Wah(r)e Liebe
von Nathalie Mispagel

A.I. –
ARTICIAL INTELLIGENCE
USA 2001
R: Steven Spielberg; B: Ian Watson, Brian Aldriss, Steven Spielberg; K: Janusz Kaminski; D: Haley Joel Osment (David Swinton), Frances O'Connor (Monica Swinton), Jude Law (Gigolo Joe), William Hurt (Professor Allen Hobby)

Am Anfang war das Wort. Nicht ganz, immerhin besteht jener Code aus sieben Begriffen, mit denen das Roboterkind David auf einen ganz bestimmten Menschen konditioniert werden kann. Diesem gilt dann all seine programmierte Liebe: Gefühle auf Abruf. Insofern wirkt der Filmtitel A.I. – ARTIFICIAL INTELLIGENCE etwas irreführend, weil Steven Spielbergs Science-Fiction-Drama, ursprünglich ein Projekt Stanley Kubricks, von einer Zukunft erzählt, in der Intelligenz von Androiden längst Fakt ist, dafür die Aufmerksamkeit nun implantierten Emotionen gilt.
Während schwerste Klimakatastrophen die Bevölkerung dezimiert und die Erde zu großen Teilen verwüstet haben, hat der Mensch sich auf technologisch-wissenschaftlichem Gebiet zum wahren Meister der künstlichen Kreatur emporgeschwungen. Roboter sind als universelle Helfer im Alltag etabliert, tragen mittlerweile erstaunlich menschliche Züge, bleiben jedoch in ihrem sozialen Ansehen auf Funktion sowie Fähigkeiten reduziert. Sie sind verdinglichter Ersatz, keine Ergänzung für organische Menschen, die Androiden ob deren gestiegener Anzahl sogar als Bedrohung wahrnehmen. David selbst repräsentiert den Prototyp einer neuen, Gefühle empfindenden und erwidernden Robotergeneration. Haley Joel Osment spielt ihn überzeugend als Suchenden sowie Wartenden, vermittelt kindliche Unbekümmertheit, fundamentalen Schmerz, ahnungsvolles Verstehen, ohne dass an seiner Natürlichkeit fern des Mechanischen zu zweifeln wäre. Allein in seltenen Augenblicken, etwa wenn er verstörend laut loslacht oder über die Tischkante lugt und seine Augen sich auf der polierten Fläche widerspiegeln, wird an seine Doppelexistenz erinnert. Er stellt einen Peter Pan mit umgekehrten Vorzeichen dar; anstatt nicht erwachsen werden zu wollen, ist es ihm vielmehr verwehrt, sich zu entwickeln. Die (Über-)Größe seines Gefühlsterritoriums bleibt ohne Einschränkung, ohne Veränderung, eben kindlich, wobei er freilich keineswegs über das egozentrische Gebaren eines Kindes verfügt.
Trotzdem erfährt David Ablehnung erstmals in der trügerischen Geborgenheit einer Familie. Aus Testgründen gelangt er zu Monica und Henry Swinton, deren eigener kranker Sohn Martin tiefgefroren auf die Entwicklung geeigneter Heilmethoden wartet. Das Zusammenleben mit David funktioniert nur so lange, bis der überraschend gesundete Martin nach Hause zurückkehrt und voller Eifersucht auf den Mitbewohner reagiert, was teils gefährliche Zwischenfälle provoziert. Distanziert-analytisch ruht der Blick auf den Familienverhältnissen, macht deutlich, dass menschliche Zuneigung mindestens ebenso gesteuert ist wie künstliche, zumal sich die Swintons als unfähig erweisen, ihre Gemeinschaft bzw. Gefühle einem weiteren Wesen zu öffnen, stattdessen eine Bastion der Kälte errichten. Sie scheitern an der Verantwortung, die sie bei der Konditionierung Davids übernommen haben. Überhaupt scheinen Menschen angesichts ehrlich-absoluter Emotionen, wie etwa Davids naiver Gutherzigkeit, schlichtweg überfordert zu sein, weswegen die existentielle Frage nicht mehr 'Was ist Liebe?', sondern 'Woher kommt Liebe?' lautet. In einer solchen Situation entscheiden weniger metaphysische Überlegungen über das Menschsein, sondern ausschließlich harte Fakten. Wer Spinat verspeisen und seine Zunge dabei grün färben kann, hat die Biologie auf seiner Seite, was Martin während eines Gemüsewettessens mit David eindrucksvoll unter Beweis stellt. Dass er mit dieser Herausforderung David, der als Android prinzipiell keine Nahrung zu sich nehmen darf, einem erheblichen Risiko aussetzt, bedeutet ihm schlichtweg nichts. Er ist ein organischer Mensch und hat folglich einen niemals hinterfragten moralischen wie gesellschaftlichen Sonderstatus. Erst das Material legitimiert den Menschen, damit die Empfindung.
