Nimmermehr!
von Harald Mühlbeyer

LADYKILLERS
USA 2004.
R: Joel Coen. B: Joel und Ethan Coen. D: Tom Hanks (Professor Goldthwait Higginson Dorr), Irma P. Hall (Mrs. Munson), Marlon Wayans (Gawain), J. K. Simmons (Garth Pancake), Tzi Ma (Der General), Ryan Hurst (Lump)

SHREK 2

Am Anfang ist blauer Himmel, über den Vögel ziehen; der Vorspann ist mit altertümlicher Schrift darüber geblendet. Die Kamera senkt sich, und ins Bild rückt eine Teufelsfratze, auf der sich ein Rabe niederlässt. Die Teufelsstatue ist Teil einer Brücke, unter der Brücke fließt der Mississippi, und träge zieht ein Lastkahn dahin, der angefüllt ist mit Müll. Den bringt er auf eine Insel im Strom, deren Silhouette man sieht: Riesige Müllberge mit Kranen an den Seiten.


Die Coen-Brüder haben sich einen Klassiker der Filmkomödie vorgenommen: LADYKILLERS (GB 1955) von Alexander Mackendrick ist der vielleicht bekannteste Film der britischen Ealing-Schmiede. Angesiedelt in der lower middle class im Nachkriegsengland entwickelt er die bezwingend komische Geschichte eines missglückten Raubüberfalls: Die Gangster nisten sich, als Kammermusiker getarnt, bei einer harmlosen, verschrobenen Witwe ein, die ihnen auf die Schliche kommt und beseitigt werden muss. Das ist eine makabre Kriminalerzählung, die durch die pointiert charakterisierten Figuren, die sich mehr und mehr in ihren Plan und dessen Misslingen verstricken, aufgefangen und ins Komische verschoben wird. Nicht zuletzt durch Filme wie LADYKILLERS erhielt der britische Humor den Ruf, schwarz und exzentrisch zu sein.


Exzentrisch waren die Coen-Brüder schon immer, und dafür, dass der Film schwarz genug ist, sorgt schon sein Setting: Die Handlung des 1955er-Filmes wurde in die US-amerikanischen Südstaaten verlegt, ins Mississippi-Delta, wo die Bevölkerung zu einem hohen Anteil aus schon lange ansässigen Farbigen besteht. Diese Übertragung des Originalfilmes durch Zeit und Raum hätte böse in die Hose gehen können; dass sie gelungen ist, ist dem Erzähltalent der Coens zu verdanken und ihrem Respekt gegenüber der Vorlage. Sie übernehmen den Schaltplan und legen eine andere Spannung an.


Der Film spielt in einem Milieu, das an der Tradition hängt: Spirituals und Gospels sind hier angesagt, und gegen laute "Hippity-Hop-Musik" wird bei der Polizei protestiert. Es zählen Grundsätze, und das Bewusstsein des Kampfes gegen Sklaverei und Diskriminierung ist allgegenwärtig. Entsprechend altmodisch inszeniert ist der Film, der sich nie modischem oder manieriertem Stil ergibt. Die Coens sind ruhiger geworden in der Erzählhaltung, haben sich abgewandt von allzu überbordenden Bildern und Witzen. In ihren letzten Filmen haben sie sich stark am Hollywood der 1930er und 40er orientiert, am Film Noir und an der Screwball-Komödie. Dass sie sich nun in die 1950er wagen, ist konsequent, und dass sie dabei keine betulich-frivole Doris-Day-Romanze im Blick haben, sondern eine skurril-makabre Kriminalkomödie, ist eine Fortschreibung ihres filmischen Kosmos.


Ihr Film lebt, natürlich, von seinen Figuren und deren Darstellung, und hier haben sie mit Tom Hanks einen Glücksgriff getan. Hanks, der ewig nette und immer treuherzige Nachbar, spielt Professor Goldthwait Higginson Dorr, einen ewig netten, immer treuherzigen, gelehrsam bösartigen Gangsterboss, der Edgar Allan Poe rezitiert und sich an seinen dem Umfeld unverständlichen Witzen delektiert und ganz nebenbei sehr habgierig und sehr zielstrebig ein Casino um ein paar Millionen Dollar erleichtern will. Mit seinen Komplizen nutzt er, als Kirchenmusiker getarnt, die Gutherzigkeit einer frommen Lady aus, bei der er mit Charme und Katzenfreundlichkeit gut Eindruck zu machen versteht. Hanks füllt seine Rolle gekonnt mit unermesslicher Gönnerhaftigkeit aus, hinter der er immer wieder etwas Dämonisches aufblitzen lässt - schrecklich, sich vorzustellen, was die deutsche Synchronstimme Arne Elsholz hier anrichten kann, und sich Hanks jetzt als Figur im nächsten Spielberg-Film vorzustellen, lässt erschaudern.


Die Coens nehmen sich viel Zeit mit ihren Figuren, und in ihre Charakterisierung legen sie ihren merkwürdigen Humor. Da taucht ein Hund mit Gasmaske aus dem Ersten Weltkrieg auf und ein Asiate mit anspielungsreich gestutztem Schnurrbart, ein Brutalo, der sogar zum Football-Spielen zu dumm ist und das sehr herb-männliche Mountain Girl. Und immer wieder gibts für den einen oder anderen eins auf die Mütze.
Das Zusammenspiel der Figuren führt aber leider zu nichts. Denn im letzten Viertel des Films, wenn der Überfall geglückt ist, leider aber von der guten, moralisch gefestigten Witwe Mrs. Munson entdeckt wurde, ebbt die Dynamik vom Anfang ab. Der Film, obwohl schnell erzählt, verliert an Straffheit, und die Möglichkeiten, die in den Figuren stecken, werden nicht voll ausgespielt. Erst jetzt, beim Endspurt, wird der Film von der 1955er-Version überholt, wenn die Fäden verloren gehen und die Figuren mehr und mehr aneinander vorbei agieren.
Am Ende verlieren sie sich auf dem Mississippi, auf dem Weg zur Müllinsel, hingestreckt vom Raben und vom Teufel und vom doch etwas stärkeren Original.