Seminar: Wissenschaftstheorie Dialektik WS 1998/99
Leitung: Prof. F. W. Kron
Referat: Die Dialektik Schleiermachers
Referenten:Tina Becker, Dagmar Boller

 01  Einleitung
 02  Zur Biographie Schleiermachers
 03  Der Begriff der Dialektik
 3.1  Dialektik als Denkkunst
 3.2  Dialektik als Antithetik
 3.3  Dialektik als Gesetzmäßigkeit von Lebenswirklichkeit
 3.4  Dialektik als Kunst der Gesprächsführung
 04  Aufforderung zum Puzzlen der Kernaussagen
 05  Die Darstellung der Kernaussagen
 06  Zusammenfassung
 07  Der Platon-Dialog
 08  Der dialektische Schematismus
 09  Literaturverzeichnis


    1. Einleitung

    In diesem Wintersemester besuchten wir das Oberseminar zum Thema Dialektik. Daher befassen wir uns in der vorliegenden Hausarbeit mit dem von uns gehaltenen Referat über Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher als Vertreter der idealistischen Dialektik.

    02. Zur Biographie Schleiermachers

    Schleiermacher wurde am 21.11.1768 in Breslau geboren. Sein Vater war reformierter Feldprediger. Schleiermacher wurde in Anstalten der Herrnhuter Brüdergemeine erzogen, wo er die klassischen Werke der Antike schätzen lernte und einen ausgeprägten Sinn für das religiöse Leben entwickelte. Allerdings empfand er die Lehre der Herrnhuter als zu einschränkend, da sie die zeitgenössischen philosophischen Richtungen ablehnte. Aus diesem Grund blieb er nicht Mitglied der Brüdergemeine. 1787 bis 1790 studierte Schleiermacher Philosophie, Theologie und alte Sprachen an der Universität Halle. In dieser Zeit beschäftigte er sich eingehend mit Aristoteles und Kant. Anschließend trat er durch Vermittlung eine Hauslehrerstelle an, die er 1793 wegen unüberbrückbarer Erziehungsdifferenzen mit den Eltern der zu betreuenden Kinder kündigte. 1794 wurde er Professor der Theologie in Berlin und 1796 Prediger an der Berliner Charit'. Während dieser Zeit begann er mit der Đbersetzung von Platons Werken, dessen Denken das philosophische Werk Schleiermachers entscheidend prägte. Nach einem kurzen Zwischenspiel (1804-1806) als Professor in Halle, kehrte er 1807 wieder nach Berlin zurück und bereitete, zusammen mit Wilhelm von Humboldt, die dortige Universitätsgründung vor. 1809 heiratete Schleiermacher und wurde 1810 Professor der Theologie an der neu gegründeten Universität in Berlin. Am 12.02.1834 starb Schleiermacher an Lungenentzündung.

    03. Der Begriff der Dialektik


    Es gibt vier Grundauffassungen von Dialektik:

      3.1. Dialektik als Denkkunst
      Hierbei handelt es sich um eine Denkmethode, die von der Antike bis zum 19. Jahrhundert in den Universitäten gelehrt wurde. Da sie in der Logik begründet liegt, geht es ihr um das Schließen, Urteilen und Bilden von Begriffen.

      3.2. Dialektik als Antithetik

      Dabei werden zwei Aussagen zu einem Sachverhalt in These und Antithese gegenübergestellt. Diese führen zur Synthese, wodurch Phänomene der Lebenswirklichkeit aufgedeckt werden können.

      3.3 Dialektik als Gesetzmäßigkeit von Lebenswirklichkeit

      Dabei wird eine dialektische Grundstruktur der Wirklichkeit angenommen, woraus das dialektische Denken resultiert.

      3.4 Dialektik als Kunst der Gesprächsführung

      Diese Auffassung von Dialektik wurde in moderner Form von Schleiermacher für die Gegenwart entwickelt und soll nachfolgend näher erläutert werden.

    04. Aufforderung zum Puzzlen der Kernaussagen

    Um Schleiermachers Kernaussagen lebendiger zu vermitteln, ließen wir sieben Gruppen (vier bis fünf Seminarteilnehmer) jeweils ein wichtiges Statement puzzlen " learning by doing. Anschließend fragten wir die einzelnen Gruppen, was sie unter "ihrer"Aussage verstehen. Danach erläuterten wir unsererseits die einzelnen Punkte.