Bevor es zur familiären Eskalation kommt, wird David von Monica in den Wäldern ausgesetzt, nur sein Super-Toy, ein sprechender, aufgeweckter Teddybär, steht dem unglücklichen Jungen bei. Dort draußen allerdings, wo ausgediente Androiden gejagt und auf ritualisiert-grausamen 'Flesh Fairs' vor aufgepeitschten Zuschauern hingerichtet werden, bleibt Davids verzweifeltes "Beschütz mich!" nicht ungehört. Dort draußen trifft er nämlich Gigolo Joe, vom eleganten Jude Law mit präzis-tänzerischen Bewegungen sowie snobistischer Leichtigkeit verkörpert. Er ist kein Mann für eine Nacht, vielmehr für die Nacht schlechthin, denn Joe ist ein 'Love Mecha'. Und der hat die Menschen längst durchschaut. Jene sind keineswegs auf der Suche nach Erleuchtung, sondern nach Verführung, weswegen Joe seine gelungensten Eroberungen vor pseudoreligiösen Neon-Kapellen macht. Leute, die gerade ihrem persönlichen Urheber nahe zu sein trachteten, sind hernach auch den eigenen künstlich generierten Kreaturen nicht abgeneigt und wollen die smarte Droge 'Fun' in all ihren Facetten konsumieren. Jedenfalls verspricht Joe das Ende des Grübelns, also Vergessen statt Wahrheit, präsentiert sich als formvollendete Ablenkung.
Sowieso ist jene futuristische Welt nach dem Prinzip der überraschungslosen Illusion ausgerichtet. Offenbar hat der Mensch verlernt, sich mit Defiziten, Widersprüchen, ja mit Endgültigkeit auseinanderzusetzen, was er durch Technologie bzw. Wissenschaft zu kompensieren gedenkt. Der Tod ist buchstäblich auf Eis gelegt, Tragik vertagt, während dementsprechend angestaute, gleichsam ins Leere laufende Emotionen von Robotern wie David aufgefangen werden sollen. Degeneration und Hybris einer hochentwickelten Zivilisation verwehren den Blick auf die Erkenntnis, dass biologische Herkunft nicht durch technische Versiertheit ersetzt, sondern bestenfalls mit Geist sowie ethischem Anspruch veredelt werden kann. Wer hingegen ignoriert, woher er kommt, braucht sich auch keine Gedanken zu machen, wohin er geht, sprich, sobald Einschränkungen humanoider Existenz als gegenstandslos erachtet werden, hat der Mensch bereits sämtliche Grenzen niedergerissen. Alles, was er fordert, seien es lebensechte Spielzeuge oder artifizielle Gefühle, kreiert er selbst; Originale unerwünscht – Leben aus zweiter Hand.
Sogar der Mond ist Attrappe. Wenn Joe des Nachts in arrogant-vollkommener Pose auf einem Hügel steht, umrahmt von Baumsilhouetten, und hinter ihm ein riesiger Mond heraufzieht, hat man nicht nur die visuell attraktivste Szene geschaut, sondern ist gleichzeitig einem Trugbild erlegen. Der Planet entpuppt sich als Fesselballon von Androidenjägern.
