Ein Himmelfahrtskommando
von Alexandra Lenz
9 SOULS
J 2003
R + B: Toshiaki Toyoda; K: Junichi Fujisawa; D: Yoshio Harada, Ryuhei Matsuda, Koji Chihara, Onimaru, Itsuji Itao, Kee, Mame Yamada, Takuji Suzuki.Am Anfang sind es zehn. Zehn Häftlinge in einer kleinen Gefängniszelle, einem toten Raum. Die massiven Betonwände dominieren in düsterem Grau den trostlosen und kalten Lebensraum der dort Gefangenen, der sie hermetisch gegenüber der belebten Außenwelt abschottet, lebendig begräbt. Trotzdem ist es ein heller Raum, der zeitlos, still, ja spirituell erscheint und jedes Mitglied der homogen inszenierten Gruppe der Existenz eines Eremiten näher rückt, als der eines wegen Mord lebenslang verurteilten Sträflings. Dies ist der Ausgangspunkt für die zweistündige, von dem japanischen Nachwuchsregisseur Toshiaki Toyoda geschriebene und auf Zelluloid gebannte Geschichte, die in eindringlichen Bildern, mit viel Witz und Einfühlungsvermögen von einer unbedingten Sehnsucht nach Leben erzählt, die für neun der zehn Handlungsträger einzig in ihrer letzten fatalen Konsequenz erfahrbar sein wird. Auf dem diesjährigen exground-Filmfestival präsentierte Toyoda 9 SOULS dem deutschen Publikum. Es ist der vierte Film des Japaners und illustriert wie schon seine Vorläufer, von denen PORNO STAR (Japan 1998) mit dem Best Newcomer Award der Film Director's Association Japan ausgezeichnet wurde und für den damals 29-jährigen Filmemacher den Durchbruch bedeutete, das Schicksal derer, für die es in der diesseitigen Welt keinen Platz zu geben scheint.
Die neun Seelen, von denen im Titel die Rede ist, dürfen noch einmal zurück ins Leben: Durch Zufall entdeckt einer der Sträflinge ein Loch im Boden, durch das eine kleine Maus nach draußen schlüpft und den Gefangenen den Weg in die Freiheit weist. Die Flucht macht aus dem uniformen Kollektiv allmählich wieder Individuen. Toyoda splittet die Gruppe in einer – in monochromatischem Blau gehaltenen – Fluchtsequenz systematisch auf: Torakichi, der für den Mord an seinem Sohn verurteilt wurde, ist der Älteste und späterer Anführer der Gruppe; Kazuma, ein Motorrad-Rowdie, der vier seiner Gang-Mitglieder mit dem Messer abstach; Inui, ein "mad bomber", der unter epileptischen Anfällen leidet; der kleinwüchsige Arzt Shiratori, schuldig wegen Beihilfe zum Selbstmord; der einsiedlerische Michiru, der keinen Zugang zur Realität findet und seinen Vater umbrachte; Kiyoshi, ein Zuhälter; der emotional labile Ushiyama; Shishido, ehemals Straßenschläger der Yakuza; Fujio, der sich durch den Handel mit Pornos strafbar machte. In einem gestohlenen Kleinbus machen sie sich auf den Weg, um einen Schatz zu finden, der angeblich in einer alten Schule versteckt sein soll. Was sie aber wirklich finden werden, sind Bruchstücke ihres alten Lebens: In Form einer unerfüllten Liebe, eines hoffnungsvoll erdachten, aber nie gelebten Daseins oder einer noch unbeglichenen Rechnung, die ein blutiges Ende fordert.
Toyoda greift für einige Szenen auf surreale Elemente zurück und betreibt dadurch – und nicht zuletzt auch durch den eloquenten und poetisch schönen Einsatz symbolhafter Sprache – eine pointierte Auflösung der Grenzen zwischen Realität und Illusion. Wie Risse im starren, undurchdringlichen Netz der Gesetze von Natur und gesellschaftlicher Wirklichkeit, die mit dem Fortschreiten der Handlung an Stärke gewinnen. Wo die Realität brachial waltet, durchbricht die feinfühlige Macht der Imagination deren repressive Herrschaft und verwirklicht mehr als einmal in einem letzten Akt der Gnade, was real längst verloren schien.
Einer Sequenz muss in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden: Mitten im Nirgendwo finden sich die neun Seelen auf dem Weg zur ihrem persönlichen Himmel plötzlich vor einem neon-rot glimmenden Strip-Lokal wieder. Es ist die tragische Liebesgeschichte des kleinwüchsigen Shiratori, die der Film an dieser Stelle mit einer überwältigenden Zärtlichkeit erzählt. In diesem stilisierten Sündentempel, der von einem sanften Rot dominiert wird, schleicht sich Shiratori in eine der Kabinen, die um einen Strip-Raum gruppiert sind. Durch ein kleines Guckloch in der Wand verfolgt er den Tanz einer jungen, wunderschönen Frau, über deren Bauch sich eine große Narbe zieht. Shiratori ruft ihren Namen, ehe sie sich ganz ausziehen kann. Wie es seiner Niere geht, will er wissen und ob sie noch immer funktioniert. In einer Großaufnahme sehen wir seine weit geöffnete Hand, die er zu ihr in den Raum streckt und mit der er sie endlich berühren darf. Aber die Wand zwischen ihnen bleibt – und Shiratori zieht Trost allein aus der Gewissheit, dass ein Teil von ihm in ihr weiterlebt, so wie sie in ihm.Neben diesen stillen, intimen Momentaufnahmen zeichnet sich 9 SOULS durch seine elegante Erzählweise aus, mit der meisterhaft die Einzelschicksale der neun gleichgestellten Protagonisten eng verwoben werden, ohne ihnen deswegen die nötige Autonomie zu nehmen. Die Kombination aus trockenem Humor und bedrückender Tragik tut ihr übriges, um die originelle und einfallsreiche Fabulier- und Inszenierungskunst Toyodas eindrucksvoll zu belegen. Die Gruppe durchlebt sozusagen kollektiv einen Wandel nach dem anderen: Lacher wird die Szene ernten, in der alle neun als unfreiwillige Transvestiten ein Restaurant besuchen, um "nicht aufzufallen".
Obwohl die anfängliche Zwecksgemeinschaft mit jeder weiteren Station schrumpft, bleibt die Einheit bestehen. Am Anfang der Reise lautete die Maxime, wer nicht mithalten kann, bleibt zurück. Am Ende wird es erneut einen Moment der Gnade geben, der das Himmelfahrtskommando wieder vereint und an seinem Ziel ankommen lässt.