1. Einleitung

In dem Oberseminar "Dialektik" bei Herrn Prof. Dr. Friedrich W. Kron beschäftigten wir uns zum einen mit der idealistischen Dialektik. Hierzu wurden die Positionen von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Theodor Litt näher erläutert.
Zum anderen stand die materialistische Dialektik im Vordergrund, die durch Karl Marx, Max Horkheimer und Jürgen Habermas dargestellt wurde.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Dialektik Habermas´, die sich in seiner "Interessenlehre" verdeutlicht. Doch zuvor scheint es sinnvoll, auf Habermas selbst und seine Publikationen näher einzugehen.
Jürgen Habermas wird allgemein der Frankfurter Schule, also der kritischen Theorie zugeordnet. Seine Wurzeln sind sicherlich dort zu finden. Man sollte aber beachten, daß er weitergehend eine eigenständige Theorie entwickelt hat und somit einen eigenen Forschungsbereich verkörpert. Außerdem beschränkt er sich in seinen Arbeiten nicht ausschließlich auf Argumente der kritischen Theorie; vielmehr ist er für alle Gedankenströmungen offen. So wird man in seiner Dialektik beispielsweise Elemente der Idealistischen und der Materialistischen Elemente finden, aus denen dann aber etwas neues, eigenständiges entsteht. Dies macht die Universalität von Habermas aus.
2. Biographische Notizen zu Habermas

Jürgen Habermas wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren. In Gummersbach absolvierte er sein Abitur. Von 1949 bis 1954 studierte er Philosophie, Geschichte, Psychologie, deutsche Literatur, Ökonomie in den Städten Göttingen, Zürich und Bonn. 1954 promovierte Jürgen Habermas mit dem Thema "Das Absolute in der Geschichte. Eine Untersuchung zu Schellings Weltalterphilosophie" an der Universität Bonn. Nach seiner Promotion ging er nach Frankfurt am Main, um dort für ein Jahr als Forschungsassistent am Institut für Sozialforschung tätig sein zu können. Habermas erhielt in den Jahren von 1959 bis 1961 ein Habilitationsstipendium von der deutschen Forschungsgemeinschaft. Noch im Jahre 1961 beendete er seine Habilitation ("Strukturwandel der Öffentlichkeit") an der Universität Marburg. 1961 folgte er einem Ruf der Universität Heidelberg als als Professor für Philosophie. 1964 wechselte er an die Universität Frankfurt am Main, wo er als Professor für Philosophie und Soziologie sieben Jahre tätig war.
1971 wurde er als Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg ernannt. 1983 legte er sein Amt am Max-Planck-Institut nieder und ging an die Universität in Frankfurt am Main zurück. An dieser lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1994 als Professor für Philosophie.
Jürgen Habermas wurde während seines beruflichen Werdeganges mit unzählige Auszeichnungen und Ehrendoktortitel ausgezeichnet. So erhielt er im Jahre 1974 von der Stadt Stuttgart den Hegel-Preis. 1976 würdigte man Habermas mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung der Stadt Darmstadt. 1980 folgte die Ehrendoktorwürde der New School for Social Research (New York) und der Adorno Preis der Stadt Frankfurt am Main. 1983 ernannte man ihn als ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit Sitz in Darmstadt. 1983/84 folgte die Mitgliedschaft am Institut International de Philosophie in Paris und an der American Academy of Arts and Sciences in Cambridge. 1985 erhielt er von der Stadt München den Geschwister-Scholl-Preis und vom Land Hessen die Wilhelm-Leuschner-Medaille. Ein Jahr später erhielt er von der deutschen Forschungsgemeinschaft den Förderpreis für deutsche Wissenschaftler im Gottfried Wilhelm Leibniz-Programm. 1987 ehrte ihn die dänische Hauptstadt mit dem Sonning-Preis. Anschließend folgte die ordentliche Mitgliedschaft an der Academia Europaea (London) und die Mitgliedschaft an der serbischen Akademie für Wissenschaften (Belgrad).
1989 bis 1997 erhielt Jürgen Habermas jeweils einen Ehrendoktortitel von der Hebräischen Universität Jerusalem, von der Universität Buenos Aires, von der Universität Hamburg, von der Reichsuniversität Utrecht, von der Northwestern University Evanston Ill., von der juristischen Fakultät der Universität Athen, von der Universität Tel Aviv, von der juristischen Fakultät der Universität Bologna und von der Universität St.-Denis-Vincennes Paris.
Zudem erhielt Habermas 1994 die Ernennung zum Foreign Member of the British Academy of Science in Oxford. Die letzte Auszeichnung neben seinen Ehrendoktortiteln erhielt er 1995 von der Stadt Heidelberg: den Karl-Jaspers-Preis.
Die unzähligen Ehrungen und Auszeichnung innerhalb Deutschlands und weltweit lassen erahnen, wie die Person Jürgen Habermas und seine Arbeiten von seinen ForscherkollegInnen geschätzt wurden und werden (vrgl. Habermas 1997, S.147/148).
3. Bibliographische Angaben zu Habermas

