Die Passion Almodóvars
von Harald Mühlbeyer

LA LALA EDUCACIÓN
ESP 2004
R+B: Pedro Almodóvar. D: Gael García Bernal (Ignacio/Angel, Ignacio/Zahara, Juan), Fele Martinez (Enrique), Daniel Giménez-Gacho (Padre Manolo), Javier Cámara (Paquito), Lluis Homar (Señor Berenguer).

LA MALA EDUCACIÓN

Die Doppelungen: Ignacio, ein Schmierenschauspieler, der sich Angel nennt, trifft seinen alten Schulfreund Enrique, einen Regisseur, wieder, der ihn kaum beachtet, und hinterlässt eine Kurzgeschichte namens "Der Besuch".
In der Geschichte "Der Besuch" trifft ein Schmieren-Transvestit und Beischlafdieb namens Ignacio, der sich Zahara nennt, seinen alten Schulfreund Enrique wieder, der ihn selbst beim Sex kaum beachtet, und hinterlässt einen Brief.
Enrique, in der Rahmenhandlung, liest die Geschichte, die gezeigt wird. Als Rückblende? Als Bebilderung einer Fiktion?
Zahara, in der Geschichte, besucht einen Priester, seinen alten Schullehrer, in ganz und gar unheiliger Absicht; es geht um Erpressung, um Pädophilie, um Homosexualität im katholischen Internat – später, in einer Geschichte in der Geschichte innerhalb der Rahmenhandlung, in der die Kindheit der Knaben Ignacio und Enrique erzählt wird, gehen die beiden ins Kino, in den Film ESA MUJER (ES 1969) von Mario Camus, in dem eine unheilige ehemalige Nonne ihr altes Kloster besucht – im Zuschauerraum sitzen die beiden Knaben und wichsen sich gegenseitig. Viel später, in der Rahmenhandlung des Filmes, wird ein unheiliger Mann den Regisseur Enrique besuchen und in seinem Büro beichten.

Almodóvar verschachtelt alles, macht die Spiegelung zum Prinzip, lässt alles wiederkehren, und er erzählt seine dramatische Geschichte mit viel Humor. Der Vorspann zeigt aufeinandergeklebte, übereinandergelagerte Plakate, Fotos, Buchstaben, teilweise erkennt man alles nur halb, unterlegt ist eine leidenschaftliche, mitreißende Musik, die einen filmischen Sog entwickelt. Immer wieder wird man bunte Collagen im Film ausmachen, Mosaike, Fleckenmuster; und immer wieder werden divergierende Elemente zusammengefügt, so dass sie doch irgendwie passen: Wenn etwa ein Knabe gebeugt vor einem Schilfwald kauert und gleichzeitig in hohem Sopran einen Cantus singt. Man kann aufs Einzelne sehen, man kann aufs ganze sehen; beides zusammen ist schwierig zu erfassen.

Geschichte in Geschichte in Rahmenhandlung, in verschiedenen Filmformaten gezeigt: Was ist Fiktion innerhalb des fiktiven Films, was ist erfundene Erinnerung, was ist erlebte Kindheit; was ist Film im Film? Almodóvar lässt Grenzen verschwimmen, Grenzen zwischen den Geschlechtern und zwischen der Geschlechtlichkeit, zwischen Fiktion und Wahrheit, und sein Film ist dabei voller Künstlichkeit – Enrique, der Regisseur in der Rahmenhandlung, ist immer leicht zu stark geschminkt, ein offener Homosexueller. Und der Enrique/Angel der Rahmenhandlung changiert zwischen Unschuld und Film-Noir-Femme-Fatale.
Innerhalb der tragischen Kindheitserinnerungen erfindet Almodóvar immer wieder surreale Bilder, ein Fußballspiel mit Kindern in Schuluniformen und Priestern in Talaren, das mit einem Schuss in eine Liebeserklärung mündet, oder hundert Kinder auf einem Fußballfeld, die im Gleichtakt Liegestützen machen – oder stammen die Bilder gar nicht von Almodóvar, dem Regisseur des Films, sondern von Enrique, dem Regisseur in der Rahmenhandlung, der Angels Kurzgeschichte "Der Besuch" verfilmt und erst nach Drehschluss das wahre Ende der Geschichte um seinen Schulfreund Ignacio erfährt? Auch in diesen Dreharbeiten innerhalb des Films stiftet Almodóvar einen Moment der Irritation: Er zeigt die Kurzgeschichte "Der Besuch" in Bildern, während Enrique sie liest; bei den Vorbereitungen zur Verfilmung kommt es zum Streit zwischen Enrique und Ignacio/Angel, der den Ignacio/Zahara spielen möchte; Enrique meint, Angel sei zu männlich und damit unpassend für Zahara, dabei hat der Zuschauer Ignacio/Angel schon Ignacio/Zahara spielen sehen (beide werden von Gael García Bernal verkörpert), in der Bebilderung der Kurzgeschichte – oder war das bereits der Film, den Enrique später drehen wird?
Dabei spielt der gesamte Film 1980 und in den Jahren davor, und er erzählt, in Einblendungen am Ende, auch die Geschichte eines Regisseurs, der bis heute leidenschaftlich Filme dreht – eine autobiografische Andeutung, die Enrique als Alter Ego von Almodóvar ausgibt.

Das letzte Wort des Filmes, ausgeschrieben und die ganze Leinwand füllend, ist PASION, Leidenschaft: Leidenschaft, die Grenzen sprengt, im Film Grenzen der Moral, Grenzen der Liebe, auch der Begierde, Grenzen der Geschlechter, als Film Grenzen der Fiktion und der Zeit, Grenzen der Dramaturgie, der Erzählstruktur, auch der Figurencharakterisierung; Leidenschaft schließlich, natürlich, von Almodóvar, der alle Fäden in der Hand hält, Grenzen der Bilderfindungen und der künstlichen und künstlerischen Wiedergabe des Lebens, in all seinen Verschachtelungen. Zehn Jahre lang hat Almodóvar an dem Stoff gefeilt, bis er eine endgültige Version der Geschichte auswählte: "Ich musste diesen Stoff aus meinem Kopf herausbekommen, bevor daraus eine regelrechte Obsession geworden wäre."