25 Jahre HALLOWEEN
von Bernd Zywietz
• Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 2.0, Dolby Digital 5.1) Englisch (Dolby Digital 2.0, Dolby Digital 5.1)
• Bildformat: 2.35:1John Carpenters HALLOWEEN - DIE NACHT DES GRAUENS (Limited Edition Box)
Erschienen: 31.10.2003
Marketing Film
FSK 16
DVD Features:
• Limitiert und nummeriert auf 5000 Stück
• DVD 1: ungekürzte Kinofassung in Deutsch-Dolby Digital 5.1/2.0 und Englisch-Dolby Digital 5.1/2.0
• DVD 2: 12 Minuten längere TV-Fassung in Deutsch-Dolby Digital 5.1/2.0 und Englisch-Dolby Digital 2.0
• Making Of, Slideshow, Trailer, Bio- & Filmographien, Hintergrundinfos, Goofs uvm.
• 8-seitiges Booklet mit vielen Infos, Fotos uvm.Jemand schleicht ums Haus. Durch seine Augen schauen wir in die Fenster, beobachten die junge Judith Myers, die sich mit ihrem Freund amüsiert. Wir betreten das Haus, Kinderhände nehmen ein übergroßes Messer, setzen eine Maske auf und ermorden, als diese wieder allein vor dem Spiegel sitzt, die nackte Judith. Der Mörder ist ihr sechsjähriger Bruder Michael. Es ist der 31. Oktober - Halloween.
Mit dieser fast vierminütigen Plansequenz, einem Paradebeispiel für den Einsatz der Steadycam, beginnt John Carpenters Klassiker aus dem Jahr 1978, seinem vierten Film. Für lediglich 300.000 Dollar produziert und mit Jamie Lee Curtis in ihrer Debütrolle, wurde er ein Riesenerfolg. Allein in den ersten drei Jahren spielte er über 60 Millionen US-Dollar ein. Dabei lebt HALLOWEEN (USA 1978) ausschließlich von der grandiosen Stimmung und Atmosphäre, die Carpenter zu kreieren versteht, und weniger von einem ausgefeilten Plot: 15 Jahre nach dem Mord an seiner Schwester bricht Michael Myers aus der Irrenanstalt aus und kehrt wiederum am 31. Oktober, verfolgt von seinem Psychiater Dr. Loomis (Donald Pleasance), nach Hause zurück, um zwei Teenagern, die sich in gegenüberliegenden Häusern als Babysitter verdingt haben, nachzustellen.
Carpenter, der hier wie so oft in seinen Filmen für die minimalistische aber irritierende Musik zuständig war und mit seiner Lebensgefährtin Debra Hill das Drehbuch schrieb, schuf ein kleines Meisterwerk des Films und einen Meilenstein des Genres. Die Figur des stummen Mörders, der mit seiner weißen Maske in der Halloween-Nacht die Kleinstadt Haddonfield, Illinois unsicher macht, hat es zu Serienruhm mit bisher neun Folgen gebracht, wobei die Qualität der einzelnen Filme zwischen solide bis jämmerlich changiert und der dritte Teil, HALLOWEEN III: SEASON OF THE WITCH (USA 1985) von Tommy Lee Wallace lediglich dem Namen nach zur Reihe gezählt wird.
HALLOWEEN wird oft als Einstand des Horror-Subgenres Slasher-Film bezeichnet und somit als Vorreiter blutrünstiger Werke wie der NIGHTMARE ON ELM STREET- oder FRIDAY THE 13TH-Reihe. Zu unrecht. Denn anders als seine "Nachfolger" konzentriert sich HALLOWEEN nicht auf Schock- oder Ekeleffekte. Vielmehr sind hier die Morde fast schon befreiender Höhepunkt einer suggestiven Suspense, die auch der vorzüglichen Kadrierung und Kameraführung zu verdanken ist. Der Mörder, in den Credits nicht umsonst als Stalker bezeichnet, verfolgt und umschleicht die Opfer wie ein weißer Hai: ruhig, gefühllos, unerbittlich. Entsprechend inszeniert ist der Film. Hektisches Schwenken, verkantete Bilder oder billiges cat in the closet-Erschrecken sucht man hier vergebens. Sogar mit dem Blut wird äußerst sparsam umgegangen.
Szenen wie diese sind bis heute unerreicht: Die ahnungslose Annie (Nancy Loomis) geht beim Telefonieren vor dem Fenster auf und ab, die Kamera folgt ihr dabei, um beim zweiten Vorbeigehen im Dunkeln dahinter die bleiche Maske zu streifen - welche sofort wieder verschwunden ist, als sich das Mädchen umwendet. Oder: Die im Bett liegende Linda (P.J. Soles) findet es schon nicht mehr lustig, dass ihr Freund mit einem Bettlaken über dem Kopf stumm in der Tür steht - sie fände es noch weniger lustig, wüsste sie, so wie wir, dass es sich gar nicht um ihren Freund handelt, weil der bereits tot an der Küchenwand hängt.