1961 Student und Politik (gemeinsam mit L. v. Friedeburg, Ch. Oehler und F. Weltz)
1962 Strukturwandel der Öffentlichkeit
1963 Theorie und Praxis. Neuausgabe 1971
1968 Erkenntnis und Interesse. Neuausgabe 1973
1968 Technik und Wissenschaft als Ideologie
1969 Protestbewegung und Hochschulreform
1970 Zur Logik der Sozialwissenschaften. Erweiterte Auflage 1981
1971 Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie Was leistet die
Systemforschung ? (zusammen mit Niklas Luhmann)
1971 Philosophisch-politische Profile. Erweiterte Auflage 1981
1973 Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus
1974 Zwei Reden. Aus Anlaß der Verleihung des Hegel-Preises 1973 der Stadt Stuttgart
an J. Habermas am 19. Januar 1974 (zusammen mit Dieter Henrich)
1976 Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus. Frankfurt.
1979 Das Erbe Hegels. Zwei Reden aus Anlaß der Verleihung des Hegel-Preises 1979
der Stadt Stuttgart an Hans-Georg Gadamer am 13. Juni 1979.( zusammen mit
Hans-Georg Gadamer)
1980 Stichworte zur "Geistigen Situation der Zeit"
1981 Kleine politische Schriften I-IV
1981 Theorie des kommunikativen Handelns
1983 Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln
1984 Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns
1985 Die Neue Unübersichtlichkeit
1985 Der philosophische Diskurs der Moderne
1987 Eine Art Schadensabwicklung
1988 Nachmetaphysisches Denken
1990 Die nachholende Revolution
1991 Texte und Kontexte
1991 Erläuterungen zur Diskursethik
1992 Faktizität und Geltung
1993 Vergangenheit als Zukunft
1995 Die Normalität einer Berliner Republik
1996 Die Einbeziehung des Anderen
1997 Vom sinnlichen Eindruck zum symbolischen Ausdruck
(vrgl. Habermas 1997, S. 3 ff; Habermas 1968, S. 2)
4. Die "Interessenlehre" nach Habermas