    05. Die Darstellung der Kernaussagen

    1. "Die Dialektik selbst ist Ausdruck des inneren Werdeganges des reinen Denkens." Es werden drei Denkarten unterschieden:

      a) "Das geschäftliche Denken will die Welt in ihrer Gegenständlichkeit für die Ziele der Lebens- und Weltbemächtigung verfügbar machen." Es bestimmt sich demnach aus einer äußeren Zweckmäßigkeit und wird immer im Hinblick auf ein Tun gedacht.

      b) "Das künstlerische Denken bezeichnet das begrenzte, einmalige schöpferische Produzieren eines Subjekts [...]" Es wird infolgedessen um seiner selbst willen gedacht.

      c) Das reine Denken unterscheidet sich vom geschäftlichen und künstlerischen Denken durch seine strenge Wissensbezogenheit. "Das reine Denken befindet sich [somit] prinzipiell in seiner Genesis, denn erst in der Totalität des Wissens würde das reine Denken sich selbst aufheben." Nur in seiner Verbindung mit der Sprache tritt es selbständig hervor.

    Dies führt uns zur zweiten Kernaussage Schleiermachers:

    2. Die Dialektik zeigt sich als sprechendes Denken und zugleich als denkendes Sprechen. Für Schleiermacher sind Denken und Sprechen identisch. Das Denken enthält einerseits sowohl wahrnehmende Erfahrung als auch Artikulieren von Sprachzeichen; andererseits birgt das Denken in sich die Bindung an die Sprache. Dies bezeichnet Schleiermacher als "Geöffnetsein nach außen." Jeder Denkende denkt folglich mit der Sprache. Auch dies ist zugleich ein Bilden von Worten, die selbst wieder Organe der Mitteilung werden. Somit produziert der Sprechende denkend die Worte. Die Dialektik entwickelt sich jedoch in jeder Sprache gesondert, so daß sie in ihrer Gültigkeit auf die jeweiligen Sprachkreise eingeschränkt ist. Demgemäß existiert keine gemeinsame Dialektik. Schleiermacher geht es darum, die verschiedenen Ausformungen zu vergleichen und sich einer Allgemeingültigkeit zu nähern, von der er doch weiß, daß sie nie erreicht werden kann.

    3. Ich leiste Durchdringung, wenn ich die allgemeinen Gehalte der Wörter und Sätze mit jeweils meiner individuellen Sinngebung erfülle. Dies stellt einen weiteren Aspekt in Schleiermachers Dialektik dar. Jeder Mensch bringt beim Sprechen ihm eigene Sichtweisen mit hinein, die nicht im sprachlichen Inhalt der Mitteilung enthalten sind. Kaulbach nennt dies "die Einheit von Sachlichem und Persönlichem in der sprachlichen Mitteilung." Dadurch, daß allgemeine Gehalte der Wörter und Sätze mit individuellem Sinn erfüllt werden, findet sich der Sprecher im Ausgesprochenen wieder. Durchdringung kann somit als Selbstbewußtsein verstanden werden, der Sprecher wird sich seiner selbst bewußt. Schleiermacher unterscheidet zwischen der Subjektivität, darunter versteht er die Persönlichkeit und der Individualität, damit bezeichnet er den eigentümlichen Charakter. Die Subjektivität muß nach seiner Auffassung im Gespräch geopfert werden, um die Individualität zu ermöglichen. Dieses Opfer bestimmt den Weg zum Wissen, da durch die beiderseitige Durchdringung der Individualitäten eine Sphäre der Gemeinschaft entsteht. Nur daraus kann die Allgemeingültigkeit, das Ganze , die Totalität des Wissens abgeleitet werden. Voraussetzung dafür ist eine Art von Gewissen, das für die Orientierung an der Wahrheit in uns sorgt, da es der "Ort der Universalität und Individualität ist." Schleiermacher nennt dieses Gewissen "Gefühlì. Das Gefühl wird als unmittelbares Selbstbewußtsein, als gefühlter Grund der Reflexion bestimmt. Es ist quasi ein "Vorfühlen" auf das Ganze.

    4. "Dialektik ist somit nicht nur die Gemeinschaft miteinander sprechender individueller Personen, [5.] sondern auch das "philosophische Selbstbewußtsein einer Kunst der Gesprächsführung: eines von der echten Gesprächsgesinnung getragenen Könnens und Tuns"." Zur besseren Darstellung fassen wir die Kernaussagen vier und fünf zusammen. Der Erkenntnisvorgang vollzieht sich in einer dialogischen Gesprächsführung, die gebunden ist an die konkrete, individuell-historische Wirklichkeit der gesprächsführenden Menschen. Nur wenn es beiden Gesprächspartnern wirklich um das gemeinsame Ziel, um Erkenntnis, geht und nicht um "Đberzeugenwollen", wird sich ein wissenschaftliches Gespräch einstellen. Es werden also Selbstkritik, Sachgebundenheit, Offenheit für die Vorstellung des anderen , Hinhören auf den anderen und die Bereitschaft, der Spiegel des anderen zu werden, vereint. Dialektik meint also nicht nur das Gespräch an sich, sondern auch die Methode des Gesprächs. Das bedeutet, daß die Differenzen aus ihrer Einseitigkeit heraustreten und unter das Ganze gestellt werden. Diesen Weg bezeichnet Schleiermacher als Differenzierung. Dabei bleibt die methodische Verfahrensweise eine Kunst, die nicht erlernbar ist, sondern von Phantasie und Intuition abhängt.