HALLOWEEN hat (auch) anderweitig neue Maßstäbe etabliert. Zwar verpflanzte schon Hitchcocks PSYCHO (USA 1960) mit Norman Bates (Anthony Perkins) das bis dahin stets von außen, aus dem All, finsteren Schlössern oder futuristischen Labors stammende Böse in das Herz der Gesellschaft hinein. Doch musste der nette schüchterne Junge von nebenan noch in einem abgelegenen Wüstenmotel sein Unwesen treiben und mit einer psychopathologischen Erklärung greifbar gemacht werden. Carpenters Michael Myers als gesichtsloses unerklärliches Phantom hingegen geistert direkt durch die Vorgärten und Alleen der Kleinstadt, womit ihre Allerweltsidylle nicht unheimlicher aufgeladen werden könnte. Vor allem darin liegt Carpenter Stärke. Wenn Laurie (J.L. Curtis) mit einem Kürbis im Schoß auf der Gartenmauer sitzt und den Blick schweifen lässt, die vertrocknenden Blätter rascheln und sich das Dämmerlicht über die Straßen herabsenkt, hat man selten einen authentischeren Oktoberabend gesehen, einer wie er überall zu finden ist. Carpenter stellt ihn mit einfachen, stimmungsvollen Bildern dar, ohne die Überzeichnung eines David Lynchs, weil Carpenter nichts enthüllt, sondern die Idylle mit ihrem Gespenster-Fest magisch auflädt. Er verleiht ihr Schönheit und Tiefe, romantisiert sie in bestem Sinne, indem er ihre Heimsuchung zelebriert. Genau davon handelt HALLOWEEN, das verspricht die tagline des Kinoplakats: "The night HE came home." "Der Tod ist in ihre kleine Stadt gekommen, Sheriff", erklärt Dr. Loomis dem Ortspolizisten (Charles Chypers), dessen Tochter eines der Opfer sein wird. Und zum Schluss, wenn Michael Myers trotz aller Messerstiche und Schüsse in die Nacht verschwunden ist, behält Loomis recht. Das maskierte Phantom erweist sich als mehr als nur ein geisteskranker Mörder: Er ist das Böse, der leibhaftige Schwarze Mann. (Erst in den Fortsetzung wird Myers zu einem dumpfen Jemand degradiert, der "nur" hinter den verbleibenden Familienmitgliedern her ist.) Das friedliche Tür-an-Tür-Leben jedenfalls, für das Haddonfields Sheriff Brackett einsteht, erfährt damit seine Berechtigung, ebenso wie das sinnentleerte Maskenspektakel Halloween als Totenfest wieder auf seinen mystischen Ursprung zurückgeführt wird.
HALLOWEEN ist zum 25. Jubiläum in Deutschland nun endlich auch mit dem englischen Originalton erschienen, und nicht nur das. Man hat die Wahl zwischen der Kinofassung, der TV-Extended Version, einer diese beiden DVDs beinhaltenden Limited Edition sowie der Perfect Collection in einer Metallbox, die ebenfalls aus beiden Versionen besteht, dazu aber noch eine DVD mit Bonusmaterial und die Soundtrack-CD aufweist. Soweit die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass die gesamte Palette von Marketing-Film herausgebracht wird, die auch schon für die ersten HALLOWEEN-Ausgaben verantwortlich sind - eben jene, die seit längerem für wenige Euro sowohl bei diversen Kaufhäusern als auch en masse über eBay zu haben sind.
Entsprechend ist das aktuelle Ergebnis enttäuschend. Neben dem Originalton, der einzig erwähnenswerten Neuerung, bieten die Jubiläumsscheiben nicht, was sie vollmundig versprechen. Die DVD der Kinofassung in der Limited Edition (auf die sich diese Besprechung bezieht) wartet mit einem enervierenden Animations-Intro auf. Aus dem Zusatzmaterial kann man sich neben Nichtigkeiten wie Trailer, TV- und Radiospots, Cover- und Postergalerien immerhin einen minimalen Siskel & Ebert-Auschnitt wählen. Hinzu kommen noch belanglose Texttafeln in haarsträubendem Deutsch u.a. zu den Filmographien oder dem Halloween-Fest: Allen ernstes werden da einem, zum Beispiel unter dem Punkt "Der Slasher-Film", Sätze wie "Michael Myers war ein Typ, der lebte mitten unter uns, mitten in den schön weiß gestrichenen Vororten Amerikas, die wie aus dem Bilderbuch waren" zugemutet.
Mit der TV-Extended Version sieht es kaum besser aus. Immerhin gibt es ein hoffnungslos veraltetes Interview mit John Carpenter, der sich angesichts des technischen und personellen Dilettantismus' der Macher ein Grinsen nicht verkneifen kann. Doch dies war schon auf der alten, billigen Extended-DVD zu sehen. Und an Betrug grenzt fast schon die sogenannte "Dokumentation zur TV-Fassung". Diese besteht nämlich, abgesehen von vier Sätzen des Regisseurs und eines Produzenten, lediglich aus einer Aneinanderreihung der speziell für das Fernsehen nachgedrehten Szenen, die nett, aber belanglos sind und auch nur angefertigt wurden, um den Film auf die notwendige Länge zu bringen.
Nein, trotz hübscher Pappschachtel ist diese Limited Edition ein Reinfall, mag ihre Anzahl da noch so begrenzt sein (auf 5.000 Stück nämlich). Alles in allem also ein kleiner, glänzender Film in ärgerlichster Ausstattung. Schade. Wen das trotzdem nicht schreckt - und HALLOWEEN ist es allemal wert - der kann sich getrost mit der einzelnen Kinofassung begnügen, die mitunter schon für 10,- Euro zu haben ist. Ansonsten wende man sich am besten gleich den reichhaltige(re)n ausländischen Ausgaben zu.