Die Dialektik Habermas´ läßt sich an seiner "Interessenlehre" verdeutlichen. Mit dem Begriff "Interesse" ist hier ein erkenntnisleitendes Interesse gemeint, welches nach Habermas in der modernen Wissenschaft verwirklicht sein muß. Ob dies möglich ist, gilt es nun anhand seiner "Interessenlehre" zu überprüfen.
Für Habermas gliedert sich das Interesse in drei Grundinteressen: ein technisches, ein praktisches und ein emanzipatorisches Interesse (vrgl. Habermas 1994, S. 241 ff). Durch die Dreiteilung ist bereits hier ein dialektischer Hinweis auf die Form gegeben.
Im Gegensatz zu Schleiermacher, bei dem zwei Gegensätze (These und Antithese) nur durch die Synthese vereint werden können, stehen hier die einzelnen Interessen in einer etwas komplexen Beziehung zueinander. Auf der einen Seite ist jedes Interesse für sich eigenständig. Auf der anderen Seite bauen sie aber aufeinander auf, was sich bei der inhaltlichen Ausarbeitung zeigen wird (siehe 4.1 - 4.3). Zum dritten sind technisches und praktisches Interesse im emanzipatorischen enthalten, wobei das emanzipatorische Interesse mehr ist als nur die Summe seiner Bestandteile, was auch durch die inhaltliche Darstellung deutlich wird (siehe 4.3).
Man kann also schon allein an der Form die dialektischen Zusammenhänge deutlich machen, die sich im Inhalt fortführen lassen.
Eine Gesamtübersicht dazu stellt Abbildung 1 (Seite 7) dar.
4.1 Das technische Grundinteresse

Im technischen Grundinteresse stehen instrumentales Handeln und Handlungskompetenz im Vordergrund. Der Begriff des "instrumentalen Handelns" wurde von Marx übernommen (vrgl. Habermas 1994, S. 71).
Es geht darum, Theorien zu entwickeln, die Techniken beinhalten, die dann durch das Handeln festgesetzt werden. Auf diese Art gehen die technischen Wissenschaften vor, beispielsweise die Empirie.
Habermas faßt dies unter dem Begriff der empirisch-analytischen Wissenschaften zusammen. "Die empirisch-analytischen Wissenschaften erschliessen die Wirklichkeit, soweit sie im Funktionskreis instrumentalen Handelns zur Erscheinung gelangt; nomologische Aussagen über diesen Objektbereich sind deshalb ihrem immanenten Sinne nach auf einen bestimmten Verwendungszusammenhang angelegt - sie erfassen die Wirklichkeit im Hinblick auf eine unter spezifizierten Bedingungen immer und überall mögliche technische Verfügung (Habermas 1994, S. 241).
Den zitierten "Funktionskreis" kann man sich als eine Art Schaltplan vorstellen, in dem Tatsachen und die Relationen zwischen den Tatsachen festgehalten und auch konstruiert werden; Fakten stehen also im Vordergrund.
Man erkennt, daß der Untersuchungsgegenstand die objektivierte Wirklichkeit ist; das heißt, man beschäftigt sich mit vergegenständlichen Dingen. Dabei soll das Subjektive ausgeklammert werden.
Es darf an dieser Stelle berechtigt eingewendet werden, daß man nie absolut objektiv handelt; ein Restbestand an Subjektivität ist immer vorhanden. Die empirisch-analytischen Wissenschaften sind sich dieses Problems durchaus bewußt.
Sie behaupten auch nicht, absolut objektiv zu sein, sondern versuchen, sich diesem Zustand so weit wie möglich anzunähern.
Dies gelingt dadurch, daß man sich (wie bereits erwähnt), mit Vergegenständlichem beschäftigt; nur Meßbares ist Gegenstand der Untersuchungen.
Das Mittel dazu ist die kontrollierte Beobachtung. Hier "erzeugen wir Anfangsbedingungen und messen den Erfolg der dabei ausgeführten Operationen" (Habermas 1968, S.156). Das wissenschaftliche Vorgehen gliedert sich so in Wissen, Erkennen und Operieren.
Das Ziel der empirisch-analytischen Wissenschaften ist, Regeln festzulegen. Zum einen für den Theorienaufbau selbst und zum Anderen für deren kritische Überprüfung.
4.2 Das praktische Grundinteresse

