Die Brasilianische Landlosenbewegung
O Movimento dos Trabalhadores Rurais sem Terra (MST)

1. Die Entstehungsgeschichte der MST :

1.1. Ursprung

-Problem der ungerechten Landverteilung seit der Kolonisation im 16.Jhd
-Struktur der entstandenen Feudalgesellschaft mit Großgrundbesitz bis heute erhalten
-Machthaber bisher oft selbst Eigentümer von Latifundien

1.2. Historische Entwicklung

1916 Gesetz der "usucapiao"
        Boden wird Eigentum nach 30 Jahren Bearbeitungszeit, praktisch nicht durchführbar,
        da Verschuldung und  Bedrohung des Bauern
1964 "Estatuto da Terra"
        Enteignung unproduktiven Bodens bei Nicherfüllung der sozialen Funktion,
        dies ist aber nur eine staatliche "Hinhalte-Taktik"
Ab 1970 Zunahme von Landkonflikten
        durch Mechanisierung der Landwirtschaft und wachsende Zahl landlos gemachter Kleinbauern
1975 Comissao Pastoral da Terra
        Gründung der CPT als Basisorganisation gegen strukturelle Gewalt
1979 Erste Landbesetzungen
        bei Ronda Alta in Rio Grande do Sul
1984 Gründung und beginnende Organisation der MST
        Erstes Nationaltreffen der Landlosenvertretung in Cascavel, Parana, bedeutet
1985 Plano Nacional de Reforma Agraria (PNRA)
        sieht die Ansiedlung von 1,4 Mio. Kleinbauern und deren Familien vor
1986 Uniao Democratica Ruralita
        Großgrundbesitzer gründen die UDR  mit dem Ziel der Verhinderung der Reform
        und der Sicherung des Machterhalts

1.3. Die drei Hauptentstehungsfaktoren

A) Ökonomische Situation

Bauern fallen der Mechanisierung der Landwirtschaft und der Bodenkonzentration zum
Opfer.Zunahme von Landvertreibungen, exportorientierte Monokulturen

B) Sozialer Faktor

Zwei Alternativen ohne dauerhafte Lösung
-Migration ins Amazonasgebiet
-Abwanderung in große Städte

C) Politischer Faktor

Niedergang des Militärregimes und politische Öffnung des Landes
Erste Streiks der Metallarbeitergewerkschaften in Sao Paulo

2. Die Ideologischen Positionen der MST

2.1. Definition: Landlos/ sem Terra

- posseiro (bearbeitet Land ohne Besitztitel)
- assalariado (Lohnarbeiter), boia-fria, diarista (Tagelöhner)
- parceiro (Pächter, Abgabe erfolgt prozentual zum Ertrag)
- meeiro (Abgabe beträgt 50 %)
- arrendatario (Pächter, Pachthöhe wird im Voraus vereinbart)
- pequeno agricultor (Kleinbauer mit max. 5 Ha Land)

2.2. Grundsätze der MST

- Land gehört denen, die es bearbeiten
- Engagement für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung
- MST ist eine autonome Massenorgansation, mit dem Ziel der Durchsetzung einer Agrarreform
- Organisation der Landarbeiterfamilien
- Motivation der Arbeiter zur Mitarbeit in Gewerkschaften und Parteien
- Aufbau von Verbindungen zur städtischen Arbeiterschaft, und zu anderen Staaten in Lateinamerika

Landverteilung ist gekoppelt an den Aufbau einer Infrastruktur und die Gewährung günstiger
Agrarkredite.

2.3. Aspekte der Agrarreform

- Enteignung von Latifundien
        600 Mio. Hektar sind Privatbesitz, davon ungenutzt sind 44%
        allein 20 Landbesitzern gehören 20 Mio. Ha Land, soviel wie ca. 3,3 Mio. Kleinbauern!
        Etwa 5 Mio. Bauern besitzen überhaupt kein Land

- Enteignung des Bodens multinationaler Konzerne
        Ca. 36 Mio. Hektar Land liegen brach und sind Spekulationsobjekte

- Festlegung der Höchstgrenze für Landbesitz auf 750 Hektar
        85% der gesamtlandwirtschaftlichen Produktion findet auf Gebieten dieser Größe statt

- Keine Kolonisierungsprojekte
        Die Umsiedlung landloser Familien nach Amazonien ist keine Lösung

- Am Kleinerzeuger ausgerichtete Agrarpolitik und Unterstützungsmaßnahmen
        wie z.B. Kreditmöglichkeiten, Absicherungen gegen Natureinflüsse, sowie einer
        Mindesteinkommensgarantie und technischen Hilfsmitteln

- Bewässerung im Nordosten
        Enteignung von Gebieten in der Nähe von Stauseen und Wehren, da sie nur zur Versorgung
        des Viehs der Großgrundbesitzer dienen ("Demokratisierung des Wassers")

- Bestrafung und Untersuchung der Morde an Landarbeitern
        Bisher nur sehr wenige Verurteilungen

- Landsteuer/ Imposto Territorial Rural(ITR)
        Durchsetzung der Anwendung, da 80% der Latifundienbesitzer keine Zahlungen leisten

- Autonomie für Indianergebiete
 

2.4. Aktionsformen

Die wichtigste Aktionsform ist nach wie vor die Landbesetzung (acampamento).Wird diese staatlich
anerkannt, so wird daraus ein "assentamento".Auch werden staatliche Gebäude, z.B. der INCRA
(Instituto Nacional de Colonizacao e Reforma Agraria), oder öffentliche Plätze besetzt.
Weniger bedeutsam sind Mahnwachen, Protestmärsche sowie Straßenblockaden

3. Anmerkungen und Hinweise

3.1."Canudos"

Eine wichtige Vorbildfunktion war dieses erste Lager der Landlosen. Bauern, Arme, ehemalige
Krieger und Sklaven bildeten eine authentische Rassendemokratie als alternative Gesellschaft
zu den bestehenden menschenunwürdigen Lebensbedingungen.Gegrünget 1893 von Antonio
"conselheiro" im Norden Bahias, entstand schon damals unter dem Motto: Besetzen-
Widerstehen- Produzieren, eine erste Form des organisierten Widerstandes gegen den Staat.

3.2. Die MST heute
 

- 1991 erhielt die MST gemeinsam mit der CPT den alternativen Nobelpreis
        für ihren Kampf um die Landreform.
- Mittlerweile leben ca. 130000 Familien in 1024 assentamentos,
        zu denen 5 Mio. Hektar Land gehören.
- Probleme sind aber die Vielzahl derer, die vorzeitig aufgeben,
        oder in die Städte abwandern. Hinzu kommt die unentgeltliche Arbeit,
        Bedrohung und die Angst vor einer ungewissen Zukunft.

3.3 Literaturverzeichnis

Landbesetzung- Hoffnung für Millionen, von Günther Schulz
Eichstetten, Lusophonie-Verlag, 1995, 1. Auflage


Johannes Gutenberg- Universität Mainz
Institut für Ethnologie
Regionalseminar: Brasilien
Leitung: Christian Meier M.A.
Referent: Gregor Klinger