Unser Goldbär
von Harlad Mühlbeyer

GEGEN DIE WAND
D 2004
R+B: Fatih Akin; D: Birol Üner (Cahit), Sibel Kikelli (Sibel), Catrin Striebeck (Maren), Güven Kiraç (Seref)

Frisch verheiratet!

Eine der merkwürdigsten Fragen der diesjährigen Berlinale war die an Fatih Akin, warum er denn immer Filme über Türken in Deutschland mache, ob er denn nicht auch einmal einen rein deutsch besetzten Film drehen könne. Mit Recht echauffierte sich Akin, dass er wie auch seine Darsteller Deutsche seien, hier geboren, hier aufgewachsen, deutsch sprechend und lebend, wenn auch in zweiter oder dritter Generation türkischer Abstammung. Und darum geht es in seinen Filmen: Fremdstämmige in Deutschland. Das müssen keine Türken sein, es kann auch einmal um die Geschichte einer italienischen Gastarbeiterfamilie im Ruhrpott gehen.

Doch anders als in dem langen und etwas unausgegoren wirkenden SOLINO (D 2002), einem Film, zu dem Akin nicht selbst das Drehbuch geschrieben hat, konzentriert er sich in GEGEN DIE WAND wieder auf seine Stärken: das Leben von türkischen Deutschen in Hamburg zwischen Verleugnung der Abstammung und Hochhaltung der Tradition, das zwischen Witz und Melodramatik balanciert, ein Leben, wie es sich in Wirklichkeit nicht abspielt, das aber als filmische Konstruktion funktioniert. Seine Welt wird bevölkert von merkwürdigen Figuren, die merkwürdige Dinge tun, die aber im Kontext glaubwürdig und echt wirken. Und aus jeder Einstellung strahlt Akins Leidenschaft für filmisches Erzählen, das nie den Zuschauer und die Wirkung auf ihn vergisst.

In diesem Fall ist die Hauptfigur Cahit ein Loser, wie er im Drehbuche steht. Einer der gerade so durchkommt, indem er in einem Musikclub leere Flaschen aufsammelt, ein vierzigjähriger Alkoholiker mit verfilzten Haaren und einer versifften Wohnung, ein Herumtreiber, der sich engeren sozialen Beziehungen verweigert, der ein paar Kumpel hat und der ab und zu mit Maren ins Bett geht. Einer, der sich bewusst dem bürgerlichen Leben ablehnt und der die Unabhängigkeit liebt. Dem aber dennoch etwas fehlt, etwas, das er nicht bestimmen kann, das er vielleicht gar nicht bemerkt. Jedenfalls fährt er irgendwann mal mit voller Wucht im Auto gegen eine Hausmauer. Im Krankenhaus, in der geschlossenen Abteilung für Selbstmordgefährdete, lernt er die junge Sibel kennen und diese macht ihm sofort einen Heiratsantrag. Sie will ihrer strengen Familie entfliehen, ihrem Bruder, der sie geschlagen hat, weil sie einen Freund hatte, ihrem Vater, der seine patriarchalischen Traditionen aufrechterhalten will. Deshalb hat sie sich die Pulsadern aufgeschnitten, und deshalb will sie Cahit, den unbekannten, aber türkischen Mitpatienten, ehelichen. Der erklärt ihr erst mal, dass man die Handgelenke nicht quer, sondern längs aufschneiden darf, willigt aber dann doch in die Scheinehe ein. Nach einer peniblen Begutachtung der Familie erhält er den Zuschlag, und die beiden ziehen zusammen - nach außen verheiratet, nach innen eine reine Zweck-WG, die die jugendliche Unverbindlichkeit in Sibels Leben bewahren soll.

Sie beide leben ihr Leben weiter wie bisher, aber etwas beginnt sich zu ändern. Besorgtheit für den anderen entsteht, Freundschaft, schließlich stellt sich Eifersucht ein gegen die Liebhaber des jeweils anderen: das ist stringent und mit Witz erzählt, diese Geschichte zweier Entwurzelter, die sich aneinander klammern, die langsam zusammenwachsen. Doch dann werden sie getrennt, und im letzten Drittel des Films verändert sich die Geschichte zum offen Melodramatischen, eine Wendung, in die sich der Zuschauer einfinden muss, weil sie eine Änderung im Erzählfluss, im Tempo, in der Perspektive mitbringt.

Sie ist nun in Istanbul, er im Gefängnis, und sie muss sich zurechtfinden, wo sie sich nicht zurechtfinden kann. Istanbul, die moderne Stadt, ist ihr fremd, auch wenn sie weit weniger traditionalistisch ist wie die Welt, in der ihre Hamburger Familie lebt. Ging es zuvor im Film um die Entstehung einer Liebe, um die Veränderung im eigenen Leben, die das Lieben mit sich bringt, lernen wir nun die Figuren als wirklich Verlorene kennen, die nirgendwo hingehören. In Deutschland sind sie keine Deutschen, in der Türkei keine Türken, und irgendwann sind sie auch sich selber nicht mehr genug. Akin will nicht auf einen Liebesfilm hinaus und auch nicht auf bloßes Multi-Kulti, sondern mit den Mitteln eines Films, der Verdichtung und Überspitzung gekonnt und bewusst eine hoffnungsvolles Drama erzählen, in der Abnabelung, Entwachsen aus dem Alten, das Finden der eigenen Wurzeln die Voraussetzung für das Menschwerden sind.

Bestellen Sie jetzt schnell und günstig bei unserem Partner Amazon.de
den Roman zum Film oder den wunderbaren Soundtrack auf CD.