    06. Zusammenfassung
    Die Zusammenfassung ergibt sich aus den Kernaussagen sechs und sieben. Dialektik ist eine Methode, Positionen zu problematisieren und schließlich durch Bewegung des Gesprächs ... 7. ... den Widerstreit der Meinung zu überwinden; sie ist der Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit.

    07. Der PlatonDialog (Lysis)

    Im Anschluß an die Ausführungen zu den Kernaussagen Schleiermachers setzten wir, mit Hilfe eines Platon-Dialoges, die Dialektik als Gesprächsführung in die Praxis um. Hierfür haben wir einzelne Seminarteilnehmer gebeten, das Stück mit verteilten Rollen zu spielen. Auffällig an diesem Platon-Dialog ist, daß das dargestellte Gespräch nicht von gleichberechtigten Partnern geführt wird. Sokrates täuscht einerseits kommunikative Offenheit vor, somit eine künstliche Gleichrangigkeit, andererseits leitet er unmerklich den Gesprächsverlauf in seinem Sinne. Infolgedessen tritt die Erziehungskomponente deutlich in den Vordergrund.

    Der Platon-Dialog

    08. Der dialektische Schematismus

    Im weiteren Verlauf unseres Referates gingen wir auf den dialektischen Schematismus ein. Grundstruktur der Dialektik als Gesprächsführung ist die thetische-antithetische Position der Gesprächspartner.

    Der dialektische Schematismus ist ein rational-konstruiertes "Gegensatz-". Das bedeutet, daß gegensätzliche, strittige Standpunkte (Differenzen) nach dem dialektischen Schema verknüpft und getrennt werden. Dadurch entsteht eine Wechselwirkung der Standpunkte. Das kluge Abwägen und Ausgleichen verschiedener Standpunkte ist folglich die schematische Form der Dialektik. Zur Verdeutlichung dieses Schemas erklärten wir mit Hilfe eines Schaubildes und anhand eines Beispiels, wie ein solches System arbeitet.

    - Zum Schaubild Dialektik:

      Das allgemeine Schema setzt sich aus These, Antithese und Synthese zusammen. Die Synthese wird wiederum zur neuen These mit der ihr entsprechenden Antithese und Synthese. Dieser Prozeß setzt sich bis in die Unendlichkeit fort, bis die letzte Synthese erreicht ist. Bei Schleiermacher beinhaltet die letzte Synthese die Idee des höchsten Wissens.

      - Zum Schaubild-Beispiel :

      1. Die These unseres Beispiels lautet:
      Erziehung wird als unterstützende Tätigkeit durch Autorität verstanden.

      2. Die gegenüberstehende Anti-These besagt:
      Erziehung wird als unterstützende Tätigkeit durch Freiheit gesehen.

      3. Die aufhebende Synthese verbindet beide Standpunkte:
      Im Anfang ist die Autorität alles und das Gemeingefühl nichts, und am Ende ist das Gemeingefühl alles und die Autorität nichts.

      Zu Beginn des Lebens wird man also sehr stark von den Meinungen anderer Menschen beeinflußt; das eigene Urteil hat fast keine Bedeutung. Jedoch im Laufe des Lebens dreht sich dieses Verhältnis idealerweise um. Mit der Erläuterung dieses Systems beendeten wir die Ausführungen zu Schleiermachers Dialektik. Zur Abrundung unseres Referates entwarfen wir ein dem Thema entsprechendes, Kreuzworträtsel und baten alle Seminarteilnehmer, dieses zu lösen.

