Pixar fischt Pixelfische
von Jörg C. Kachel

FINDING NEMO
USA 2003
R+B: Andrew Stanton; M: Thomas Newman; D: Albert Brooks (Marlin), Ellen Alexander Gould (Nemo), DeGeneres (Dory), Willem Dafoe (Gill), Geoffrey Rush (Nigel), Andrew Stanton (Crush)

Bereits Ende Mai in den USA auf die Leinwände gespült, wird das neueste CGI-Meisterwerk der Firma Pixar in Deutschland leider erst als vorweihnachtliches Treibgut am Kinostrand zu finden sein. Die rührende Vater-und-Sohn-Geschichte erzählt – wie auch das Comic-Drama HULK – von Traumata und Tragödien und bleibt damit ebenso zeitlos wie zeitnah. Der etwas neurotische Clownfisch Marlin verliert gleich zu Beginn seine Frau und mehrere hundert seiner Nachkommen, es bleibt ihm ein einziges Ei, aus dem nach einer Weile der kleine Sohn Nemo schlüpft. "I promise I'll never let anything happen to you." lautet von nun an Marlins Erziehungsmaxime. Der alleinerziehende und überprotektive Vater impft seinen Sohn täglich mir Regeln und Verboten, außerdem muß eine leicht verkümmerte Flosse Nemos ständig dafür herhalten, dass er nicht die Dinge tun darf, die junge Clownfische in seinem Alter eben so tun. Eines Tages überschreitet Nemo aus Tatendrang und Übermut natürlich die engen Grenzen, die sein Vater ihm setzte. Es kommt zu einer Konfrontation, die mit bösen Worten endet. Nemo schwimmt davon und landet prompt zunächst in einem Netz und dann im Aquarium eines Zahnarztes. Marlin steht nun im Wort und aus dem furchtsamsten Fisch des Ozeans muss ein gewiefter Abenteurer werden, um sich an sein eigenes Versprechen seinem Sohn gegenüber zu halten.

Nachdem Andrew Stanton als Autor für die beiden TOY STORY-Filme, A BUG'S LIFE und MONSTERS, INC. Spielzeug, Käfer und Monster witzige Dialoge hat führen lassen, saß er nun auf Bermudas, nein, in Bermudas auf dem Regiestuhl für einen Schwimmbad füllenden Spielfilm. Die atemberaubenden photorealistischen Computeranimationen von allerlei Meeresfauna und -flora könnten auch aus einer BBC-Dokumentation über das australische Barrier Reef stammen. Die digitalen 'Unterwasseraufnahmen' werden wundervoll vom stimmigen Soundtrack von Thomas Newman untermalt. Pixar und Disney scheuten wiederholt keine Mühen bei der Wahl der Sprecher für die digitalen Zierfische: Albert Brooks als neurotischer Vater, Willem Dafoe als tougher, narbiger Draufgänger mit Gefängnisstreifen und Ellen DeGeneres als Babbelfisch erster Kajüte machen ihren Job bestens. Dory ist es auch, die dem Fischvater auf der Suche nach seinem Sohn beide Kiemen abkaut. Für sie ist das Fischglas immer halb voll statt halb leer. Der Umstand, dass sie über ein leckes Kurzzeitgedächtnis verfügt, bietet genügend Stoff für spritzige comic relief-Situationen. Auch der Große Weiße Hai darf natürlich nicht fehlen. Er heißt Bruce und wurde somit von Pixar nach dem Animatronics-Modell für Steven Spielbergs Film JAWS benannt.

Viel Meer als ein Sturm im digitalen Wasserglas ist der 'neue Pixar' definitiv. Er ist mehr als nur ein aufgepeppter Bildschirmschoner, erzählt er doch von einer doppelten Entwicklungsgeschichte, die nicht nur für die Zuschauer bis zwölf Jahren spannend sein dürfte, sondern auch den Erwachsenen Spaß und Spannung bereiten dürfte. Der Single-Vater wird nämlich auf seiner Suche nach Nemo zu einer lebenden Legende unter den Riffbewohnern. Dieser heldenhafte Ruf dringt sogar bis in das Aquarium des Sydneyer Zahnarztes und inspiriert den kleinen Nemo, jetzt selbst sein Schicksal in die Flosse zu nehmen und dem gläsernen Gefängnis gemeinsam mit neuen Freunden zu entkommen. Warum Disney den Film erst sechs Monate nach seinem US-Start in die deutschen Kinos bringen wird, ist nicht zu erkennen. Vielleicht will man nicht Konkurrenz mit CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (J 2001) treten, der in Deutschland von Constantin Film nun endlich in die Kinos gebracht wurde. Dabei braucht FINDING NEMO sich nicht zu verstecken. Seine Zugehörigkeit zu einem anderen Kulturkreis und die gänzlich unterschiedliche Art der Animation machen diese beiden Filme nämlich schwer vergleichbar. Es bleibt also nur hoffen, dass die Entscheidung für den späten Kinostart dem Wohl der deutschen Synchronisation dienen wird.

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