Consummatum est.
von Bernd Perplies

THE LORD OF THE RINGS: THE RETURN OF THE KING
NZ/USA 2003
R: Peter Jackson; K: Andrew Lesnie; M: Howard Shore; D: Elija Wood (Frodo), Ian McKellen (Gandalf), Liv Tyler (Arwen), Viggo Mortensen (Aragorn), Sean Astin (Sam), Cate Blanchett (Galadriel), John Rhys-Davis (Gimli), Bernard Hill (Theoden), Billy Boyd (Pippin), Dominic Monaghan (Merry), Orlando Bloom (Legolas), Hugo Weaving (Elrond), Miranda Otto (Éowyn), David Wenham (Faramir), Karl Urban (Éomer), John Noble (Denethor), Andy Serkis (Gollum/Sméagol), Ian Holm (Bilbo), Sean Bean (Boromir)

Mit der Verfilmung von J. R. R. Tolkiens Opus Magnum The Lord of the Rings hat Regisseur Peter Jackson das Fantasy-Fandom gleich in mehrfacher Hinsicht in Aufregung versetzt. Nach Ansicht der einen verhalf er einer für das Genre zweifelsohne bedeutenden, aber literarisch doch leicht angestaubten Geschichte zu neuer Frische, für die anderen blieb es ein halbherziger, ja manchmal sogar ärgerlicher Versuch, ein meisterliches Epos für die große Leinwand zu adaptieren. Als Faustregel galt und gilt unter den Fans: mehr ist mehr - THE LORD OF THE RINGS ist ein Werk, dass sich keiner 90-Minuten-Dramaturgie unterwirft, sondern erst in den "Extended Cuts" auf DVD sein volles Potential entfaltet. Und selbst dort wünschte man sich noch die eine oder andere zusätzlich Szene.
In diesem Sinne kommt der dritte und finale Teil der Trilogie dem Zuschauer entgegen; Warner ließ sich erweichen, die magische Drei-Stunden-Grenze um gut 30 Minuten zu sprengen. Damit dringt der Film nicht nur in die illustre Gesellschaft superlanger (Historien)Schinken der 1950er, wie TEN COMMANDMENTS (USA 1956) oder BEN HUR (USA 1959), vor, er lässt vor allem die meiste zeitgenössische Kinokost - und das jetzt nicht nur rein quantitativ - weit hinter sich. THE RETURN OF THE KING ist der Superlativ der Ringtrilogie: die längste Spielzeit, die kolossalste Schlacht (lässt man den Prolog aus THE FELLOWSHIP OF THE RING (NZ/USA 2001) außer acht), die besten Effekte, das größte Pathos, der dichteste Spannungsbogen.
Berichtet wird von den letzten Tagen des Ringkriegs. Nach dem Sieg bei Helms Klamm reiten Gandalf und die Gefährten nach Isengart, um dort wieder auf Merry und Pippin zu treffen. Der "närrische Tuk" findet im Wasser am Fuße des Orthanc Sarumans Palantír (nur Jackson, der rund um Isengart aus Zeitgründen sieben Minuten schneiden ließ, weiß, wie der sehende Stein aus der Bibliothek dorthin gekommen sein mag). Ein unbedachter Blick hinein weckt Saurons Aufmerksamkeit und zwingt Gandalf, den Hobbit nach Minas Tirith in Sicherheit zu bringen. Die dortige Lage ist desolat. Mordor droht am Horizont und Denethor, der Truchsess von Gondor, scheint nach dem Tod seines Lieblingssohns Boromir von allen guten Geistern verlassen. In einer majestätischen Reise der Kamera über die Gipfel des Weißen Gebirges lässt Gandalf die Kunde von der Not Gondors durch die Feuer der Wacht nach Rohan eilen, wo König Théoden nach nur kurzem Zögern zur Heerschau ruft. Doch der Feind ist zahlreich und das Gute darf kaum auf einen Sieg hoffen. Von Elrond, der ihm das aus den Bruchstücken von Narsil neu geschmiedete Schwert Andúril bringt, wird Aragorn überredet, sein königliches Erbe endlich anzuerkennen und die Pfade der Toten zu beschreiten, um dort von einer längst vergessenen Streitmacht die Treue einzufordern, die sie einst Isildur versprach und dann versagte. Während Aragorn, Gimli und Legolas ins Dunkel ziehen, Merry sich mit Éowyn heimlich Théodens Reiterheer nach Gondor anschließt und Pippin sich mit Gandalf von den Zinnen Minas Tiriths aus einem aufmarschierenden Heer von hunderttausenden Orks gegenübersieht, dringen Frodo und Sam unter Gollums zweifelhafter Führung und zunehmender Belastung ihrer körperlichen und seelischen Verfassung über den Pass von Cirith Ungol nach Mordor vor. Im Gegensatz zu Tolkien montiert Jackson die parallelen Erzählstränge etwas anders, nämlich zeitnah, was nicht nur der Spannungsdramaturgie und dem Verständnis des Ablaufs der Ereignisse zuträglich ist, sondern auch den Grund dafür darstellt, weshalb die Ereignisse um Kankras Lauer, in der Romanvorlage noch zum zweiten Buch gehörend, in den dritten Teil übernommen wurden. Diese Parallelität gipfelt in dem Ablenkungsangriff des Menschenheers auf das Schwarze Tor von Mordor und der finalen Prüfung Frodos im brüllenden Glutofen des Schicksalsberges, die - man beachte - erkennbar in Anlehnung an die finale Prüfung Isildurs Tausende von Jahren zuvor inszeniert wird. Dass das Gute siegt, ist bereits Geschichte, doch es zeugt von Jacksons Gespür für die Erzählung, dass es ihm gelingt, den ausufernd langwierigen Schluss der Tolkienschen Vorlage auf ebenso elegante wie prägnante Weise zu einem runden Ende zu bringen. (Ich verrate nur so viel: Ein Riesenkürbis spielt eine bedeutende Rolle.)
