Bären, aber keine Einhörner
von Bernd Zywietz

Andreas Friedrich (Hrsg.):
Filmgenres –
Fantasy- und Märchenfilm

Stuttgart 2003.
Reclam. 256 Seiten. 7,- EUR.

Filmgenres – Fantasy- und Märchenfilm

Nach Western und Science Fiction beschäftigt sich der dritte Band der Genre-Reihe von Thomas Koebner mit dem Märchen- und Fantasy-Film. Herausgeber ist diesmal Andreas Friedrich, Studienleiter an der Ludwigsburger Filmakademie. Gemeinsam mit zahlreichen Autoren der Mainzer Filmwissenschaft und ihrem Umfeld hat er zu 58 Filmen Beiträge versammelt, die erhellend und in vielfältiger Weise ihren jeweiligen Gegenstand angehen. Mal wird der Film in seinen gesellschaftshistorischen Kontext eingeordnet (Josef Nagel zu Fritz Langs DIE NIBELUNGEN (D 1922/24)), mal primär als Werk eines Regisseurs oder Subgenres behandelt (Marcus Stiglegger: EXCALIBUR (USA/GB/IR 1981), CONAN THE BARBARIAN (USA 1981)) oder einfach "nur" einer Analyse und Deutung unterzogen (Thomas Klingenmaier: EDWARD SCISSORHANDS (USA 1990)).
Der Ton dabei ist ebenso bunt gemischt: Andreas Friedrich huldigt aus amüsierter Distanz der Tricktechniklegende Ray Harryhausen (THE SEVENTH VOYAGE OF SINBAD (USA 1958)), während wiederum Bernd Kiefer sich tief gehende Gedanken zu PROSPERO'S BOOKS (GB/F 1991) macht. Aber auch Norbert Grob verlängert einmal mehr lustvoll, mitunter atemlos, seines Liebling Wenders DER HIMMEL ÜBER BERLIN (BRD 1986/87) in die Schriftform hinein.

Womit wir auch schon beim Problem wären. Denn, so rätselt man, inwieweit sind Greenaways eigenwillige Shakespeare-Interpretation oder Wenders Essay, aber auch O BROTHER WHERE ART THOU? (USA 2000) der Coen-Brüder Märchen- bzw. Fantasy-Filme?
Die Einleitung des Büchleins, das laut Friedrich "Plädoyer für die Macht der Fantasie" sein will, bietet da wenig Hilfe, im Gegenteil. Zwar hat Friedrich Recht, wenn er das Eingrenzen des Genres mit leichter Untertreibung als "große Herausforderung" erkennt; insofern zeigt sich das Zusammenfassen von Märchen und Fantasy hier ohnehin als geschickt. Einen Bärendienst erweist er sich aber, indem er nutzlose, weil allgemeingültige Kriterien (v.a. dem Beruhen auf Märchen, Mythen etc. oder dem schlichten "Anlehnen" an deren "Tradition") für die Filmauswahl zugrunde legt und damit gerade jener Willkür Tür und Tor öffnet, die er verhindern will. Freilich spielt O BROTHER WHERE ART THOU? mit Homers Odyssee, und in DER HIMMEL ÜBER BERLIN ist die Hauptfigur ein Engel. Das zeigt wunderbar, was man alles aus Ursprüngen und Elementen der Fantasy machen kann. Beide Filme selbst werden dadurch jedoch per se noch nicht zu Märchen- oder Fantasy-Filmen. Zu diesen erklärt sie das bloße Einordnen unter die übrigen, 'echten' Vertreter ihres Genres aber automatisch.

Genau das ist der Knackpunkt, das Problem des Buches mit sich selbst. Es will mehr sein als es seine simple Konzeption erlaubt. Augenfällig ist der Ehrgeiz, die vom Verlag vorgegebene Anlage der bloßen Filmaufstellung zu unterlaufen und über diese hinaus Tendenzen, Grundlagen, Wirkungen und Variationen zu behandeln, was jedoch eines völlig anderen Konzeptes, z.B. einer Essaysammlung, bedürfte.
Das Ergebnis ist daher weder Fisch noch Fleisch, denn für tiefgehende Beschäftigungen fehlt dem ohnehin schmalen Band dann leider doch der Raum. Friedrich selbst kratzt in seinem Beitrag zu den X-MEN
(USA 2000) mit seiner aus drei Sätzen bestehenden Rückführung der Superhelden-Comics auf das Märchen viel zu zag an der repräsentativen Oberfläche – zumal der Film bereits in Koebners Science-Fiction-Band behandelt wurde. Andererseits fehlen wiederum so grundlegende Filme wie Disneys SNOW WHITE (USA 1937) sowie THE LAST UNICORN (USA/GB/JP 1982), die ja äußerst hilfreich waren, das Ansehen eines Genres zu steigern, dessen Geringschätzung Friedrich selbst als weitere große Herausforderung ausmacht.
Das Buch wirkt daher wie ein Ergänzungsband ohne Grundlage, lotet Grenzbereiche aus, ohne zuvor ein Zentrum, von dem ausgegangen werden kann, etabliert zu haben. Die Beiträge, aller Güte zum Trotz, verkommen zu einzelnen Schlaglichtern. Ordnet man sie nicht selbst in einen größeren Kontext – was nicht zu verlangen ist – bleibt es bei einem reinen Lesebuch.
Dem Reclam-Verlag ist es so jedenfalls gelungen, weniger ein Paradebeispiel für die Schwierigkeit im Umgang mit einem unmöglichen Genre zu liefern als eine immerhin anregende Variation des Scheiterns daran.

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