Consummatum
est.
von Bernd Perplies
| THE LORD OF THE
RINGS: THE RETURN OF THE KING |
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Mit der Verfilmung von J. R. R. Tolkiens Opus
Magnum The Lord of the Rings hat Regisseur Peter Jackson das Fantasy-Fandom
gleich in mehrfacher Hinsicht in Aufregung versetzt. Nach Ansicht der einen
verhalf er einer für das Genre zweifelsohne bedeutenden, aber literarisch
doch leicht angestaubten Geschichte zu neuer Frische, für die anderen
blieb es ein halbherziger, ja manchmal sogar ärgerlicher Versuch, ein
meisterliches Epos für die große Leinwand zu adaptieren. Als
Faustregel galt und gilt unter den Fans: mehr ist mehr - THE
LORD OF THE RINGS ist ein Werk, dass sich keiner 90-Minuten-Dramaturgie
unterwirft, sondern erst in den "Extended Cuts" auf DVD sein volles
Potential entfaltet. Und selbst dort wünschte man sich noch die eine
oder andere zusätzlich Szene.
In diesem Sinne kommt der dritte und finale
Teil der Trilogie dem Zuschauer entgegen; Warner ließ sich erweichen,
die magische Drei-Stunden-Grenze um gut 30 Minuten zu sprengen. Damit dringt
der Film nicht nur in die illustre Gesellschaft superlanger (Historien)Schinken
der 1950er, wie TEN COMMANDMENTS (USA 1956) oder
BEN HUR (USA 1959), vor, er lässt vor allem
die meiste zeitgenössische Kinokost - und das jetzt nicht nur rein
quantitativ - weit hinter sich. THE RETURN OF THE KING
ist der Superlativ der Ringtrilogie: die längste Spielzeit, die kolossalste
Schlacht (lässt man den Prolog aus THE FELLOWSHIP OF
THE RING (NZ/USA 2001) außer acht), die besten Effekte, das
größte Pathos, der dichteste Spannungsbogen.
Berichtet wird von den letzten Tagen des
Ringkriegs. Nach dem Sieg bei Helms Klamm reiten Gandalf und die Gefährten
nach Isengart, um dort wieder auf Merry und Pippin zu treffen. Der "närrische
Tuk" findet im Wasser am Fuße des Orthanc Sarumans Palantír
(nur Jackson, der rund um Isengart aus Zeitgründen sieben Minuten schneiden
ließ, weiß, wie der sehende Stein aus der Bibliothek dorthin
gekommen sein mag). Ein unbedachter Blick hinein weckt Saurons Aufmerksamkeit
und zwingt Gandalf, den Hobbit nach Minas Tirith in Sicherheit zu bringen.
Die dortige Lage ist desolat. Mordor droht am Horizont und Denethor, der
Truchsess von Gondor, scheint nach dem Tod seines Lieblingssohns Boromir
von allen guten Geistern verlassen. In einer majestätischen Reise der
Kamera über die Gipfel des Weißen Gebirges lässt Gandalf
die Kunde von der Not Gondors durch die Feuer der Wacht nach Rohan eilen,
wo König Théoden nach nur kurzem Zögern zur Heerschau ruft.
Doch der Feind ist zahlreich und das Gute darf kaum auf einen Sieg hoffen.
Von Elrond, der ihm das aus den Bruchstücken von Narsil neu geschmiedete
Schwert Andúril bringt, wird Aragorn überredet, sein königliches
Erbe endlich anzuerkennen und die Pfade der Toten zu beschreiten, um dort
von einer längst vergessenen Streitmacht die Treue einzufordern, die
sie einst Isildur versprach und dann versagte. Während Aragorn, Gimli
und Legolas ins Dunkel ziehen, Merry sich mit Éowyn heimlich Théodens
Reiterheer nach Gondor anschließt und Pippin sich mit Gandalf von
den Zinnen Minas Tiriths aus einem aufmarschierenden Heer von hunderttausenden
Orks gegenübersieht, dringen Frodo und Sam unter Gollums zweifelhafter
Führung und zunehmender Belastung ihrer körperlichen und seelischen
Verfassung über den Pass von Cirith Ungol nach Mordor vor. Im Gegensatz
zu Tolkien montiert Jackson die parallelen Erzählstränge etwas
anders, nämlich zeitnah, was nicht nur der Spannungsdramaturgie und
dem Verständnis des Ablaufs der Ereignisse zuträglich ist, sondern
auch den Grund dafür darstellt, weshalb die Ereignisse um Kankras Lauer,
in der Romanvorlage noch zum zweiten Buch gehörend, in den dritten
Teil übernommen wurden. Diese Parallelität gipfelt in dem Ablenkungsangriff
des Menschenheers auf das Schwarze Tor von Mordor und der finalen Prüfung
Frodos im brüllenden Glutofen des Schicksalsberges, die - man beachte
- erkennbar in Anlehnung an die finale Prüfung Isildurs Tausende von
Jahren zuvor inszeniert wird. Dass das Gute siegt, ist bereits Geschichte,
doch es zeugt von Jacksons Gespür für die Erzählung, dass
es ihm gelingt, den ausufernd langwierigen Schluss der Tolkienschen Vorlage
auf ebenso elegante wie prägnante Weise zu einem runden Ende zu bringen.