Doch manchmal verbirgt sich hinter Fassaden auch Elementares wie bei Joe. Mag er auch selbstverliebt sein, erweist er sich dennoch als selbstloser Freund, der Davids Wunsch, ein richtiger Junge zu werden und damit Monicas Liebe zurückzugewinnen, respektiert und ihn durch mondbeglänzte Waldszenerien, chaotische Kampfarenen, das futuristisch-babylonische Rouge-City bis ans Ende der Welt zu den weinenden Löwen begleitet. Spätestens dort mündet die vorangegangene stilistische Divergenz in eine nachdrückliche, den Zustand der Welt reflektierende Ästhetik. Jener Ort, das beinahe völlig überflutete New York, versinnbildlicht eine düstere Schönheit der Apokalypse, lässt aus dem Ozean herausragende Skyscraper von menschlicher Macht bzw. Ohnmacht künden. Passenderweise trifft David gerade hier Schöpfer und Schicksal, wird des Glaubens an seine Einzigartigkeit beraubt, aber nicht seines Traumes vom Menschsein und Geliebtsein. Tatsächlich findet er in Gestalt einer versunkenen Jahrmarktsfigur die blaue Fee, das aus "Pinocchio" übernommene Symbol für Wunscherfüllung, vor deren Anblick er seine Bitte um Menschwerdung unendlich zu wiederholen beginnt. Das ist die ganz große Geste, dieses ewige Verharren vor dem Unmöglichen, dieses Standhalten vor der unerreichbaren Vision. Damit offenbart David einen zutiefst humanen Zug, der gleichzeitig übermenschlich anmutet und ihn endlich wahrhaft einzigartig macht.
Eigentlich müsste sich der Kreis nun schließen. David hat Elternliebe gesucht und nicht gefunden, dafür etwas anderes, ebenfalls Wertvolles erfahren. Wenn eine sterbende Androidin David ein kleines Lächeln schenkt, Teddy Jahrtausende lang eine kostbare Gabe für ihn aufbewahrt oder Joes letzter Gedanke beim Abschied zwar sich selbst, seine letzte Handlung hingegen David gilt, ist das eine Form von Nähe, Zuneigung, gar Behütetsein, die nichts Programmiert-Künstliches mehr hat. Die 'menschelnde' Maschine erweist sich als der vollkommenere Mensch.
Solch kompromisslose Botschaft geht etwas unter, sobald Davids Phantasie von einer liebenden Annahme durch Monica schließlich verwirklicht werden kann. Freilich ist auch dieser Moment konventionell-idyllischen Familienglücks nur in einer künstlich evozierten Atmosphäre möglich, geradezu unter Laborbedingungen, weshalb er letzten Endes nur mehr über die Erinnerung seine Berechtigung erhält. War das nun Liebe? Wer weiß. Komplexe Fragen wie diese werden zwar aufgeworfen, sind jedoch häufig einem narrativen Konzept von melodramatischer Vereinfachung und Emotionalisierung integriert, weshalb ihre Resonanz eher vage bleibt. Der Anspruch, grundlegende Menschheitsproblematik zu behandeln, wirkt größer, als die filmische Substanz in ihrer mangelnden Homogenität letztlich bieten kann.
Andererseits haftet Gefühlen stets etwas Diffuses an. Entscheidender als der natürliche oder programmierte Ursprung einer Emotion ist sowieso deren Wirkung, was bereits Isaac Asimov adäquat thematisiert hat. In seiner wunderbaren Science-Fiction-Erzählung "A Boy's Best Friend" wird einem Jungen zu bedenken gegeben, dass sein treuer Roboterhund Robbud ihn eigentlich gar nicht wirklich lieben könne. Darauf gibt es nur eine Antwort: "Aber... was macht es für einen Unterschied, wie sie sich verhalten? Was ist mit meinen Gefühlen? Ich liebe Robbud – und das zählt."

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