JU-ON: THE GRUDGE und DARK WATER
Neue japanische Geisterfilme beim Fantasy Filmfest 2003.
von Robert PlaßMerkmale, durch die sich die japanische Gesellschaft aus westlicher Sicht typischerweise kennzeichnen lässt, sind die hervorgehobene Bedeutung der Gemeinschaft, die Bemühung um kollektive Harmonie, die Identifikation mit der Gruppe und die daraus resultierende, scheinbar bis zur Selbstverleugnung aufrechterhaltene Loyalität. Doch was ist, wenn das Leben in der Gruppe keine Sicherheit mehr verspricht, wenn sich innerhalb des Netzwerks sozialer Kontakte ein tödlicher Virus eingenistet hat? An öffentlichen Orten ausgehängte, von Wind und Wetter ausgeblichene Steckbriefe werden in JU-ON: THE GRUDGE (J 2003) und DARK WATER (J 2002) zum Zeichen dafür, dass das Netzwerk sozialer Beziehungen Lücken aufweist: Manche Menschen verschwinden. Dass nicht alles in Japan mit rechten Dingen zugeht, hatte man bereits ahnen können: Mit RINGU (J 1998) und UZUMAKI (J 2000) entstanden in den letzten Jahren Filme, die von einem Schrecken erzählten, der sich, wie eine Epidemie, von einer Person auf die nächste übertrug und scheinbar unaufhaltsam ausbreitete. In RINGU zeigte Hideo Nakata die Pervertierung der in der japanischen Gesellschaft als wichtiger sozialer Mechanismus fungierenden Geste des Geschenks, indem er die Geschichte eines Fluchs ausbreitete, dessen tödliche Konsequenz sich für die betroffene Person nur dadurch abwenden ließ, dass sie den Fluch an jemand anderen weitergab.
Zu Beginn von Shimizu Takashis JU-ON: THE GRUDGE steht der Mord eines Mannes an seiner Frau und seinem Kind. Das harmonische Gleichgewicht ist zerstört. Eine Leerstelle ist entstanden, ein schwarzes Loch, das jeden, der sich nähert, unweigerlich ins Verderben zieht. Eine verdreckte Wohnung, in der eine einsame Greisin auf einer kotverschmierten Matratze vor sich hin dämmert. Für die Altenpflegerin Rika scheint es sich vorerst um einen typischen Fall sozialer Verwahrlosung zu handeln, doch das Haus, das sie betreten hat, birgt ein dunkles Geheimnis. Als tödliche Schattenwesen spuken die Geister der Ermordeten durch die Räume und rauben all jenen die Lebensenergie die, ob durch Zufall oder aus Neugier, mit ihnen in Berührung kommen. Die effektiven Dissonanzen des Soundtracks, unterkühlte Bilder und hochdosierte Schockmomente sorgen für wohliges Unwohlsein.
Und doch ist JU-ON: THE GRUDGE weniger der im Programmheft angekündigte Film über ein Spukhaus, als vielmehr ein Film über einen Fluch, der sich wie eine Krankheit ausbreitet und fortsetzt. Das Haus, in dem der Mord geschah, ist nur der Ursprung einer langen Kette von Ereignissen und ihrer fatalen Konsequenzen. Wer meint, dass er der Gefahr entronnen sei, hat nur noch nicht bemerkt, dass die Schatten ihm gefolgt sind. Über die sozialen Kontakte verbreitet sich der Fluch und wird zur tödlichen Bedrohung für alle, die in Beziehung zu einem der vorangegangen Opfer stehen: die Familie, die Kollegen etc.. Durch das Zusammenwirken vieler einzelner Episoden verknüpft der Film die Schicksale der Figuren, bis sie sich zu einem bedrückenden Ganzen zusammenfügen. In der Makroperspektive offenbart sich das Bild einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft.
Auch in Hideo Nakatas neuem Film DARK WATER liegt einiges im Argen. Es ist ein düsteres, heruntergekommenes Wohnhaus, in dem die geschiedene Yoshimi schließlich für sich und ihre kleine Tochter Ikuko eine Wohnung findet. Zu dem Streit um das Sorgerecht für Ikuko und der Suche nach einem Arbeitsplatz kommen die Bemühungen, sich in der Anonymität der neuen Umgebung zurecht zu finden. Feste soziale Bindungen die es einmal gegeben haben mag, sind weggebrochen. Ikuku muss in ihrem neuen Kindergarten mit der Ausgrenzung durch die anderen Kinder zurechtkommen und die einzige Person, bei der Yoshimi ein wenig Halt findet, ist ein Scheidungsanwalt. Das einsame kleine Mädchen, das vor dem Kindergarten darauf wartet, dass jemand kommen möge, um es abzuholen, wird zum Sinnbild dieser Situation. Das kleine Mädchen, das im Regen steht und vergeblich wartet. Das kleine Mädchen, das vor einigen Jahren unter ungeklärten Umständen verschwunden ist. Das kleine Mädchen, das ebenfalls aus einer zerbrochene Familie stammte und das nun eine unheimliche Existenz in den dunklen Fluren des neu bezogenen Hauses führt.
Tatkräftig unterstützt durch die Kamera Junichiro Hayashis und die Musik von Kanji Kawai, die bereits RINGU veredelten, erweist sich Nakata einmal mehr als ein Meister des atmosphärischen Horrors. Klamm und Modrig ist es in diesem Haus. Dunkel, feucht und kalt wie in einem Waschkeller. Nakata lässt sich Zeit. Ein Schatten, der um die Ecke huscht, der beengte Raum eines Fahrstuhls, ein feuchter Fleck an der Zimmerdecke, der sich unaufhaltsam ausbreitet. Und wenn man meint, die Figuren könnten doch nun allmählich entdecken, was sich dem Zuschauer längst erschlossen hat, dann schlägt Suspense unvermittelt in Grauen um.
Letztendlich können die aus dem Gleichgewicht geratenen Mächte, nur durch ein Opfer beschwichtigt werden. Es ist die ohnehin vom Schicksal schwer geprüfte Yoshimi, die sich schließlich für das Leben des einen Kindes dem anderen Kind hingibt. Die Harmonie ist wieder hergestellt. Aber für einen viel zu hohen Preis.Die Filme JU-ON: THE GRUDGE, DARK WATER und RINGU sind in Deutschland bereits erschienen und bei Amazon.de schnell erhältlich.