    09. Literaturverzeichnis

    1) Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Band 3: P-So, herausgegeben von Jürgen Mittelstraß, Stuttgart, Weimar 1995
    2) Dilthey, W.: Leben Schleiermachers, Band 2.
    Schleiermachers System als Philosophie und Theologie
    aus dem Nachlaß von W. Dilthey mit einer Einleitung, herausgegeben von Martin Redcher, Berlin 1961
    3) Kaulbach, F.: Schleiermachers Theorie des Gesprächs. In: Die Sammlung. Zeitschrift für Kultur und Erziehung, 1959, S. 123-132
    4) Kron, F.W.: Das Verständnis der Antinomien in der Pädagogik:
    - Versuch einer historisch-systematischen Klärung " Inaugural " Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität zu Mainz, 1966
    5) Kron, F.W.: Die pädagogische Bedeutung der Antinomien bei Kant, Hegel und Schleiermacher. Ein Beitrag zur historisch-systematischen Klärung des Antinomienproblems. In: Paedagogica Historica. International Journal of History and Education, 1969,
    S. 91-119
    6) Kron, F.W.: Skript Einführung in die Dialektik, S. 3-5
    7) Meyers Großes Taschenlexikon in 24 Bänden, Band 19: Rost- Scht. Herausgegeben von Meyers Lexikonredaktion, 4., vollständig überarbeitete Auflage, Mannheim u.a. 1992
    8) Osborne, R.: Philosophie. Eine Bildergeschichte für Einsteiger.
    2. Auflage, München 1997
    9) Philosophisches Lexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart. Herausgegeben von: Hügli, A. , Lübcke, P. Vollständig überarbeitete und erweiterte Neuauflage, Hamburg 1997
    Platon: Sämtliche Werke. Neu herausgegeben von: Ursula Wolf, übersetzt von Friedrich Schleiermacher, Band 2: Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidos. Reinbek bei Hamburg, 1994
    Pohl, K.: Die Bedeutung der Sprache für den Erkenntnisakt in der "Dialektik"Schleiermachers. In: Kant-Studien, 1954/55, S. 302-332
    12) Schleiermachers Pädagogische Schriften. Mit einer Darstellung seines Lebens, herausgegeben von Platz, C. , 3. Auflage 1902
    vgl. Platz, a.a.O., S. IX
    siehe Platz, a.a.O., S. X,XI
    so Platz, a.a.O., S. XII
    vgl. Meyers Großes Taschenlexikon, S. 254
    siehe Platz, a.a.O., S. XIII
    so Platz, a.a.O., S. XIV
    vgl. Platz, a.a.O., S. XV
    siehe Platz, a.a.O., S. XVII
    vgl. Meyers Großes Taschenlexikon, S. 254
    so Platz, a.a.O., S. XXIII
    vgl. Meyers Großes Taschenlexikon, S. 254
    siehe Platz, a.a.O., S. XXXIII
    vgl. Kron, Skript, S. 4
    siehe Kron, Skript, S. 4
    vgl. Kron, Skript, S. 5
    so Kron, Skript, S. 3
    Anlage 1
    Pohl, a.a.O., S. 303
    Pohl, a.a.O., S. 302
    vgl. Pohl, a.a.O., S. 302
    siehe Pohl, a.a.O., S. 302f.
    so Pohl, a.a.O., S. 302
    Pohl, a.a.O., S. 303
    vgl. Dilthey, a.a.O., S. 91
    siehe Kron, Dissertation, S. 14
    so Kaulbach, a.a.O., S. 124
    vgl. Kaulbach, a.a.O., S. 124
    Schleiermacher, zitiert in Kaulbach, a.a.O., S. 124
    siehe Kaulbach, ebenda, S. 124
    vgl. Pohl, a.a.O., S. 316
    so Dilthey, a.a.O., S. 84
    vgl. Dilthey, a.a.O., S. 85
    siehe Kaulbach, a.a.O., S. 126
    so Kaulbach, a.a.O., S. 124
    Kaulbach, ebenda, S. 124
    vgl. Kaulbach, a.a.O., S. 126
    siehe Kaulbach, a.a.O., S. 127
    vgl. Kaulbach, a.a.O., S. 128f.
    so Kaulbach, a.a.O., S. 132
    Kaulbach, ebenda, S. 132
    vgl. Kaulbach, a.a.O., S. 132
    siehe Enzyklopädie, a.a.O., S. 706
    so Kaulbach, a.a.O., S. 132
    Kron, Paedagogica Historica, S. 107f.
    vgl. Kron, Paedagogica Historica, S. 106
    siehe Pohl, a.a.O., S. 307
    so Pohl, a.a.O., S. 307
    vgl. Kron, Paedagogica Historica, S. 109
    siehe Kron, Paedagogica Historica, S. 110
    so Kron, Paedagogica Historica, S. 108
    vgl. Pohl, a.a.O., S. 305
    siehe Philosophielexikon, S. 147
    Anlage 2
    siehe Anlage 1
    vgl. Kron, Dissertation, S. 18
    so Kron, Dissertation, S. 17
    vgl. Kron, Dissertation, S. 18
    Anlage 3
    vgl. Osborne, a.a.O., S. 116
    Anlage 4
    siehe Kron, Dissertation, S. 18
    Anlagen 5 und 6