Wie bereits erläutert wurde, dient das technische Grundinteresse der Wissenschaften zur Erfassung der objektivierten Wirklichkeit. Ferner wird das technische Grundinteresse verwertet und praktisch umgesetzt.
Innerhalb des praktischen Grundinteressens der Wissenschaften steht die Kommunikation im Vordergrund. Seine Anwendung findet das praktische Grundinteresse in den praktisch-hermeneutischen Wissenschaften, z.B. bei Klafki oder Oevermann. Im Mittelpunkt der hermeneutischen Wissenschaften stehen ihre Aussagen. Diese hermeneutischen Aussagen "erfassen Interpretationen der Wirklichkeit im Hinblick auf eine für eine gegebene hermeneutische Ausgangslage mögliche Intersubjektivität handlungsorientierender Verständigung." (Habermas 1994, S. 241)
Auf der Ebene des Individuums bedeutet das praktische Grundinteresse, daß das Individuum Wissen und kulturelle Überlieferungen verstehen lernt. Dieses Wissen interpretiert das Individuum auf seine Lebenswirklichkeit bzw. Situation. Das Individuum handelt dann aus seiner gewonnenen Erkenntnis heraus. Habermas beschreibt diesen Prozeß folgendermaßen: "Der Verstehende stellt eine Kommunikation zwischen beiden Welten her; er erfaßt den sachlichen Gehalt des Tradierten, indem er die Tradition auf sich und seine Situation anwendet." (Habermas 1968, S.158)
Dieser Zusammenhang zwischen Tradiertem und der Interpretationen der Wirklichkeit ermöglicht ein handlungsorientierendes Selbstverständnis von Individuen. Vom praktischen Grundinteresse kann aber erst dann gesprochen werden, wenn das handlungsorientierende Selbstverständnis und die Intersubjektivität der Verständigung zwischen den Individuen auf der Ebene der Gruppe gewährleistet ist. Die Intersubjektivität der Verständigung zwischen Individuen wird gewahrt, wenn eine umgangssprachliche Kommunikation und ein zwangloser Konsens sich innerhalb einer Gruppe einstellen kann. Dies bildet innerhalb der Gruppe die Grundlage für die Festlegung gemeinsamer Normen für das Handeln. Dieses Handeln entspricht einem kommunikativen Handeln und stellt gleichzeitig die Voraussetzung für die Praxis dar.
Die hermeneutischen Verfahren sind somit darauf ausgelegt, die Intersubjektivität der Verständigung zu wahren. Wird dies gestört, indem die "Kommunikationsströme abreißen und die Intersubjektivität der Verständigung entweder erstarrt oder zerfällt, wird (nach Habermas) eine Bedingung des Überlebens zerstört, die so elementar ist wie die komplementäre Bedingung des Erfolgs instrumentalen Handelns: nämlich die Möglichkeit zwangloser Einigung und gewaltloser Anerkennung." (Habermas 1994, S. 221-222)
Das Ziel des praktischen Grundinteresses besteht nun darin, daß mit Hilfe der Kommunikation (Vermittlung) ein sachlicher Gehalt (Wissen) erfaßt und verstanden wird und somit einen Sinn erhält, nachdem gehandelt wird.
4.3 Das emanzipatorische Grundinteresse

