Am Steingeröll der großen Weltruine
von Cord Krüger

21 Gramm
USA 2003
R: Aljandro González Iñárritu; B: Guillermo Arriega; K: Rodrigo Pieto; M: Gustavo Santaolalla; D: Sean Penn, Benicio Del Toro, Naomi Watts, Charlotte Gainsbourg, Melissa Leo, Clea DuVall, Danny Huston; L: 125 Min.

"They say 21 grams is the weight we lose when we die.
The weight of five nickels, of a hummingbird, of a
chocolate bar - and perhaps also of a human soul."

Paul

In seinem zweiten Spielfilm nach dem gefeierten AMORES PERROS (MEX 2000) machen sich Regisseur Aljandro González Iñárritu und sein Autor Guillermo Arriega auf die Suche nach jenen 21 Gramm, dem Nettogewicht des Lebens. Ihr Film ist eine unerbittliche, filmisch brillante tour de force durch eine Welt, in der auf die großen Fragen des Lebens keine simplen Antworten mehr verblieben sind.
Durch einen Autounfall kreuzen sich die Schicksale dreier Menschen: Paul (Sean Penn), ein bildunsgbürgerlicher Jedermann, braucht ein Spenderherz. Seine Ehe mit Mary (Charlotte Gainsbourg) wird zwischen ihrem Wunsch nach einem Kind und seinem bevorstehenden Tod zerrieben. Jack (Benicio Del Toro) versucht sein Leben und die Geister seiner kriminellen Vergangenheit durch religiösen Eifer in den Griff zu bekommen. Das alte Testament entpuppt sich für den Ehemann und Vater allerdings als kaum hilfreicher Ratgeber. Eines Tages überfährt er Christinas (Naomi Watts) Ehemann Michael (Danny Huston) und ihre beiden Töchter. Paul wird Michaels Herz implantiert. Nach seiner Genesung sucht er Kontakt zu Christina, die ihren Schmerz durch allerlei Drogen zu betäuben versucht. Schlussendlich wird Paul sterben, Christina sich am Anfang von etwas Neuem wieder finden und Jack als Atheist zu seiner Familie zurückkehren.
21 GRAMM handelt von den schicksalhaften Verflechtungen von Leben (Mary) und Tod (Paul), Schuld (Jack) und Sühne (Christina), von Menschen im Prozess ihrer Auflösung. Religion ist in dieser Welt nur mehr Gestus, christliche Devotionalien zeugen von einer Suche, deren Hoffnungen letztlich enttäuscht werden. Die enge Verknotung scheinbar völlig separater Leben und ihrer noch so unscheinbaren Details erinnert an Paul Thomas Andersons MAGNOLIA (USA 1999), wirkt in ihrer Bitternis allerdings gleichsam wie dessen schwarze Spiegelung. Ebenso kühn und erbarmungslos wie die Geschichte ist ihre Umsetzung.
Während Christopher Nolan sein MEMENTO (USA 2000) konsequent rückwärts erzählte, ist 21 GRAMM ein narrativer Scherbenhaufen. Die Anordnung der Handlungssequenzen scheint keiner zeitlichen oder personellen Ordnung mehr zu folgen, was die Orientierung innerhalb der Geschichte zunächst erschwert. Wie aus den Bruchstücken eines Spiegels fügt González Iñárritu 21 GRAMM zusammen; mal lassen sich zwei Scherben durch einen matchcut verbinden, dann wieder sind sie hart und scheinbar bezuglos, als passten sie nicht zusammen. Wollte Nolan den Zustand der Amnesie erfahrbar machen, so evoziert González Iñárritus Montage den verstörenden Eindruck vollständiger biographischer Determination. In 21 GRAMM geht es nicht mehr darum, einer Geschichte zuzusehen, während sie sich erzählt. Vielmehr vollzieht sich vor uns ein narrativer Rekonstruktionsprozess. Die Geschichte ist schon geschrieben, sie muss lediglich noch zusammengesetzt werden. Eine eindeutige Zuweisung von Ursachen und Wirkungen bleibt so erst schwierig, schließlich erkennt man ihre Sinnlosigkeit.
