Der Weltuntergang wurde verschoben
von Bernd Zywietz
Die Purpurnen Flüsse 2 –
Die Engel der Apokalypse
F 2004
R: Olivier Dahan. B: Luc Besson. D: Jean Reno (Niemans), Benoît Magimel (Reda), Camille Natta (Marie), Christopher Lee (Heinrich von Garten).Er habe sich, so Produzent Ilan Goldman, von den ALIEN-Filmen inspirieren lassen: keine Fortsetzungen, sondern Versionen eines Themas. Das erklärt, weshalb DIE PURPURNEN FLÜSSE 2 – DIE ENGEL DER APOKALYPSE genau wie der erste Teil anmutet und zugleich einen ganz anderen Weg einschlägt.
Nach Rache und Rassenwahn in den französischen Alpen ermittelt Kommissar Niemans (Jean Reno) diesmal einer grausigen Mordserie im religiös-okkultem Terrain hinterher: In einem obskuren Kloster in Lothringen nagelt ein Mönch sein Kruzifix an die Wand, worauf Blut über das Kreuz läuft. Gotteszeichen? Teufelswerk? Weder noch: in der Wand eingemauert steckt eine Leiche mit ausgestreckten Armen. Und dabei bleibt es nicht. Als nächstes wird ein Zöllner am Flughafen von einem vermummten Mönch per Nagelpistole an die Wand gezimmert. Spätestens hier fragt man sich, ob nicht der durchgeknallte Passionsfilmer Mel Gibson hinter alldem steckt. Doch das Ganze entpuppt sich als höchst virtuose, letztlich aber harmlose Neuversion der Edgar-Wallace-Gruselkrimis, vermischt mit Chris Carters späten MILLENNIUM-Folgen und unter Dreingabe von SE7EN-Aroma.
Vom ersten Teil fließt dabei so allerhand ein: Niemans Ermittlungen laufen erneut parallel zur Arbeit eines Kollegen, diesmal der seines ehemaligen Schülers Reda (Benoît Magimel). Erst einzeln, dann vereint und mit Unterstützung der Religionsexpertin Marie (très charmant: Camille Natta) wollen sie das Rätsel um die Sekte eines Möchtegern-Heilands knacken, dessen Apostel von gesichtslosen Kuttenträgern peu à peu dahingemetzelt werden.
Wieder verlässt man sich auf allerhand abseitiges Lokalkolorit. Diesmal spielen die Militäranlagen der Maginot-Linie, jene Verteidigungsstellungen gegen die Deutschen im zweiten Weltkrieg, eine bedeutende Rolle. Wieder eine Verschwörung, wieder ein Geheimnis. Und wie im ersten Teil ist auch diesmal die Auflösung enttäuschend – wobei es die Fortsetzung noch schlimmer treibt: alles strotzt vor Ungereimtheiten, losen Enden und blankem Unfug. Die Bibelanspielungen bleiben reine Staffage, die Erklärung für die Missetaten lustlos und beliebig. Zudem setzt das Ende der PURPURNEN FLÜSSE 2 in jump and run-Spiel-Manier auf ausgelutschten Actionismus.
Drehbuchautor Luc Besson beweist einmal mehr, dass seine wahre Begabung eher im Regiefach liegt bzw. ihm Handlung und Logik nicht das wichtigste sind. Doch wozu sich auch Mühe machen? Gernre-Neuling Olivier Dahan kaschiert die Drehbuchschwächen herrlich gruselig in fahlen Farben. Er schlägt damit visuell und thematisch einen anderen Weg ein als sein Vorgänger Mathieu Kassovitz, der die Bergwelt des ersten Teils noch mit eisig klaren Bildern einfing. Ein zugewachsener, nebelig verwunschener Klosterhof, verfallene Industrieanlagen, ein Weiher in kaltem Dunst und düstere Geschützstollen – was andernorts peinlich geworden wäre, funktioniert hier dank französischer Verve. Die Handlung wird rasant erzählt, der Film als reines Spektakel aufgezogen. Dass Dahan mitunter etwas zu dick aufträgt, sei ihm, eingedenk der Edgar-Wallace-Reißer, verziehen, wenngleich herumliegende Augen oder zerstückelte Leichen doch etwas zu viel des guten sind. Dafür werden stimmungsvoll den klassischen Kulissen auch Alltagsorte wie Flughafen und Supermarkt gegenübergestellt, wo die schier übermenschlichen Mörder ihr Unwesen treiben. Und Jean Renos Niemans schnoddert sich eher als Mischung aus Kölner TATORT-Kommissar und Larry Brent denn Ermittler à la Joachim Fuchsberger durch den Fall.
Dahans große Leistung liegt in dieser Balance: darin, die Kutten zwar fehl am Platz und trotzdem (oder gerade deshalb) unheimlich wirken zu lassen, mithin eine selbstreflexive Heimsuchung des Gänsehautkinos zu zelebrieren. Christopher Lee darf in diesem Sinne auch mitspielen und den deutschen Minister für Kultur und Religiöses (!) geben. Zum Glück bleibt seine Rolle klein genug, um Selbstparodie vorzubeugen; zu verbraucht ist sein Gesicht in dem Sujet. Und wenn Mummenschanz und okkultes Brimborium zu sehr ausufern, bietet Magimel als flapsiger Polizist den nötigen Ausgleich durch Frotzelei und vorzügliche Actioneinlagen – u.a. mit einer der wohl spektakulärste Verfolgungsjagden der letzten Zeit: zu Fuß einem Meuchelmönch hinterher, dass einem das Herz aufgeht.
Alles freilich keine ALIEN-Qualität, schon gar nicht in Stil und Stringenz. Trotzdem machen die PURPURNEN FLÜSSE 2 anspruchslos Spaß und neugierig auf die nächste Interpretation.