Identitätenkrise
von Harald Mühlbeyer
THE BOURNE SUPREMACY
USA/BRD 2004.
R: Paul Greengrass. B: Robert Ludlum, Tony Gilroy. D: Matt Damon (Jason Bourne), Franka Potente .(Marie), Brian Cox (Ward Abbott), Julia Stiles (Nicky), Karl Urban (Kirill).Im ersten Teil hatte er seine Vergangenheit verloren und Franka Potente gefunden. Im zweiten Teil verliert er Franka und versucht, seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Verwischte Erinnerungsfetzen quälen Jason Bourne, und ganz merkwürdig weckt der Film die Erinnerungsfetzen im Zuschauer an den ersten Teil auf, und er produziert selbst wieder Erinnerungsfetzen: mit schnellen, fragmentarischen Schnitten bei Verfolgungsjagden durch die Slums in Indien oder durch die Straßen in Moskau nimmt er die Ästhetik der Erinnerungsträume von Bourne auf und transportiert sie in den Alptraum seiner Wirklichkeit.
Es geht um Öl und viel Geld bei dem Verbrechen, dem Mord an zwei CIA-Mitarbeitern, der Bourne, dem Verschollenen, in die Schuhe geschoben wird; seine Freundin, mit der er ein gefestigtes Leben führt im Strandhaus in Indien, wird getötet, dabei war eigentlich er gemeint. Mit ihr, mit Marie, hatte er im ersten Teil seine Identität gesucht, die Menschlichkeit hinter der Killermaschine entdeckt. Nun entwickelt er sich zurück, hält sich nicht auf mit Trauer. Sein Instinkt als Killer erwacht, wie ein Automat bewegt er sich, mechanisch und sicher, mit festem, nichtssagendem Gesichtsausdruck und einer Art Tunnelblick, aufs Ziel konzentriert, versucht er, sich aus dem Netz zu ziehen, das die Verschwörung aus dem Herz der CIA und aus dem Herz russischer Korruption um ihn spinnt.
Die Dramaturgie ist ungewöhnlich, sie ist flotter Spionagethriller mit Anleihen bei James Bond, und doch mit einem Helden, der nicht weiß, wohin ihn die Reise führt, der seine Rolle erst finden muss, der, erstaunlich für den Mainstream, keinen Love Interest hat; mit einem Höhepunkt, aber ohne Showdown, und mit einem Ende ohne endgültigen Abschluss.
Fast subversiv ist das, unkonventionell und gegen den Strich, und genau deshalb spannend in seiner Aneinanderreihung von Standardsituationen. Und es ist ein Film des Old Europe, der Berlin als ebenso spannungsheischenden Ort wie New York entdeckt. Ein Film, in dem eine Nichtperson, ein Neutrum, sich stellt gegen die Machenschaften des amerikanischen Imperiums, das ohne Moral und Skrupel seine Interessen durchsetzt, sich dabei mit zwielichtigen Gestalten abgibt – verkörpert durch den Kopf der Verschwörung im CIA-Establishment, der von sich sagt: "I'm a patriot, I love my country." Es geht um Öl und es geht um Macht und es geht um eine "attac"-Demonstration am Berliner Alexanderplatz, die Bourne nutzt, um seinen Häschern zu entkommen.
Hier gehts zu einer weiteren Kritik am Film, diesmal von Bernd Zywietz.