Im Mittelpunkt des emanzipatorischen Grundinteresses stehen anders als im technischen und praktischen Interesse- nicht nur die Ideen als solche, sondern auch deren Zusammenhänge. Diese Zusammenhänge festigen sich in den kritischen Wissenschaften und werden im Laufe unserer Erläuterungen sichtbar und verständlich.
Der methodologische Rahmen des emanzipatorischen Interesses bezieht sich auf die Selbstreflexion. An dieser Stelle kann auf Hegels Synthese verwiesen werden. Er benutzt an dieser Stelle folgende Worte, um seine Synthese zum Ausdruck zu bringen: zu sich selbst zurückfinden. Das Emanzipatorische dieses Interesses zeigt sich also in der Selbstreflexion. Das Subjekt löst sich aus seiner Abhängigkeit.
Daraus kann man schließen, daß mit dem Begriff der Selbstreflexion der Vorgang der Selbstbestimmung eingeschlossen ist. Das Individuum befreit sich selbst aus seelischen Konflikten, indem es eigene Lösungswege findet und umsetzt. " In der Selbstreflexion gelangt eine Erkenntnis um der Erkenntnis willen mit dem Interesse an Mündigkeit zur Deckung; denn der Vollzug der Reflexion weiß sich als Bewegung der Emanzipation. Vernunft steht zugleich als Bewegung der Emanzipation." (Habermas 1994, S. 244)
Erkenntnis und Interesse gelangen an dieser Stelle zusammen." In der Kraft der Selbstreflexion sind Erkenntnis und Interesse eins."(Habermas 1968, S. 164)
Übertragen auf kritische Wissenschaften heißt das, daß die theoretischen Aussagen auf Bezugssysteme bezogen werden müssen. Ein anschauliches Beispiel soll dies verdeutlichen: für die Empirie stellt die Theorie das Bezugssystem dar.
Bei jedem Prozeß müssen die Bedingungen angegeben werden, um ihn nachvollziehbar und überprüfbar zu gestalten. Wenn die Methode von allen akzeptiert ist, dann ist das Kriterium der Objektivität gewährleistet.
Dieser methodologische Rahmen unterliegt in seiner Gesamtheit einer Logik. Auch ein zweites Mal kann auf Hegel verwiesen werden. Die erste seiner insgesamt drei Ideen lautet: Idee der Logik.
Abschließend bleibt zu sagen, daß, wenn alle Interessen gegeben sind, die Realität erfaßt werden kann.
5. Die Universalität der "Interessenlehre"

Bei dem Versuch, die "Interessenlehre" nach Habermas anzuwenden, stellten wir fest, daß sie sich nicht ausschließlich auf Wissenschaften beziehen läßt. Vielmehr sind Anwendungen aus den unterschiedlichsten Bereichen denkbar. Sie beziehen sich auf Theorie und Praxis. Dies macht die einleitend erwähnte Universalität aus: die anderen Theorien sind auf bestimmte Bereiche beschränkt oder zumindest mit konkreten Inhalten angefüllt, wie beispielsweise die Seins-Frage bei Hegel.
Habermas überläßt es dem Leser, sein "Gerüst" mit Inhalt zu füllen.
Man könnte sogar versuchen, die Gesellschaft an sich mit Hilfe der "Interessenlehre" zu erklären oder ihr zumindest näherzukommen.
Zwei weitere Beispiele werden im Folgenden näher ausgeführt (5.1 und 5.2) und durch eine Beispieltabelle (5.3) ergänzt.
5.1 Einordnung der Pädagogik

Um die Dialektik bei Habermas nicht nur auf der theoretischen Ebene, sondern auch auf der praktischen Ebene zu erfassen, erscheint das Beispiel der Pädagogik an dieser Stelle als sinnvoll.
Das technisches Grundinteresse der Pädagogik erfüllt die Empirie. An einem konkreten Beispiel aufgezeigt, wäre dies z.B. die folgende Situation: Ein Klient kommt zur Beratung. Der Therapeut ordnet "den Fall" nach ersten Gesprächen in eine Statistik ein (evtl. Sonderfall, usw.).
Das praktische Grundinteresse verwirklicht sich in den Geisteswissenschaften. In Bezug auf das Beispiel erfolgt hier die Anwendung einer ausgewählten Theorie speziell für diesen Fall.
Das dritte, emanzipatorische Grundinteresse liefern die Sozialwissenschaften. Der Klient und der Therapeut befinden sich in der Phase der Reflexion. Mit Hilfe des Beraters reflektiert der Klient sein eigene Position als Individuum innerhalb der Gesellschaft. Beim Klienten findet eine Reflexion über die eigenen Probleme statt.
Auch der Therapeut oder Berater überdenkt seine Rolle und das Verhältnis zu seinem Klienten.
Da die Pädagogik sowohl Empirie, Geisteswissenschaften als auch Sozialwissenschaften beinhaltet, münden folglich alle drei Interessen in die Pädagogik ein.
5.2 Das Beispiel Sprache