(Ich verrate nur so viel: Ein Riesenkürbis spielt eine bedeutende Rolle.)
Puristen wird es freuen, zu lesen, dass
Peter Jackson nach THE TWO TOWERS (NZ/USA 2002) in
THE RETURN OF THE KING wieder davon Abstand genommen
hat, eigene Handlungsfäden in die ursprüngliche Geschichte einzuflechten.
Natürlich nimmt der Regisseur kleinere dramaturgische Veränderungen
vor. Die innere Zerrissenheit Gollums wird erneut betont. Ebenso die Arglist,
mit der er Frodo gegen Sam einzunehmen versucht, der nach wie vor stets
als Stimme der Vernunft und Stütze seines Herrn den mordlüsternen
Plänen des ehemaligen Ringträgers im Wege steht. Das gefühllose
Herz Denethors, vor allem seinem jüngeren Sohn Faramir gegenüber,
wird in einer wundervoll montierten Sequenz bloßgelegt, die in ihrer
Intensität in der Buchvorlage so nicht existiert, wo Denethor ein eher
gebrochener, denn rundheraus verderbter alter Mann ist. Doch mit diesen
"sanften Interpretationen" hat es sich. Keine Elben-Armee taucht
grüßend auf dem Pelennor auf, keine Schwert schwingende Arwen
stiehlt Éowyn ihre bitter verdienten fünf Minuten Ruhm im Kampf
gegen den Hexenkönig, keine Warg-Reiter ziehen nach Sarumans stillschweigendem
Abtreten von der Leinwand - Christopher Lee spielt im Film keine Rolle mehr,
was im Vorfeld der Premierenfeiern zu einigem Unmut sowohl beim Darsteller
selbst als auch seinen Fans führte - marodierend durch die Lande. Dies
mag daran liegen, dass Jackson mehr als genug Stoff zu bewältigen hatte.
Ungeachtet der unglaublichen 212 Minuten
Laufzeit kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Protagonisten
stellenweise regelrecht durch die Handlung getrieben werden. Dass Fürst
Imrahil und seine Schwanenritter von Dol Amroth komplett gestrichen wurden,
mag dem ohnehin umfangreichem Reigen an main characters geschuldet sein,
und auch wenn er im Roman während der letzten Stunden von Minas Tirith
eine tragende Rolle spielt, fällt sein Fehlen kaum auf. Auch Beregond
von der Wache schaffte es nicht bis auf die Leinwand, was, obgleich er nur
eine Nebenfigur darstellt, insofern bedauerlich ist, als dass seine kurze
Freundschaft mit Pippin, nachdem dieser in der Königsstadt eingetroffen
ist, für ein paar besinnliche Ruhemomente gesorgt hätte in all
dem Schlachtengetöse. Gleiches gilt für Ghân-buri-Ghân
und seine Waldmenschen. Hier forderte eine Dramaturgie des Spektakulären
von Jackson unerbittlich ihren Tribut. Ausfall des Orkheeres aus Minas Morgul,
Kampf um Osgiliath, zweiter Ritt gegen Osgiliath - wundervolle Sequenz (siehe
oben) -, Aufmarsch der Armeen Saurons auf den Pelennor-Feldern, Bombardierung
von Minas Tirith, Angriff der Nâzgul, Grond, die Superramme, Sturmritt
der 6.000 Rohirrim, Auftritt der AT-ATs, pardon, der Mûmakil aus dem
Süden. Die wild wackelnde, jagende Kamera (oft ahnt man mehr, als dass
man sieht) kommt kaum zur Ruhe, die Bassfrequenzen auf der Tonspur überhaupt
nicht. Dazwischen Choräle, Trompeten, feurige Ansprachen der Helden
und tosende Kampfbereitschaftsbekundungen der Masse. Wäre das Ganze
nicht The Lord of the Rings, es kröchen unangenehme Reminiszenzen
an gewisse Ereignisse in Sportpalästen vor etwas mehr als einem halben
Jahrhundert aus ihren Bewusstseinswinkeln.
Doch DER HERR DER RINGE
ist nun mal überlebensgroß. Das war bereits das Buch, das sich
im Bücherregal am wohlsten in Gesellschaft des Nibelungenlieds, der
Edda und der Bibel fühlt (über all die mythischen und religiösen
Anspielungen könnte man eine längere Arbeit verfassen), und so
sind auch die drei Filme ausgefallen. Man darf also nicht allzu kritisch
sein gegenüber all den Zeitlupen, dem Gegenlicht, den majestätischen
Luftaufnahmen, dem wuchtigen Soundtrack Howard Shores und dem Donnern der
computergenerierten Massen und Naturgewalten, gegenüber den pathetischen
Reden, dem unmöglichen Kampfesgeschick, den schicksalsschweren Traumsequenzen
und den kitschigen Liebesszenen. Wem das zu dick aufgetragen ist - und an
manchen Stellen kann sich selbst ein hartgesottener Fan einen dummen Kommentar
nur mit Mühe verkneifen -, der möge das Genre wechseln. Oder er
nimmt die emotionale Patina auf so manchem Filmmeter mit Humor und lässt
sich ansonsten verzaubern von der phantastischen, insgesamt nun fast elfstündigen
Reise, die Peter Jackson aus Tolkiens Fantasy-Klassiker für uns geschaffen
hat.
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