In einer der ersten Szenen liegt Paul im Krankenhaus, an zahlreiche lebensverlängernde Geräte angeschlossen, wie er über Leben und Tod sinniert, doch es bleibt zunächst unklar, an welchem Punkt der Handlung sie spielt. Man trägt das Bild des Sterbenden den gesamten Film mit sich als düstere Ahnung, die ihre Erklärung noch finden wird. Am Ende kehrt 21 GRAMM auf die Intensivstation zurück und Pauls Sterben schließt sich um seine Geschichte wie eine Klammer. Erst jetzt wird die Ahnung zur Gewissheit, dass er von Anfang an keine Chance hatte.
21 GRAMM lebt von diesen schicksalschwangeren Ahnungen, von den Splittern, die erst noch in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft geordnet werden wollen und einer, mit dem Rekonstruktionsprozess verbundenen, sich verdichtenden Gewissheit, dass alles vergebens war. Jede Einstellung atmet die Vanitas. Pauls zurück gewonnene Virilität scheint nur die Retardation des Unabwendbaren, Jacks fundamentalistischer Glaube bloß die Maske des Vergeblichen und Christinas Hysterie im Gegenwärtigen allein ein Aufbäumen gegen das Vergangene.
González Iñárritus fast ausschließlicher Gebrauch der Handkamera und die oftmals harten Schatten verleihen den Bildern eine fiebrig-schmutzige, fast unwirkliche Atmosphäre. Komponist Gustavo Santaolalla übersetzt diese mit klagenden E-Gitarren in Musikalische und auch der an zwei Schlüsselstellen farblich an Casper David Friedrich gemahnende Himmel unterstreichen den Eindruck unheilschwangerer Entgrenzung. Die Schicksalhaftigkeit, mit der die Figuren abwärts taumeln, reflektiert eine Welt, in der weder Religion, noch die Gestirne des Säkularen einen "Heilshorizont" (Botho Strauß) bereitzuhalten vermögen.
Eine Einzelleistung aus dem ausnahmslos brillanten Ensemble hervorzuheben ist kaum gerecht, doch dürfte sich insbesondere Sean Penn (nach bereits drei Nominierungen) nachdrücklich für einen Academy Award empfehlen, der für 21 GRAMM bereits in Venedig als bester Schauspieler ausgezeichnet worden ist. Seine Darstellung des somnambulen Wiedergängers Paul toppt sogar seine Rolle in Clint Eastwoods MYSTIC RIVER (USA 2003).
Wenn alle biographischen Scherben zusammengesetzt sind, wird Jack zu seiner Familie heimkehren. Er wird keine Erlösung erfahren haben. Christina bleibt allein zurück, jenes Kind unter ihrem Herzen, das Paul seiner Mary verweigerte. In diesen Bildern wird nur die vage Hoffnung liegen, dass es vielleicht Hoffnung gibt - ein weiterer Bezugspunkt zu MAGNOLIA, gleichwohl die pessimistische Spiegelung dessen Schlusses. Man mag das deterministische Moment seines Films ablehnen, doch González Iñárritu faszinierende filmische Ästhetik gibt die bittere Tragik dieser Vanitas niemals dem Zynismus preis. Durch seinen Blick erscheint die Welt nicht als DOGVILLE'sches (DÄN 2003) Terrarium, in dem sich einzig das Gesetz alttestamentarischer Deduktion vollzieht. 21 GRAMM bezieht hier sogar einen gegensätzlichen Standpunkt zu von Triers Laborversuch in Sachen Erbsünde, weil Ursache und Wirkung längst ihre Bedeutung verloren haben. Der Mexikaner richtet nicht und verleiht seiner Geschichte dadurch eine Menschlichkeit, die 21 GRAMM dann doch wieder mit MAGNOLIA versöhnen könnte - allein Frösche wird es in dieser Welt nicht regnen.