"Hey, Taxi"
von Harald Mühlbeyer
COLLATERAL
USA/ESP 2004
D: Michael Mann. B: Stuart Beattie. D:
Tom Cruise (Vincent), Jamie Foxx (Max), Jada Pinkett Smith (Annie).Die Menschen haben einen Punkt, an dem sie sich der Selbstsicherheit ihres Lebens vergewissern können: Ein Foto mit einer Insel, eine Begegnung mit Miles Davis, oder eine Liste mit Aufträgen. Und dann, ganz zufällig, kann eine Begegnung in einer Nacht alle Selbstgewissheit, jede Stabilität im Leben über den Haufen werfen.
Die Bilder sind fahrig und wacklig, hinten in der Unschärfe verschwimmen die grellen Lichter der nächtlichen Straße, und häufig ist das Bildzentrum verschoben, nicht auf der Person, sondern auf dem verwischten Hintergrund. Der Film ist von rhythmisierter Nervosität, wie der Jazz, den sich Max, der Taxifahrer, und Vincent, der Killer, in einem Club anhören.
Vincent taucht am Anfang aus der anonymen Menschenmenge auf, Tom Cruise ist zum ersten Mal mit silbernem Haarschopf zu sehen. Max kann im Rückspiegel kurze Blicke auf andere erhaschen, Ausschnitte aus ihrem Leben; auf dem Dach des Taxis Werbung für Bacardi Silver. Vincent setzt sich in Max' Taxi, und Max wird hineingezogen in einen Alptraum, aus der Hauptrolle seines Lebens zur Nebenfigur degradiert. Er kann nicht anders als Vincent, den Auftragsmörder, zu kutschieren, der im Fond sitzt und ruhig und überlegen seine Wünsche äußert, er fährt von Station zu Station, und jedes Mal gibt es Tote.
Es dauert, bis Max sein Selbst wiederfindet und sich zu wehren vermag. Doch davor steht die langsame Demütigung der Identität, ein Infragestellen der Logik des Lebens, in Gesprächen und Taten, die er mit Vincent ausführt.
Michael Mann weiß, eine Stadt in Szene zu setzen und darin zwei Männer aufeinandertreffen zu lassen, die sich gegenseitig mehr und mehr zum Gegner werden. Er führt Wege zusammen, der Killer und der Cop gemeinsam im Aufzug, ohne voneinander zu wissen, der Killer und die Staatsanwältin, die sein letztes Opfer werden soll in dieser Nacht, auf Rolltreppen einander entgegenfahrend. Die Wege kreuzen sich, doch die Personen beachten einander nicht: In der Stadt ist jeder vereinzelt, das Individuum wird von anderen nicht gesehen. Und doch steht hinter jedem eine Geschichte, der er sich bewusst ist und die sich stets ändern kann: Das Leben als permanente Improvisation.
Erst am Ende beginnt der Film, in konventionelle Schemata zu fallen, nachdem sich Max von Vincents Schatten emanzipiert hat. Nun, da sie von ihrer Gegnerschaft wissen, entsteht eine Schwarz-Weiß-Dramaturgie, Max versucht, die Staatsanwältin zu retten, Vincent, sie zu töten, ein Showdown wird aufgebaut, mit einer Jagd durch die U-Bahn und Schießerei durch die Dunkelheit entlädt sich die Spannung.
Der eigentliche Höhepunkt aber liegt vor dem Showdown, in einer Szene in einer Diskothek, wo Polizei, Opfer, Mörder und Taxifahrer aufeinandertreffen, durch eine anonyme Masse zuckender Leiber von Tanzenden zueinander hin und voneinander weg driften, der Weg versperrt und der Blick beeinträchtigt, wo sich ein Ausweg öffnet und wieder schließt, inmitten von Getümmel und Schüssen und Schicksal.