepa nahm er nahe den Bergbauschächten außerdem mehrere Gebäudereste auf. Die Merkmale der dort erfaßten Ziegelreste entsprechen denen der Ziegel am Terrassenheiligtum. Eine römisch-kaiserzeitliche Datierung der Anlagen ist somit nicht ausgeschlossen. Es liegen allerdings bisher keine datierbaren Keramik-Lesefunde aus diesen beiden Fundplätzen vor (7). .

Pilar de las Golondrinas:

An diesem etwa 400 m vom Siedlungsplatz Munigua entfernten Fundplatz identifizierte Griepentrog einen Verhüttungsplatz und Reste antiker Konstruktionen. Keramik-Lesefunde weisen auf eine mögliche Nutzung im 2. Jh.n.Chr (8). .

El Pedroso-El Acebucal:

Im Süden der Stadt El Pedroso, in deren Umkreis sich mehrere Skarnlagerstätten befinden, wurden drei verschiedene Fundplätze aufgesucht (9). . El Pedroso liegt etwa 14 km nördlich von Munigua. Etwa 3 km südlich von El Pedroso wurden seitlich des Weges auf einer Anhöhe Gebäudereste und römische Ziegel beobachtet, die auf eine römische Anlage an dieser Stelle hinweisen. Von diesem Fundplatz liegen keine datierbaren Lesefunde vor.

Cerro del Hierro:

Noch im 20. Jahrhundert wurde in diesem Gebiet etwa 30 km nördlich von Munigua Eisenerztagebau betrieben. Die bis 50 m Tiefe geführten antiken Abbauanlagen wurden dabei zerstört. Der antike Eisenerzabbau an diesem Fundplatz ist durch heute allerdings verlorene Fundstücke römischer Zeitstellung (Werkzeuge und Terrakotta-Lampen) belegt (10). .

El Escorial:

Der Fundplatz El Escorial, an dem aufgrund der Toponomie eine Verhüttungstätigkeit anzunehmen ist, liegt ungefähr 4 km südöstlich vom Fundplatz Cerro del Hierro. Hier wurden 1994 zu beiden Seiten eines Baches ein ausgedehntes Schlackenareal sowie Reste mehrerer Verhüttungsöfen erfaßt. Die 1994 aufgenommenen Lesefunde sind nachrömisch bzw. modern - sicher antike Funde fehlen (11). .

Setefilla-Mesa del Almendro:

Zum Abschluß der Kampagne wurde 1994 auch die Mesa del Almendro (Setefilla) nordöstlich von Lora del Rio aufgesucht. Dieser Platz ist beispielhaft für die Siedlungskontinuität in der Region. Bereits in der Mitte des 2. Jts.v.Chr. begann an dieser Stelle die Besiedelung. Während dieser Phase entwickelte sich hier eine lokale Metallproduktion. Die Nekropole aus der ersten Hälfte des 1. Jts.v.Chr. liegt an dem natürlichen Zuweg, der die Guadalquivirebene mit den metallurgischen Zentren um Constantina verbindet (12). . Doch die Einbindung des Siedlungsplatzes Setefilla und seiner Einwohner in den Metallhandel der Tartesser mit den Phöniziern ist bisher nicht belegt. Der Platz blieb auch in den nachfolgenden Epochen besiedelt: 1994 fanden sich neben einer Wandscherbe eines handgemachten, vermutlich vorrömischen, vielleicht eisenzeitlichen Gefäßes auch zahlreiche römisch kaiserzeitliche Keramikfragmente aus dem 1. Jh.n.Chr. sowie mittelalterliche Scherben (13).


