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Dissertationsvorhaben
Arbeitstitel: Schulreisen und Schulwanderungen - Eine historische Rekonstruktion unter bildungstheoretischer Perspektive.
Schulfahrten sind in Form von Reisen, Wanderungen und Exkursionen elementarer Bestandteil des gesamten Schullebens. Die Richtlinien der einzelnen Bundesländer beschreiben die rechtlichen Rahmenbedingungen und verweisen übereinstimmend auf die besondere pädagogische Bedeutung der Unternehmungen. Trotz dieser weit verbreiteten Praxis und bildungspolitischen Wertschätzung scheint die theoretische Auseinandersetzung mit dem Feld bisher erstaunlich gering. Einschlägige Handbücher oder Beiträge in pädagogischen Fachzeitschriften beschäftigen sich im deutschsprachigen Raum vor allem mit praxisorientierten Fragestellungen zur Vorbereitung und Durchführung von Klassenfahrten und Wandertagen. Eine differenzierte Rekonstruktion historischer Traditionslinien, Fragen zur Herausbildung und Veränderung der Schulfahrten im Spiegel gesellschaftlicher und schulpolitischer Entwicklungen wurden bisher kaum aufgegriffen und bearbeitet. Dabei eröffnet das Feld den Anschluss an eine anregende pädagogische Praxis, die an verschiedenen Privatschulen des 18. Jahrhunderts ihren Anfang nimmt. Durch die Gründung pädagogischer Universitätsseminare in Jena und Leipzig erfährt die Schulreise ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine publizistische Blütezeit, die auch auf die Nachbarländer ausstrahlt. Spätestens zur Jahrhundertwende erfasst die Schulreisebewegung weite Teile des öffentlichen Schulwesens und mündet in den 1920er Jahren in der schulrechtlichen Implementierung von Fahrten und Wanderungen. Die zahlreichen Schulprogramme, Fachzeitschriften und Monografien legen noch heute beredt Zeugnis darüber ab, inwiefern sich traditionelle und reformorientierte Kräfte in kontroversen Debatten mit der „fahrenden Schule“ auseinandersetzen.
Das Forschungsvorhaben greift das skizzierte Desiderat auf, um gegenwärtige, d.h. zumeist touristifizierte Formen von Klassenfahrten und Schulwanderungen historisch zu verorten. Darüber hinaus soll in einem zweiten Schwerpunkt der Anschluss an die pädagogischen und bildungstheoretischen Diskussionen erfolgen, die sich im Spannungsfeld von ökonomischer Verwertungslogik des Reisens und neugieriger Selbst- und Weltbegegnung in neuhumanistischer Denktradition bewegen.