Puristen wird es freuen, zu lesen, dass Peter Jackson nach THE TWO TOWERS (NZ/USA 2002) in THE RETURN OF THE KING wieder davon Abstand genommen hat, eigene Handlungsfäden in die ursprüngliche Geschichte einzuflechten. Natürlich nimmt der Regisseur kleinere dramaturgische Veränderungen vor. Die innere Zerrissenheit Gollums wird erneut betont. Ebenso die Arglist, mit der er Frodo gegen Sam einzunehmen versucht, der nach wie vor stets als Stimme der Vernunft und Stütze seines Herrn den mordlüsternen Plänen des ehemaligen Ringträgers im Wege steht. Das gefühllose Herz Denethors, vor allem seinem jüngeren Sohn Faramir gegenüber, wird in einer wundervoll montierten Sequenz bloßgelegt, die in ihrer Intensität in der Buchvorlage so nicht existiert, wo Denethor ein eher gebrochener, denn rundheraus verderbter alter Mann ist. Doch mit diesen "sanften Interpretationen" hat es sich. Keine Elben-Armee taucht grüßend auf dem Pelennor auf, keine Schwert schwingende Arwen stiehlt Éowyn ihre bitter verdienten fünf Minuten Ruhm im Kampf gegen den Hexenkönig, keine Warg-Reiter ziehen nach Sarumans stillschweigendem Abtreten von der Leinwand - Christopher Lee spielt im Film keine Rolle mehr, was im Vorfeld der Premierenfeiern zu einigem Unmut sowohl beim Darsteller selbst als auch seinen Fans führte - marodierend durch die Lande. Dies mag daran liegen, dass Jackson mehr als genug Stoff zu bewältigen hatte.
Ungeachtet der unglaublichen 212 Minuten Laufzeit kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Protagonisten stellenweise regelrecht durch die Handlung getrieben werden. Dass Fürst Imrahil und seine Schwanenritter von Dol Amroth komplett gestrichen wurden, mag dem ohnehin umfangreichem Reigen an main characters geschuldet sein, und auch wenn er im Roman während der letzten Stunden von Minas Tirith eine tragende Rolle spielt, fällt sein Fehlen kaum auf. Auch Beregond von der Wache schaffte es nicht bis auf die Leinwand, was, obgleich er nur eine Nebenfigur darstellt, insofern bedauerlich ist, als dass seine kurze Freundschaft mit Pippin, nachdem dieser in der Königsstadt eingetroffen ist, für ein paar besinnliche Ruhemomente gesorgt hätte in all dem Schlachtengetöse. Gleiches gilt für Ghân-buri-Ghân und seine Waldmenschen. Hier forderte eine Dramaturgie des Spektakulären von Jackson unerbittlich ihren Tribut. Ausfall des Orkheeres aus Minas Morgul, Kampf um Osgiliath, zweiter Ritt gegen Osgiliath - wundervolle Sequenz (siehe oben) -, Aufmarsch der Armeen Saurons auf den Pelennor-Feldern, Bombardierung von Minas Tirith, Angriff der Nâzgul, Grond, die Superramme, Sturmritt der 6.000 Rohirrim, Auftritt der AT-ATs, pardon, der Mûmakil aus dem Süden. Die wild wackelnde, jagende Kamera (oft ahnt man mehr, als dass man sieht) kommt kaum zur Ruhe, die Bassfrequenzen auf der Tonspur überhaupt nicht. Dazwischen Choräle, Trompeten, feurige Ansprachen der Helden und tosende Kampfbereitschaftsbekundungen der Masse. Wäre das Ganze nicht The Lord of the Rings, es kröchen unangenehme Reminiszenzen an gewisse Ereignisse in Sportpalästen vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert aus ihren Bewusstseinswinkeln.
Doch DER HERR DER RINGE ist nun mal überlebensgroß. Das war bereits das Buch, das sich im Bücherregal am wohlsten in Gesellschaft des Nibelungenlieds, der Edda und der Bibel fühlt (über all die mythischen und religiösen Anspielungen könnte man eine längere Arbeit verfassen), und so sind auch die drei Filme ausgefallen. Man darf also nicht allzu kritisch sein gegenüber all den Zeitlupen, dem Gegenlicht, den majestätischen Luftaufnahmen, dem wuchtigen Soundtrack Howard Shores und dem Donnern der computergenerierten Massen und Naturgewalten, gegenüber den pathetischen Reden, dem unmöglichen Kampfesgeschick, den schicksalsschweren Traumsequenzen und den kitschigen Liebesszenen. Wem das zu dick aufgetragen ist - und an manchen Stellen kann sich selbst ein hartgesottener Fan einen dummen Kommentar nur mit Mühe verkneifen -, der möge das Genre wechseln. Oder er nimmt die emotionale Patina auf so manchem Filmmeter mit Humor und lässt sich ansonsten verzaubern von der phantastischen, insgesamt nun fast elfstündigen Reise, die Peter Jackson aus Tolkiens Fantasy-Klassiker für uns geschaffen hat.

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