zum Anfang der Seite

Anmerkungen

  1. Schlacken und Erze als Baumaterial vgl.: T. Hauschild, MM 25, 1984, 164; 169; 176. - T. Hauschild, MM 10, 1969, 192. - T. Hauschild, MM 27, 1986, 328. - T. Hauschild, MM 9, 1968, 266. - W. Grünhagen, AA 1960, 214. - Zu den Verhüttungsöfen vgl.: T. Hauschild, MM 25, 1984, 163. - T. Hauschild, MM 18, 1977, 284. - T. Hauschild, AA 1974, 693. - Zu den Schlackenhalden vgl: G. Gamer, NAHisp 1, 1972, 56-60. - T. Hauschild, AA 1976, 552. - Zu den ersten Schlackenanalysen und Untersuchungen der Erzvorkommen vgl. T. Hauschild, AA 1968, 368 mit Anm. 20-22.
  2. Weitere Schlacken stammen aus Schichten, die in die Spätantike und ins Mittelalter datiert sind. vgl. T. Hauschild-M. Blech-D. Hertel, MULVA III (1993) 11 ff. - Die nur grobe Datierung in die vorflavische Zeit ist darauf zurückzuführen, daß bei den Grabungen die Datierung der Gebäude, die während der Blütezeit der Siedlung errichtet wurden, im Vordergrund stand. Für die vorflavische Phase wurde keine Schichtdifferenzierung vorgenommen.
  3. Zur Privatarchitektur in Munigua vgl. C. Bassas - K.E. Meyer - F. Teichner, Die Stadthäuser 1, 6 und 2 (in Vorbereitung).
  4. T. Hauschild, NAHisp. 6, 1977, 285 f. - T. Hauschild, AA 1975, 620.
  5. Griepentrog (1995), Fundplatz 1, S 237-240.
  6. Südöstliche Schlackenhalde: Dünnwandige WS mit Barbotine-Dekor von Napf oder Becher, braungelblicher Überzug, 2. Hälfte 1.Jh.n.Chr. bis Anfang 2. Jh.n.Chr. - BS von dünnwandigem Napf oder Becher mit gelblichem Überzug und abgesetzter Standplatte, 1.Jh.n.Chr. bis Anfang 2. Jh.n.Chr. - WS, Azulejo mit dunkelgrüner, metallischer Glasur, Mittelalter - rezent. Nördlichste Abraumhalde: RS, mattweißes Gefäß, möglicherweise römisch.- WS, mattweißer Henkel, rundstabig, wohl islamisch.- RS eines Bräters. Orangerot mit olivgrüner Bleiglasur. Islamisch (califal-taifas). - WS, rotbraun, wohl Mittelalter. Südlichste Schlackenhalde: WS römische Amphora. - BS römisches Vorratsgefäß. - WS, mindestens zwei Gefäße, nachrömisch, wohl Mittelalter. Wir danken Felix Teichner, Jena, für seine vorläufige Bestimmung einzelner Keramikfragmente aus der Begehung von 1994.
  7. Griepentrog 1995, Fundplätze 19 und 20, 241-245. 1994 wurden hier keine Keramik-Lesefunde aufgenommen. Nimmt man aber die hervorragend erhaltenen Zwillingsschächte als Indiz, dann ergibt sich daraus in Analogie z.B. zu den römischen Minen Sotiel Coronada und Cabezas del Pasto in der Nachbarprovinz Huelva ein sehr guter Anhalt für römerzeitlichen Bergbau an dieser Stelle (vgl. Domergue 1983, Abb. 35 und 36; Domergue 1987, 218-223, (H 20), 231-232 (H 39).
  8. Griepentrog 1995, Fundplatz 10, 240.
  9. Domergue 1987, 479 (SE 11).
  10. Domergue (1987), 475 (SE6).
  11. BS, grau, möglicherweise römisch.- WS von mindestens vier nachrömischen Gefäßen. Ziegelfragment, rosa, modern.
  12. Bonsor und Thouvenot (1928); Semmler et al. (1983), 135-140; Domergue (1990), S. 150f.
  13. WS, handgemacht, mit Quarz und Glimmer gemagert, geglättet, unrömisch, wohl vorrömisch (vorrömische Eisenzeit ?). - 2 RS, TS-Teller Drag.18, südgall., 1. Jh.n.Chr./eher 2. Hälfte 1. Jh.n.Chr. - WS, TS-Napf, Drag.27, südgall., 1. Jh.n.Chr., flavisch-Ende 1. Jh.n.Chr. - RS, TS-Napf, Drag.33 (?), südgall., Ende 1. Jh.n.Chr. - WS/RS, dunkelrot engobierte Ware, 1. Jh.n.Chr. - RS, grau, abgesetzter Hals und verdickte, geteilte Randlippe, wohl römisch, mittlere Kaiserzeit. - Unbestimmte Keramik aus dem Mittelalter. - Ein Eisenring, äußerer Durchmesser 4,5 cm.

zum Anfang der Seite


Arbeitsgruppe Archäometallurgie, I. Keesmann 1998