Auch die Sprache kann nach der "Interessenlehre" von Jürgen Habermas in drei Grundinteressen unterteilt werden. Das technische Grundinteresse wird im "instrumentalen" Gebrauch der Sprache deutlich. Indem die Sprache nur dazu dient Sachverhalte oder Informationen an andere Personen weiterzugeben, z.B. in Alltagssituationen oder im Unterricht. "Der instrumentale Gebrauch der Sprache gehört zur Regelhaftigkeit des Daseins. In Lern- also in Bildungs- und Unterrichtsprozessen kann die instrumentalisierte Sprache, wenn sie ausschließlich realisiert wird, allerdings zu Frustration führen." (Kron 1994, S. 271)
Das praktische Grundinteresse findet im "praktischem" Umgang der Sprache seinen Ausdruck. Die Grundlage hierfür bildet der routinierte "instrumentale" Umgang mit der Sprache. Das instrumentale Anwenden der Sprache, wird nun mit "dem Verstehen" erweitert. D.h. das Alltagshandeln wird nun verstanden und interpretiert und erhält in der Kommunikation einen Sinn, nach dem fortan gehandelt wird. Innerhalb von Gruppen kann bei Konflikten mittels der Sprache eine Verständigung herbeigeführt werden. Das "kommunikative" Handeln der Individuen ermöglicht Konfliktsituationen zu bewältigen, indem eingespielte Regeln und Interpretationen der Gruppen mit einfließen.
Die Sprache kann in ihrer vollendetesten Form das emanzipatorische Grundinteressee zum Ausdruck bringen. Indem die Sprache dazu dient, "¡sich selbst und ihre Funktionen zu reflektieren" (Kron 1994, S.272). Dies gelingt am ehesten, wenn die "instrumentale" Funktion der Sprache und das "praktische" Interesse der Sprache vom Individuum internalisiert sind. In der Metabedeutung der Sprache werden nicht nur Ideen umgesetzt, sondern ganze Zusammenhänge, bzw. Sachverhalte vom Individuum verstanden und reflektiert. Das Individuum benötigt hierfür die Fähigkeit zur Selbstreflexion.
5.3 Beispieltabelle
Um die Grafik anzusehen - bitte hier clicken.
6. Schlußwort

Die Interessenlehre nach Habermas stellte sich als ein hervorragender Abschluß unseres intensiven Blockseminars heraus.
Alle bisher erläuterten Theorien wurden in der Dreiteilung der Interessenlehre aufgegriffen. Habermas stellte die Positionen in einer neuen Perspektive dar und entwickelte sie weiter.
Die Form des Oberseminars (Intensivseminar) gefiel uns sehr gut. Durch die kontinuierliche Arbeit an der Dialektik bekam man einen umfassenden Einblick in diesen Bereich der Wissenschaftstheorie. Auch die unterschiedlichen Darstellungsformen der Referate belebten das Seminar. Als nachteilig stellte sich die kurzfristige Terminverschiebung aufgrund der fortgeschrittenen Zeit heraus. Nicht alle TeilnehmerInnen waren beim zweiten Treffen zu einer Mitarbeit bereit, so daß wir unser Referat nicht in dem geplanten Rahmen abhalten konnten und es auf einen reinen Vortrag reduzieren mußten.
Die Gruppenarbeit entfiel, so daß wir kaum überprüfen konnten, ob die Interessenlehre von den TeilnehmerInnen begriffen wurde.
Generell erwies sich jedoch das Blockseminar als eine gute Lösung des anfänglichen Dilemmas der Seminarüberfüllung.
7. Literatur
Habermas, Jürgen: Erkenntnis und Interesse. 11. Auflage. Frankfurt am Main 1994
Habermas, Jürgen: Politik, Kunst, Religion. Stuttgart 1997
Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als Ideologie. Erste Auflage.
Frankfurt am Main 1968
Kron, Friedrich W.: Grundwissen Pädagogik. 4. Auflage. München/Basel 1994
