Jude ohne Gott
von Harald Mühlbeyer
ANYTHING ELSE
USA 2003
R + B: Woody Allen. D: Jason Biggs (Jerry Falk), Christina Ricci (Amanda), Woody Allen (David Dobel), Danny DeVito (Harvey), Stockard Channing (Paula).Weiße Schrift auf schwarzem Grund, dazu jazzige Musik: ein Woody Allen-Film. Jedes Jahr dreht er einen neuen, und regelmäßig mit einem Jahr Verspätung läuft der dann in Deutschland an. Und es ist ein Armutszeugnis für die deutsche Verleihlandschaft, dass Allens letzter Film (also der aus dem Jahr 2002) in Deutschland nie das Licht des Projektors erblickt hat – liegt es vielleicht daran, dass einmal kurz das World Trade Center vorkommt? In HOLLYWOOD ENDING (USA 2002), dem Film, den keiner sah, geht es um einen neurotischen Regisseur, der während der Dreharbeiten zu dem Film, der ihm seine frühere Reputation wiedererschaffen sollte, psychosomatisch erblindet. Die romantische Komödie ums Filmemachen ist manchmal etwas betulich inszeniert, hat seine Längen und wirkt weniger inspiriert als anderes, was wir von Allen kennen. Trotzdem: Ihn dem Publikum zu verweigern ist ein Skandal, denn selbst ein unterdurchschnittlicher Woody Allen-Film ist eine überdurchschnittliche Komödie. Allen hat in Deutschland ein Stammpublikum, nicht groß, aber sehr interessiert – das ist ja auch der Grund dafür, dass Allen Filme machen darf: Er macht sie kostengünstig, hat große Stars (die er nicht wie Stars behandelt), und er hat ein konstantes Zuschauerpotential auf der ganzen Welt.
Die ersten fünf Minuten von ANYTHING ELSE handeln die Allen-Themen eins nach dem anderen ab: Witze und Gagautoren, Frauen und Beziehungsprobleme, Neurosen und Psychoanalyse, und über alles wird geredet, unter Juden bei Spaziergängen durch den Central Park: Es gibt keinen Gott und keine Hoffnung, der Mensch ist allein im leeren Universum, das Leben sinnlos, es macht unglücklich und ist gänzlich unergründlich – es ist eben "just like anything else", grade so wie alles andere auch. Und das ist die pointierte Zusammenfassung von Allens Philosophie.
Als Beispiel zur Unterstreichung dieser Weltsicht dient Allen eine Passage durch das Leben des jungen Gagschreibers Jerry Falk (Jason Biggs), von diesem selbst in Durchbrechung der vierten Wand erzählt. Jerry lebt in einer chaotischen Beziehung mit Amanda (Christina Ricci), die nicht mehr mit ihm schlafen will und deren nörgelnde Mutter in das kleine gemeinsame Appartement einzieht. Er hängt allzu sehr an seinem Agenten (Danny DeVito), der eigentlich eher in die Bekleidungsbranche gehört, und er gibt allzu viel auf die Ratschläge seines alten Freundes und Kollegen Dobel (Allen selbst), der scharfsichtig die Welt analysiert und daraus paranoide Schlüsse zieht.
Allens Filme sind immer gleich, und sie sind jedes Mal originell. ANYTHING ELSE kann als eine Art Zusammenfassung des Denkens Allens gelten: Es ist nicht Neues dazugekommen, in knapp über 100 Minuten werden seine Gedanken noch einmal vorgetragen, ohne, wie in den letzten Filmen, zur Sitcom, Screwball-Stilübung oder zu selbstreflexivem Slapstick zu werden. Die im Grunde traurige Geschichte um einen jungen Menschen in einer Lebenskrise wird erzählt, und dass es tatsächlich witzig ist, liegt an Allens Galgenhumor, den er seinen Figuren in den Mund legt. Man muss eben über ein Leben, dem jeder Sinn und jede Hoffnung abhanden gekommen ist, wenigstens einen Witz machen, es ist schließlich auch nur just like anything else.Mitunter hat man im Lauf des Films das Gefühl, dass die Geschichte verloren geht in allzu schematisch gestrickten Figuren, dass der Lauf des Films keinen wirklichen roten Faden hat. Und die Hoffnungslosigkeit des Lebens, die immer wieder angesprochen wird und um die es in dem Film geht, lediglich an einer scheiternden Liebesbeziehung festzumachen, ist etwas zu undienlich.
Wenn sich dann aber am Ende die karikaturhafte Holocaust-Paranoia von Dobel als wirklich ernst herausstellt, nachdem er den ganzen Film über eine eher besserwisserische Witzfigur mit merkwürdigem Waffenwahn und ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn war, wenn sich am Ende in einer einzigen Szene diese ironisch überzeichnete Figur als wirklich ernsthaft angelegten Charakter entpuppt, dessen ganzer Intellekt ihn nicht vor Irrationalität schützt, wenn in einem Moment der keimenden Zuversicht, in dem schon alles auf ein hollywood ending hindeutet, diese Nebenfigur, gegen den Strich gebürstet wird und sich mit ihr eine ganz sacht erzählte dramatische Katastrophe abspielt, dann hat sich der Film nicht nur gefangen, sondern er hat einen der wirklich bleibenden Allen-Momente kreiert, in dem die Tragödie des Lebens die filmische Komödie durchbricht.