Welten träumen, Film träumen
von Paavo Ondreka

Leo Karrer, Charles Martig (Hg.):
Traumwelten. Der filmische Blick nach innen.
Marburg 2003
Film und Theologie Bd. 4. Schüren Verlag. 236 Seiten. 14,80 EUR

Der Sammelband Traumwelten reflektiert aus philosophisch-theologischer und ästhetischer Perspektive die Funktionalität und Sinnhaftigkeit von Traumdarstellungen im narrativen Film.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit der "Ästhetik des Kinos als sozialem Ort des Träumens und Erinnerns" stehen Einzelwerkbetrachtungen für das Traumthema relevanter Regisseure. Die Beschäftigung mit Luis Buñuels UN CHIEN ANDALOU (F 1928) und insbesondere LE CHARME DISCRET DE LA BOURGOISIE (F 1972) dient dem Verfasser Moritz Geisel dazu, ausführlich über die zentrale Rolle des Traums für die surrealistische Bewegung zu sprechen. Ebenso detailliert analysiert Dietmar Regensburger Traumstrukturen bei Ingmar Bergman anhand von SMULTRONSTÄLLET (S 1957), PERSONA (S 1966) und VARGTIMMEN (S 1968). Auch David Lynch, der Schöpfer von "Lynchville" – jenes selbstreflexiven ästhetischen Universums – geht mit dem Traumthema im Sinne "einer selbstbezüglichen Ästhetik des Unheimlichen" (Charles Martig) um. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt Martig die Filme BLUE VELVET (USA 1985), LOST HIGHWAY (USA 1996) und MULLHOLLAND DRIVE (USA 2001). Thomas Binotto stellt den australischen Filmemacher Peter Weir vor, der seit den 1980er Jahren mit Filmen wie WITNESS (USA 1985) oder THE TRUMAN SHOW (USA 1998) in Hollywood als "Traumwandler zwischen den Welten" arbeitet. Gleich zwei Artikel gelten Laetitia Massons assoziativ-halluzinatorischer Persönlichkeitsstudie LOVE ME (USA 2000), in der sich die Protagonistin Gabrielle (Sandrine Kilberlain) in den Sänger Lennox (Johnny Hallyday) verliebt und in der die Ebenen zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr zu trennen sind. Ulrike Vollmer widmet sich der Konstruktion "weiblicher Identität zwischen Traum und Wirklichkeit", Matthias Müller beschreibt "den Traum von einer Wirklichkeit der Liebe".

Sigmund Freuds Traumtheorie ist der Gegenstand von drei weiteren Beiträgen des Sammelbands. In Ich träume, also bin ich gibt Walter Lesch einen kurzen Abriss über das so genannte "Traumargument" in der Philosophiegeschichte, womit die Unsicherheit der Unterscheidung von Traum und Wirklichkeit gemeint ist. Im Hinblick auf die ontologische Befragung der äußeren und inneren Wirklichkeit in Wim Wenders BIS ANS ENDE DER WELT (D/F/AUS 1991) und dem Spiel mit dem transgressiven Potential des Traums in Stanley Kubricks EYES WIDE SHUT (UK/USA 1999) plädiert Lesch "für ein Gespräch zwischen Film und Theologie in der Analyse von Traumwelten", das der "Dynamik des Begehrens", der wir im Traum (und in der Religion) begegnen, gerecht wird. Traumdeutung in der Tradition von Sigmund Freud von Hartmut Raguse macht den Leser mit Grundbegriffen der "Traumdeutung" vertraut. Lange Zeit durch aufklärerische Skepsis in den Bereich des Irrationalen verdammt, gehört es – neben ihrem therapeutischen Anspruch – zu den Verdiensten der Freudschen Traumtheorie, das schöpferische Potential der "Traumarbeit" beschrieben zu haben. Auf die in den 1970er Jahren populären psychoanalytischen Ansätze in der Filmtheorie (insbesondere die Untersuchungen des "Dispositivisten" Baudry zur "Traumleinwand") rekurriert Mechthild Zeul in Bausteine einer psychoanalytischen Filmtheorie. Die Analogie zwischen dem auf die Kinoleinwand projizierten Bild und der "Traumleinwand" des Schlafenden besteht für sie – ganz im Sinne Freuds – in der Parallelbewegung des Eintauchens "in die Welt der halluzinatorischen Wunscherfüllung".

Besonders aufschlussreich ist der von Matthias Brütsch durchgeführte, systematische Vergleich von Werken der klassischen Filmtheorie (Hugo Müsterberg, Béla Balázs, Rudolf Arnheim, Siegfried Kracauer und Jean Mitry) im Hinblick auf Fragen der Subjektivierung und Traumdarstellung im Film. "Sind diese 'feinstes Kunstmittel' oder schlichtweg die 'Verleugnung der filmischen Grundeigenschaften'?" In diesem Spannungsfeld untersucht Brütsch die theoretischen Grundannahmen, die zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt haben.

Neben der Präsentation fundierten filmwissenschaftlichen Wissens, das durch eine eher spärliche Bebilderung ergänzt wird, zeichnen sich einzelne Artikel durch einen weiteren kulturwissenschaftlichen Horizont aus. Alle Beiträge sind durch Querverweise in den – teilweise sehr ausführlichen – Fußnoten miteinander 'verlinkt'. Der Anhang umfasst Kurzbeschreibungen zu den "Filmen im Mittelpunkt", ein Verzeichnis der erwähnten Filme (leider ohne Seitenangaben) und eine Auswahlbibliographie, die in die Bereiche Zur Filmtheorie und Filminterpretation, Zur psychoanalytischen Theoriebildung und Philosophische und theologische Zugänge untergliedert ist. Traumwelten sei allen Interessierten an einem breit gefächerten Traum-Diskurs in Ergänzung zu dem von Bernard Dieterle herausgegebenen Sammelband Träumungen. Traumerzählungen in Film und Literatur. (St. Augustin: Gardez-Verlag, 1998) empfohlen. Der vorliegende Band zeigt, dass die Begegnung zwischen Film und Theologie in einem von Walter Lesch formulierten anthropologischen Sinne konsequent durchführbar ist: "das Wünschen oder (…) das Begehren ist eine wichtige Triebfeder unseres Denkens und Handelns, vielleicht sogar stärker als das moralisch Gebotene oder das intellektuell richtig Erkannte."

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