Die 36 Kammern der Pulp Poesie
von Andreas Rauscher
KILL BILL: VOL. 1
USA 2003.
R+B: Quentin Tarantino. M: The RZA. D: Uma Thurman (The Bride), Lucy Liu (O-Ren Ishii), David Carradine (Bill), Daryl Hannah (Elle Driver), Michael Madsen (Budd), Vivica A. Fox (Vernita Green), Sonny Chiba (Hattori Hanzo).
Lange Zeit war es still um Quentin Tarantino, den ehemaligen Shooting Star einer neuen selbstbewussten Pop-Cinephilie, die sich sowohl für Jean-Luc Godard, als auch für die Geschichte des Exploitationkinos begeistern konnte. PULP FICTION (USA 1994) avancierte zum Crossover-Erfolg par excellence. Doch schon bald bereiteten die zahlreichen ermüdenden Imitationsversuche dem Spaß ein vorzeitiges Ende.
Tarantino selbst beförderte sich 1997 mit der Blaxploitation-Hommage JACKIE BROWN (USA 1997) erfolgreich aus der selbst geschaffenen Sackgasse. Er enttäuschte auf äußerst produktive Weise die allgemeinen Erwartungen in und demonstrierte, dass er seine Ansätze ernst nimmt. Schauspielerisch bietet er Außenseitern wie B-Picture-Ikone Pam Grier Gelegenheit, sich eindrucksvoll in Szene zu setzen. Die sorgfältige Zusammenstellung seiner Soundtracks gestaltet sich zugleich als Archivarbeit in Sachen Popgeschichte. Die zahlreichen visuellen und narrativen Zitate funktionieren, wie einige Kritiker treffend bemerkten, wie die Remixes eines DJs, der aus Querverweisen neue Stücke und Zusammenhänge erstellt. Tarantino hat mit seinen Arbeiten eine eigenwillige Kombination aus Arthouse und Bahnhofskino geschaffen, die sich nicht mit selbstgefälligen Spielereien und Nerd-Insiderwissen zufrieden gibt, sondern versucht, das Publikum durch popkulturelle Übersetzungsarbeit für die Hinterhöfe und Seitenarme der Filmgeschichte zu begeistern. Nachdem er in JACKIE BROWN das Erbe der Blaxploitation verhandelt hat, nimmt er sich mit dem in zwei Hälften geteilten KILL BILL den asiatischen Pulp-Rachedramen an. Den passenden musikalischen Wegbegleiter durch die filmischen Kammern der Shaw Brothers aus Hong Kong und die stilisierten Samurai-Welten der japanischen OKAMI-Serie (Japan 1972-85) fand Tarantino in RZA. Als Produzent und Rapper gestaltet dieser seit zehn Jahren die stark an Kung-Fu-Filmen orientierten Soundscapes des New Yorker Hip Hop-Kollektivs Wu Tang Clan. Die beiden erklärten Martial Arts-Fans schufen eine musikalische Collage, die in ihren unterschiedlichen Elementen von Nancy Sinatra über Wu Tang-Rap-Songs bis hin zu Italo-Western-Scores der narrativen Struktur des Films entspricht.
Die ursprünglich geradlinige Rachegeschichte um eine auf brutalste Weise von ihren ehemaligen Kolleginnen verratene Auftragskillerin setzte Tarantino wie eine in diverse Episoden aufgeteilte Comicserie um. Die Yakuza-Anführerin O-Ren Ishii bekommt eine eigene Origin Story, die nicht viel mit dem zentralen Plot zu tun hat. Diesen, wie ein Sonderheft zu einer fortlaufenden Reihe eingefügten Exkurs, realisierte Tarantino als Anime. Der Charlie's Angel Lucy Liu wurde als O-Ren Ishi geschickt gegen den von ihr gewohnten Typ besetzt. In KILL BILL bewegt sich Tarantino im Grenzbereich zwischen stilisierter Melodramatik und ironischer Übersteigerung. Einige Sequenzen wirken wie eine Kombination aus der wuchtigen Melancholie John Woos und der Absurdität von Monty Pythons schwarzem Ritter, der selbst, nachdem er sämtlich Gliedmaßen verloren hat, nicht aufgeben will. Dass diese riskante Gratwanderung sehr überzeugend gelingt, liegt an der Ernsthaftigkeit, mit der Uma Thurman ihre Rolle gestaltet und an der stringenten Inszenierung. Auf seine charakteristischen Dialoge verzichtet Tarantino in der ersten Lieferung von KILL BILL weitgehend und konzentriert sich ganz auf das perfekte Zusammenspiel von Kamera, Schnitt und Musik. An Stelle von digitalen Effekten, verwendet er bewusst die gleichen billigen Tricks wie die Bahnhofskinoepen der 1970er Jahre. Trotzdem beschränkt er sich nicht auf eine ironische Trash-Hommage, sondern verleiht dem systematischen Wechselspiel aus grotesk brutalen Absurditäten und tragikomischem Pathos eine beinahe abstrakte Qualität. Wenn sich Thurmans Rächerin und Lius Yakuza-Schwertkämpferin vor einem blauen Vorhang wie im japanischen Schattentheater und anschließend in einer an artifizielle Studiokulissen erinnernden Schneelandschaft duellieren, gelingen Tarantino Augenblicke einprägsamer Pulp-Poesie, wie man sie sowohl in den häufig berechenbaren Arthouse-Allgemeinplätzen, als auch im vor lauter Beschleunigung stagnierten Popcornkino kaum findet. Die von Tarantino betriebene Implosion der Genres führt zu fragmentarischen Intensitäten, die den Zirkelschluss des reinen Zitatkinos durchbrechen und damit neue Anfänge ermöglichen.
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