Die Geschichte hinter der Leinwand
von Harald Mühlbeyer

Das Mädchen
mit dem Perlenohrring

GB/LU 2003.
R: Peter Webber. B: Olivia Hetreed. D: Scarlett Johansson (Griet), Colin Firth (Johannes Vermeer), Cillian Murphy (Pieter) Tom Wilkinson (Van Ruijven), Essie Davis (Catharina Vermeer).

DAS MÄDCHEN MIT DEM PERLENOHRRING

Es ist ein schönes Spiel, nach den biografischen Wurzeln von Kunstwerken zu suchen. Und es ist ein noch schöneres Spiel, eine Geschichte hinter dem Kunstwerk zu erfinden, wenn über den Künstler oder den Entsehungsprozess wenig bekannt ist. Johannes Vermeers Gemälde "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", das aus dem Jahr 1665 oder 66 stammt, ist so ein Fall. 1999 schreib Tracy Chevalier einen Bestseller, in dem sie eine Geschichte hinter dem Bild erzählt; gefunden hat sie die Geschichte beim Betrachten des Bildes: "Ich betrachtete das Bild des Mädchens und dachte: Was hat Vermeer nur getan, um sie zur selben Zeit so glücklich und so traurig aussehen zu lassen?"

In der fiktiven Geschichte des Bildes fängt die junge Griet als Magd neu an im Haushalt der Vermeers. Die Standesgrenzen sind streng, doch sie sind durchlässig, von oben nach unten: Vermeer bemerkt, dass Griet sehen kann. Mit großen, offenen Augen und staunendem Mund geht sie durch die Welt, und Vermeers Atelier, der Ort der Abgeschiedenheit in einem Haus voller Kinder, zieht sie wie magisch an. Sie versteht die Grundlagen von Farbe und Bildkomposition, ohne etwas davon zu wissen, und Vermeer geht auf sie zu, zeigt ihr seine Farbenproduktion, gibt Einblicke in das Entstehen von Bildern, lässt sie schließlich seine Farben mischen. Und hält gleichzeitig die Standesgrenzen von unten nach oben geschlossen, Griet muss natürlich weiterhin ihren Pflichten im Haushalt nachkommen, und es ist selbstverständlich für sie, den Anstand zu wahren.

Es ist ein Film von Licht und Bildern. Vermeer besitzt eine Camera Obscura, die ein Bild einfangen kann, und Griet lässt mit einer Metallschüssel einen Lichtfleck über die Hauswand wandern. Der Film, das Regiedebüt von Peter Webber, fängt die niederländische Stadt Delft in ausgesucht schönen, sorgfältig ausgeleuchteten Bildern ein, wohl kaum, wie die Wirklichkeit des 17. Jahrhunderts aussah, eher, wie wir es aus Bildern dieser Zeit kennen.
Die Umstände der Produktion von Bildender Kunst sind schwierig. Vermeer ist als Maler ein Handwerker, der beste in Delft, aber immer abhängig vom Geld seines Auftraggebers, dem Mäzen van Ruijven. Die Machtverhältnisse, in denen die Figuren stecken, sind klar gezeichnet: Vermeer arbeitet, Frau und Schwiegermutter achten auf Haushalt und Mägde und auf das Geld und die Kunstaufträge.
Van Ruijven weiß Kunst zu schätzen, er fördert die Bilder und fordert die Mädchen, die Modell sitzen. Er setzt durch, dass Griet in einer Auftragsarbeit abgebildet werden soll, Griet, die er begehrt und der Vermeer auf merkwürdige, zart geistige Art nähergekommen ist. Das Entstehen des Gemäldes ist mit ungeheurer erotischer Spannung inszeniert, die subtil und sanft einfließt in den Film. Vermeer kniet vor Griet, ganz nah, und lässt sie ihre Lippen lecken; er beobachte sie, wie sie ihr Haar entblößt, das sie sonst mit peinlicher Gewissenhaftigkeit von einer Haube bedeckt hält; er sticht ihr ins Ohr und wischt das Blut und eine Träne ab. Colin Firth spielt Johannes Vermeer, er hat schon in SHAKESPEARE IN LOVE (USA/UK 1998) eine erfundene Geschichte hinter einem Künstler wahr werden lassen. Scarlet Johansson spielt Griet, sie hatte schon in LOST IN TRANSLATION (USA/JP 2003) eine erotische Begegnung, die nie stattgefunden hat. Der Zeugungsakt der Kunst wird in der Geschichte des Mädchens mit dem Perlenohrring als eine Art Seitensprung des Künstlers und als eine Art Prostitution des Modells erzählt. Und so ist der Film mehr als ein Gedankenspiel um die Entstehung eines Kunstwerkes; er ist eine Reflexion um die Produktion von Kunst und um die Beweggründe, die dazu führen, um die Einflüsse, die die Kunst generieren, und um die geistigen und seelischen Implikationen, die der kreative Prozess auf die beteiligten Personen hat, auf Künstler und Modell wie auf ihr Umfeld. Und er ist, letztendlich und in erster Linie, ein schöner, zärtlicher, schwereloser Film über ein junges Mädchen, das erstmals Gefühle, die fast Liebe sind, spürt, und das einen kurzen, vielleicht letzten Blick in eine ihr verschlossene Welt tun kann.