Gegenschuss
von Louis Vazquez

BOWLING FOR COLUMBINE
USA/Kanada/Deutschland 2002
R+B: Michael Moore; K: Brian Danitz, Michael McDonough

An dieser Stelle sollte eigentlich ein Verriss stehen: Ridley Scotts Helden-Donnergewitter BLACK HAWK DOWN bruchlandet demnächst doch noch in hiesigen Kinos und ist schon jetzt ein Klassiker des Mobilmachungsfilms – ein propagandistisches Stück, so laut wie unlauter. Kurz nach Redaktionsschluss rettet die Kavallerie diese Heftseite: Prokino startet einen diskussionswürdigen Dokumentarfilm, den kein Europäer gemacht hat. Michael Moore aus Michigan ist wieder unterwegs in zivilisatorischen Abgründen. Der für ROGER AND ME preisgekrönte und zuletzt besonders im Fernsehen erfolgreiche Filmemacher möchte diesmal ergründen, warum gerade in Amerika so viele Menschen mit Schusswaffen ermordet werden. Auf den Spuren der beiden Amokläufer der Columbine-Highschool in Littleton sucht Moore investigativ in einem Umfeld, das auch ihm aus seiner Kindheit vertraut ist, nach Gründen. Seine Reise wird ihn quer durch die Vereinigten Staaten bis nach Kanada führen.

Gerne werden in den Boulevardmedien und von selbsternannten und fleißig zitierten Experten Rock- (Marylin Manson) und Medienstars (Matt Stone, SOUTH PARK) als Gewaltverursacher ausgemacht. Im Gespräch mit Moore erweisen sich die beiden Angeklagten jedoch als nachdenkliche und ganz umgängliche Zeitgenossen, deswegen schaut der Regisseur sich noch mal genauer in der örtlichen Bowlingbahn um. Wenn die Attentäter von Littleton nicht gerade harte Musik hörten, waren sie sehr oft bowlen – auch am Morgen des Massakers. Liegt hier der Hund begraben? Der Fall scheint klar: Moore führt endlich die Gleichberechtigung der beliebten Kausalketten ein. BOWLING FOR COLUMBINE heißt auch sein Film.

Bald freilich dringt der Filmemacher zu wesentlicheren Ursachen für Wut und Entladung vor: Rassismus, Waffenfetischismus und die irrationale suburban angst vor der scheinbar allgegenwärtigen Kriminalität, die sich mit ein oder zwei Waffen unter dem Kopfkissen besser ertragen lässt. Moore montiert Ausschnitte aus TV-Sendungen, Nachrichten und Werbung, er fragt die Menschen hinter dem Medium und jene, die sich eher vor der Glotze aufhalten. Bei seinen Recherchen und in seinem Film wirkt Moore weder besserwisserisch, noch führt er Interviewpartner mit unlauteren Mitteln vor. Vielmehr fragt er mit entwaffnender, nur scheinbar naiver Neugierde solange nach, bis die (üblichen) Ressentiments freiwillig nach außen drängen. Er fragt die Bürgermilizen in Michigan nach ihren Motivationen und entdeckt, welche Kaliber nötig sein können, um das verfassungsmäßig garantierte Recht auf Waffenbesitz pflichtbewusst wahrzunehmen. Er fragt einen erfolgreichen Boulevard-Medienmacher, warum er in seiner Sendung die Angst vorm schwarzen Mann schürt und bietet erstaunliche Alternativen zur sofortigen Umsetzung an. Er reist in diverse Städte Kanadas, um zu erkunden, warum es in einem Land mit einer weit höheren Zahl von Schusswaffen als in den USA lediglich zu einem Bruchteil der Todesfälle kommt und die Menschen tatsächlich ihre Haustüren unverschlossen lassen –wie er hört und überprüft: „I was just ckecking if your door is open. Thanks for not shooting me.“

In einem beeindruckenden Finale gerät Moore über eine Star-Map in Hollywood an Charlton Heston, gibt sich über die Gegensprechanlage als Regisseur und langjähriges NRA-Mitglied zu erkennen und bekommt tatsächlich eine Audienz am nächsten Morgen. Als er Heston nach dessen Einschätzung der Ursachen von Gewalt fragt, führt dieser die Mischung der Ethnien in den USA an. Moore fragt mehrfach nach, die Antwort bleibt unrevidiert im Raum stehen, ein gänzlich unreflektiertes Ressentiment, so scheint es. Auch die immer wieder herbeigeredete „besonders“ gewalttätige Geschichte Amerikas lässt Moore nicht gelten. War da nicht noch was in Europa? „Oh, yes, Germany.“ In jedem Moment des Gesprächs liegt die Gefahr des Scheiterns in der Luft. Was wäre, wenn Moore nicht weiter vordringen könnte, plötzlich des Prachtbaus verwiesen würde und zwar schleunigst? Doch Moores Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Als Heston das Gespräch schließlich verstört abbricht und im eigenen Haus wortlos die Flucht ergreift, folgt ihm Moore mit der Kamera einige Meter und hinterlässt, als Heston nicht zurückkommt, ein besinnnliches Abschiedsgeschenk.

Einzelne Momente der Irritation, die Moore selbst beim hartnäckigsten Redneck gelingen, sind freilich beeindruckend. Doch übermächtig rigide scheinen die Bretter vor den Köpfen, übermächtig laut das Klingeln der Kassen der K-Mart-Kaufhauskette, wo Munition jeglicher Art erhältlich ist. Manchmal jedoch bewirkt Moores investigativ-journalistisches Vorgehen mehr als ein Lippenbekenntnis. Um ihn mit dem Schwerpunktthema dieser screenshot-Ausgabe in Verbindung zu bringen: Here is a man who stood up! Mehr zu Moore vielleicht demnächst in diesem Heft oder ab dem 21. November im Kino.

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