"Is the world still there if I close my eyes?"
von Sandra Theiß
MEMENTO
USA 2000
R/B: Christopher Nolan, K: Wally Pfister, M: David Julyan, D: Guy Pearce (Leonard), Joe Pantoliano (Teddy), Carrie-Anne Moss (Natalie)Der Tatort verblasst als Polaroid, das Fotopapier wird von der Kamera geschluckt, Blitzlicht, Blut, eine Kugel fliegt in den Lauf, aus dem sie ursprünglich abgefeuert wurde, aus den zerfetzten Teilen eines Kopfes bildet sich ein Gesicht.
Memento beginnt mit einem Mord – filmisch rückgängig gemacht. Bildmetapher für all das, was nun folgen soll, beziehungsweise längst geschah, denn Christopher Nolan erzählt die Geschichte von Leonard Shelby rückwärts. Der Anfangspunkt des Filmes, Leonards Mord an Teddy, ist zugleich Ausgangspunkt für die Spurensuche in die Vergangenheit eines Mannes, der zum Killer wird. Leonards Motiv ist Rache: für die Vergewaltigung seiner Frau und ihren Tod. Das ist das letzte, woran sich Leonard erinnern kann. Seit jener Schreckensnacht leidet er an Amnesie, ist unfähig, sich an irgend etwas zu erinnern, was seither geschah. Wenn Leonard die Augen öffnet, erwacht er immer in einer völlig fremden Umgebung. Er bewegt sich in einer Gegenwart, die ohne Anknüpfung ist an die unmittelbare Vergangenheit.
Auf der Jagd nach dem Mörder seiner Frau nutzt Leonard ein komplexes System aus Zetteln und Polaroids um sich in einer Welt zurechtzufinden, die alle zehn Minuten ein Update erfährt. Glaubt er sich einer Information sicher, tätowiert er sie als Fakt auf seinen Körper, der für den defekten Teil seines Verstandes herhalten muß. Sein unauslöschlich gebrandtmarkter Torso ist der Vewahrungsort seines Schmerzes und seiner Wut, sein nach außen getragenes Gedächtnis. Doch wie zuverlässig ist das, was Leonard "schwarz auf weiß besitzt"?
Szene für Szene begibt sich der Film zum Ausgangspunkt der Tat, jener Schreckensnacht, zurück und enthüllt mit vielen unvorhergesehenen Wendungen das Geheimnis seiner Hauptfigur. In sich chronologisch erzählt, endet jede Szene dort, wo die vorherige begann. Nolan hat mit dieser Erzählstruktur eine Form gefunden, die das Dilemma des Protagonisten, den Gedächtnisverlust, für den Zuschauer regelrecht physisch erfahrbar macht. Immer wieder ergeht es dem Zuschauer wie Leonard, mit dem er sich in einer Situation findet, ohne jegliches Wissen darüber, wie er in sie hineingeraten ist. Immer wieder will das Gesehene neu interpretiert werden. Nichts ist so wie es scheint. Was ist wirklich passiert in jener Nacht? Wer war Leonard wirklich? Und wer ist er geworden?
MEMENTO fragt nicht nur nach dem Funktionieren unserer Erinnerung, sondern auch nach unserer Identität.
"Ich denke, also bin ich", läßt Nolan nicht gelten. Anhand von Leonard macht er deutlich, dass wir Erinnerungen brauchen, um zu wissen, wer wir sind. Identität – kulturell oder individuell – ist nicht fassbar ohne Erinnerung. Doch was heißt erinnern? "Erinnerung verändert die Farbe eines Raumes", sagt Leonard im Film – Erinnerung ist Interpretation. Erinnerung ist manipulierbar, sagt Nolan. Leonards Missinterpretationen werden zum Symbol für die zwiespältige Unzuverlässigkeit von Erinnerung als solcher. MEMENTO missgönnt uns den Komfort einer objektiv verlässlichen Welt. Wirklichkeit ist eine Frage der Wahrnehmung und nicht zuletzt der Perspektive. Die Kamera kann sehr wohl lügen.
In Leonard begegnen wir einem Antihelden, der mit seinen Erinnerungen auch seine Identität verloren hat, mehr noch: zum Killer wird. Doch was bedeutet Rache, wenn man sie nach zehn Minuten vergisst? Unfähig, neue Erinnerungen zu machen, ist Leonard auch nicht imstande, das traumatische Ereignis, die Vergewaltigung seiner Frau, zu überwinden. So bewegt er sich in einer Racheschleife, aus der er keinen Ausweg findet.
MEMENTO ist ein hochspannendes epistemologisches Puzzle. Ein dichter und psychologisch tiefer Thriller und Neo Noir. Die unkonventionelle formale Umsetzung und auch das Thema selbst erinnern an Alain Renais' LETZTES JAHR IN MARIENBAD (F/I 1963). Ein Film, der mehr empfunden, als verstanden werden will.