Kulturindustrie A Go Go
von Andreas Rauscher

JAY AND SILENT BOB
STRIKE BACK

USA 2001
R+B: Kevin Smith, K: Jamie Anderson, Billy Clevinger, D: Kevin Smith, Jason Mewes, Jason Lee, Ben Affleck, Shannon Elizabeth, Mark Hamill, Chris Rock, Judd Nelson, Carrie Fisher, Morris Day, The Time

1994 landete Kevin Smith mit der im provinziellen New Jersey angesiedelten Supermarkt-Slacker-Studie CLERKS einen unerwarteten Indie-Hit. Ausgehend von alltäglichen Protagonisten entwickelte der Regisseur und Autor im Lauf von acht Jahren und fünf Filmen ein eigenes Universum nach dem Vorbild der DC- und Marvel-Comics. Die Verbindung zwischen den voneinander inhaltlich und stilistisch unabhängigen Geschichten bildet das Dealer-Duo Jay (Jason Mewes) und Silent Bob (dargestellt vom Auteur selbst). Gestaltete sich ihr Auftritt in CLERKS noch als realistischer Running-Gag, avancierten sie im Verlauf der späteren Filme zu deren heimlichen Stars. Es erscheint daher nur konsequent, dass Kevin Smith sein schweigsames Alter Ego und dessen übermäßig gesprächigen Begleiter in den Mittelpunkt des fünften und letzten Films der Reihe stellt.
Sämtliche Darsteller aus den vorangegangenen Filmen treten in JAY AND SILENT BOB in Cameos ihrer früheren Charaktere auf, einige von ihnen sogar in Doppelrollen. Im Unterschied zu den bedeutungsschwangeren Klischees der Generation X zeichnen sich die Filme von Kevin Smith durch originelle Dialoge und ein Gespür für die Absurditäten des Alltags aus. Gerade dadurch erscheinen sie ehrlicher und überzeugender als jene pseudo-authentischen Slacker-Dramen, die mittlerweile zur reinen Routine erstarrt sind. Die Ladenhüter aus dem CLERKS-Quickstop Market verbringen ihren tristen Arbeitsalltag mit Debatten über das Schicksal der Facharbeiter auf Darth Vaders noch nicht fertig gestelltem Todesstern. In MALL RATS hilft Marvel-Comics-Gründer Stan Lee einem der Protagonisten aus dessen Beziehungskrise und CHASING AMY liefert ganz beiläufig eine ebenso präzise wie auf melancholische Weise ironische Milieustudie des Comic-Business.
Selbst Jay und Silent Bob, die auf den ersten Blick allen Generation X-Klischees entsprechen, erweisen sich trotz oder vielleicht gerade wegen des mit ihnen obligatorisch verbundenen Anarcho-Humors als reflektierte Figuren. Nicht nur, dass sie ausgeprägte Vorlieben für John Hughes-Komödien (BREAKFAST CLUB) und die Funk-Band The Time (Vorbild für zahlreiche Glamour orientierte R'n'B-Künstler) zeigen, die so gar nicht in das Bild eines Generation X-Slackers passen. In Form der fiktiven Comicfiguren Bluntman und Chronic werden sie in ein kulturindustrielles Produkt verwandelt (als das sie im realen Kontext des Films, wie in dem begleitenden Afroman-Video, auch vermarktet werden), ohne es überhaupt mitzubekommen. Entsprechend groß ist die Verwirrung, als sie zu Beginn von JAY AND SILENT BOB STRIKE BACK durch einen befreundeten Comichändler erfahren, dass die Dreharbeiten zur millionenschweren Bluntman und Chronic-Verfilmung bereits begonnen haben, ohne dass sie auch nur einen Cent davon zu sehen bekamen. Nachdem sie im Internet auch noch als "third rate Cheech and Chong"-Verschnitt beschimpft wurden, machen sie sich kurz entschlossen auf den Weg nach Hollywood, um die Produktion jenes fiktiven Films zu stoppen, der den McGuffin des realen JAY AND SILENT BOB-Films darstellt.
Nach einem furiosen Einstieg, in dem innerhalb von fünfzehn Minuten Protagonisten aus CLERKS, MALL RATS und CHASING AMY auftreten, um Jay und Silent Bob auf den Weg in ihr letztes Abenteuer zu schicken, folgt der Film dem Vorbild der SATURDAY NIGHT LIVE-Komödien der 1970er mit Dan Aykroyd, Bill Murray und John Belushi.
JAY AND SILENT BOB entwickelt sich zu einem skurrilen Anarcho-Road Movie, in dem sich die Gast-Ex-Stars die Klinke in die Hand geben. Dabei verfolgt Kevin Smith eine konsequente, schon fast an die SIMPSONS erinnernde Sympathy for the Second Best. In Vergessenheit geratene, aber für das Kevin Smith-Universum wichtige Schauspieler wie Carrie Fisher (STAR WARS) und Judd Nelson (BREAKFAST CLUB) sind in kurzen Gastauftritten zu sehen. Der Road Trip nach Hollywood entspricht jenem episodischen Erzählschema, das Kevin Smith bereits in den Jay and Silent Bob-Comics zum Einsatz brachte. Einer der Comicbände wird sogar direkt verfilmt (Smith hat auch schon angekündigt, sich selbst dafür zu verklagen). In Hollywood angekommen erleben Jay und Silent Bob die Kulturindustrie als jenes Irrenhaus, als das sie Tim Burton vor einigen Jahren in PEE WEE'S BIG ADVENTURE präsentierte. Wes Craven dreht mit einem Schimpansen SCREAM 4, Gus Van Sant arbeitet mit Ben Affleck und Matt Damon am Sequel zu GOOD WILL HUNTING und Jay und Silent Bob treten im Laserschwertduell gegen Mark "Luke Skywalker" Hamill vor bonbonfarbener Camp-Comic-Kulisse an. Den erfolgreichen Abschluss ihrer Odyssee feiert das dynamische Duo bei einem Auftritt von The Time. Morris Day und seine Band müssen endlich einmal nicht wie in PURPLE RAIN die Bösewichter spielen. Stattdessen gehört ihnen und nicht dem Symbol, das sich jetzt wieder Prince nennt, die letzte Sequenz. Den Kritikern, die sich nach subtil einfühlsamen Filmen wie CHASING AMY auf Kevin Smith wegen seiner Rückkehr zum nicht immer subtilen Anarcho-Humor stürzen werden, kommt er in der letzten Sequenz des Films bereits zuvor. Die Hauptfiguren seiner anderen Filme verlassen das Kino, in dem der Bluntman und Chronic-Film gerade Premiere hatte, und artikulieren sämtliche Vorbehalte, die auf JAY AND SILENT BOB zutreffen könnten. Und die penetranten Nörgler aus dem Internet, die Kevin Smith auf seiner realen Web-Site nach einer negativen Kritik zu MAGNOLIA mit Hasstiraden überschütteten, besucht der Regisseur am Ende des Films höchstpersönlich verkleidet als Silent Bob.