Zeit und Film im Kino
von Harald Mühlbeyer
Christine Rüffert / Irmbert Schenk / Karl-Heinz Schmid / Alfred Tews / Bremer Symposium zum Film (Hg.)
ZeitSprünge
Wie Filme Geschichte(n) erzählen
192 Seiten. 206 Fotos. Bertz Verlag. Berlin 2004. 14,90 EUR.Wenn wir im Dunkel des Kinosaals einen Film erleben, verlassen wir die Zeit der äußeren Welt und tauchen ein in die künstliche Welt des Films. Im Film wird ein erfundenes Universum präsentiert in Raum und Zeit; um diese Zeit, die der Film konstruiert und dem Zuschauer vorlegt und mit der er auch spielt, ging es im Januar 2003 beim achten Bremer Symposium zum Film. Die Referate des Symposiums sind nun als Aufsätze in vorliegendem Buch versammelt.
Die Beiträge von fünfzehn internationalen Wissenschaftlern und Praktikern oszillieren (man muss sagen: leider) zwischen nett und banal. Wenn die verworrene Handlung in Amenàbars ABRE LOS OJOS (E 1997) referiert wird, wenn der Regisseur Harun Farocki über eine seiner Videokunstinstallationen berichtet, wenn Stummfilmfragmente und Found-Footage-Material vorgestellt werden, die jeweils irgend etwas mit dem Meer zu tun haben, oder wenn Flashbacks in Zusammenhang mit Holocausttraumata erörtert werden (wobei gleich zwei Autorinnen Ähnliches über Sidney Lumets THE PAWNBROKER (USA 1964) schreiben, offenbar ohne voneinander zu wissen), dann weisen diese Untersuchungen spezieller Fälle nicht über sich selbst hinaus. Nur wenige Texte wagen den Sprung vom Besonderen ins Allgemeine. Und dann bleibt der Versuch manchmal in Allgemeinplätzen stecken, etwa wenn verschiedene Möglichkeiten, zwischen zwei Filmsequenzen mit einer Blende oder einem Reißschwenk Zeit zu überbrücken, ganz einfach nur aufgezählt werden. Merkwürdig auch, dass sich in diesem Band, der die Behandlung von Zeit im Film diskutiert, keinen Beitrag findet zu Zeitreise-Filmen, die ja in ihrem Inhalt genau diese Problematik thematisieren.
Nur wenige Aufsätze schaffen es, ausgehend von einem speziellen Fall allgemein gültige Thesen aufzustellen, etwa wenn Georg Seeßlen die Zeitstrukturen in David Lynchs Filmen auf die Epoche der Postmoderne bezieht. Der interessanteste Artikel aber stammt von Stefan Drößler, dem Leiter des Filmmuseums München. LOLA MONTEZ (BRD/F 1955) kam in drei verschiedenen Sprachfassungen heraus, wurde verschiedentlich synchronisiert, gekürzt und umgeschnitten, und erst kürzlich gelang unter Drößlers Verantwortung in der Rekonstruktion des Films eine weitest gehende Annäherung an die französische Premierenfassung. In spannender Umkehrung der Perspektive wird hier nicht beschrieben, wie der Film mit Zeit, sondern wie die Zeit mit dem Film umgeht.
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