Surrealismus in Suburbia
von Andreas Rauscher

DONNIE DARKO
USA 2001
R+B: Richard Kelly; K: Steven B. Poster; M: Michael Andrews; D: Jake Gyllenhaal (Donnie Darko), Jera Malone (Gretchen Ross), Mary McDonnell (Rose Darko), Patrick Swayze (Jim Cunningham), Holmes Osborne (Edward Darko).

Eine amerikanische Kleinstadt in den späten 1980er Jahren dient als Schauplatz für einen der Höhepunkte des letzten exground-Festivals. Der Teenager Donnie Darko, ein introvertierter Außenseiter, ist der festen Überzeugung, dass in wenigen Wochen, pünktlich zu Halloween, der Weltuntergang ins Haus steht. Sein schlafwandlerisches Verhalten weckt die Besorgnis seiner Eltern und Lehrer. Als eines nachts ein Flugzeugmotor in Donnies Schlafzimmer stürzt, scheinen sich seine rätselhaften Vorahnungen auf unheimliche Weise zu bestätigen. Doch dieses bizarre Ereignis ist nur der Anfang eines sogartigen filmischen Trips. In DONNIE DARKO geht es neben den klassischen Themen eines Teenagerdramas, wie der ersten großen Liebe und Konflikten mit den Autoritäten, unter anderem auch um ein überdimensionales Kaninchen (eine dämonisierte Harvey-Variante aus der Parallelwelt), das den Protagonisten zu unüberlegten Handlungen veranlasst, und mysteriöse Ereignisse, die auf einen tieferen Zusammenhang zu verweisen scheinen.

Regisseur Richard Kelly inszenierte sein fesselndes Debüt mit einem ausgeprägten Gespür für Atmosphäre und Stil. Er lässt sich gar nicht erst auf eine forcierte Retro-Perspektive ein. Durch den überlegten Einsatz von thematisch mit der Handlung verbundenen Songs von Joy Division und Duran Duran gelingt es ihm, den Zeitgeist der 1980er zwischen teenage angst und Melancholie stimmungsvoll widerzuspiegeln.

Das regressive Klima der Reagan-Ära präsentiert der Film als eine eigenartige Mischung aus Kitsch und Paranoia. Die allgemeine gesellschaftliche Bigotterie der damaligen Zeit bestimmt das Klima in Donnies Schule. Graham Greene wird aus den Lehrplänen verbannt, nachdem man eine seiner Kurzgeschichten als vermeintlichen Auslöser für die Überflutung der Schule ausgemacht hat. In qualvollen Nachhilfestunden soll den Kids mit Hilfe penetranter Videolektionen der Unterschied zwischen Gut (Love) und Böse (Fear) nahegebracht werden, schmierige Motivationstrainer drillen ihnen die „Power of positive thinking“ ein. Lehrer, die den Schülern selbständiges Denken zu vermitteln versuchen, verlieren in kürzester Zeit ihren Job. In der Umsetzung dieser Thematik ironisiert DONNIE DARKO konsequent jene aufdringlichen Klischees, in denen sich Betroffenheitsschnulzen wie DEAD POETS SOCIETY (USA 1988) genüsslich verlieren.

Die Spurensuche nach den Abgründen hinter den Fassaden des kleinstädtischen Lebens erinnert streckenweise an David Lynch, verlegt in das Ambiente der frühen Spielberg-Produktionen. Im Unterschied zu den verschlungenen, multi-perspektivischen Americana-Labyrinthen Lynchs konzentriert sich Kelly systematisch auf seinen jugendlichen Protagonisten. Die Sicht des äußerlich apathischen und gleichzeitig innerlich stets aufgewühlten Teenagers erinnert an die surrealen Kindheitsdramen, die der Schriftsteller und Regisseur Philip Ridley in seinen Filmen THE REFLECTING SKIN (USA/CAN 1990) und THE PASSION OF DARKLEY NOON (USA 1996) entwirft.

Das Eindringen des Unheimlichen in die Welt der Vorgärten und weißen Zaunpfähle erzielt bei Lynch seine Wirkung aus der langsamen Auflösung zwischen alltäglicher Banalität und bizarrem Alptraum. Bei Ridley spitzt sich hingegen der Schrecken in jenem Moment zu, in dem die kindliche Fluchtbewegung vor dem repressiven Umfeld ihre Unschuld verliert und unmittelbaren Einfluss auf die Realität nimmt. DONNIE DARKO vereint beide Strategien zu einem eigenständigen Ansatz. Neben der eindrucksvollen visuellen Gestaltung gewinnt der Film an zusätzlichem Reiz, indem er die für die 1980er prägende Stimmung zwischen Camp und Apokalypse in die Handlung einbringt. In einer pointierten Sequenz, die das Wechselspiel zwischen diesen beiden Gegensätzen zum Ausdruck bringt, besucht Donnie mit seiner Freundin ein Double Feature. Sie befinden sich alleine mit dem nur für ihn sichtbaren Kaninchen in dem dunklen Kinosaal. Donnie ringt im Zuschauerraum mit seinen eigenen inneren Dämonen, während auf der Leinwand der unerschütterliche Bruce Campbell in Sam Raimis Trash-Horrorklassiker THE EVIL DEAD (USA 1982) gegen die Zombielegionen kämpft. Apokalypse und Absurdität befinden sich in diesem bizarren filmischen Kosmos nur einen Schnitt voneinander entfernt.