Vor lauter Wasser
von Alexander Gajic

SHARK TALE
USA 2004.
R: Bibo Bergeron, Vicky Jenson, Rob Letterman. B: Rob Letterman, Damian Shannon. M: Hans Zimmer. D: Will Smith (Oscar), Robert De Niro (Don Lino), Renée Zellweger (Angie), Angelina Jolie (Lola), Jack Black (Lenny), Martin Scorsese (Sykes), Ziggy Marley (Ernie), Doug E. Doug (Bernie), Michael Imperioli (Frankie), Peter Falk (Don Brizzi). L: 90 Min.

SHARK TALE

Weißt Du, tief in mir drin bin ich unheimlich oberflächlich. - Es ist beinahe dramatische Ironie, dass ausgerechnet die vielleicht sexiest animierte Figur seit Jessica Rabbit einen Satz aussprechen muss, mit dem sie ihren eigenen Film nur allzu gut beschreibt. Dass stille Wasser bekanntlich tief sind, lehrt der Volksmund; dass im Umkehrschluss besonders laute Gewässer erstaunlich flach sein können, beweist tragischerweise DreamWorks' neues Animationsspektakel SHARK TALE.

Es gehört im Computeranimationsbereich inzwischen schon beinahe zur Tradition, dass die beiden größten Konzerne, die Pioniere des Noch-Disney-Partners Pixar und ihre Konkurrenten von den DreamWorks Studios, in schöner Regelmäßigkeit mit Filmen um die Gunst des Publikums buhlen, die sich zumindest äußerlich ähneln. Auf DreamWorks' Ameisenneurose ANTZ (USA 1998) folgte A BUG'S LIFE (USA 1998), dem grünen Monster Shrek setzen die Pixaristen das blaue Monster Sully aus der MONSTERS, INC. (USA 2001) entgegen. In beiden Fällen zeichneten sich die erstgenannten meist durch eine größere Reife aus (so ist ANTZ im Grunde ein verkappter Woody Allen-Film), am Ende überzeugten aber in der Zuschauergunst und damit an den Kinokassen meist die insgesamt flauschigeren Versionen der Disney-Affiliaten. Das letztjährige Animationsereignis schließlich war eindeutig Pixars FINDING NEMO (USA 2003), und auch wenn der Film die Box-Office-Goldmedaille in diesem Sommer an das eher storyschwache Monstersequel SHREK 2 (USA 2004) abgeben musste, so hatte der Film mit dem kleinen Clownfisch doch eindeutige Maßstäbe in Bezug auf das Erzählen von animierten Unterwassergeschichten gesetzt. Kein Wunder also, dass sich der DreamWorks-Konkurrent SHARK TALE an ihm messen lassen wird.

Doch was geht eigentlich vor auf dem Meeresgrund? SHARK TALE erzählt die Geschichte des Möchtegernhelden Oskar, der sein Leben schon verloren glaubt, als er sich wider Willen mit den Mafia-Haien des Southside Riffs anlegt. Glücklicherweise beendet ein herabfallender Anker das Leben seines Verfolgers und Oskar nutzt diese Chance um sich selbstbewusst zum Haikiller zu proklamieren und fortan die Showbiz-Karriere zu starten, von der er immer geträumt hat. Unerwartete Hilfe erhält er dabei von dem verstoßenen Vegetarier-Hai Lenny, mit dem er gemeinsam das ganz große Lügen-Event inszeniert. Zugunsten der am Anfang dieser Kritik zitierten Sexbombe Lola verscherzt es sich Oskar kurz darauf zudem mit seiner Freundin Angie, die prompt von der Haimafia entführt wird. Am Ende muss der kleine Fisch alles auf eine Karte setzen und die alte Lektion lernen, dass es viel wichtiger ist, zu sich selbst zu stehen, als seinen Erfolg auf einer Lüge aufzubauen - dann kommen vielleicht auch Missy Elliot und Christina Aguilera vorbei und singen mit einem gemeinsam die große Endnummer in der Walwaschanlage.

Das Schlemmerfilet aus der DreamWorks-Küche kann mit jeder Menge schmackhaften Beilagen aufwarten: Der gigantische All-Star Cast der Originalfassung, darunter Will Smith, Renee Zellweger, Angelina Jolie, Robert De Niro, Jack Black und Regisseur Martin Scorsese erschlägt den unbedarften Zuschauer fast ebenso sehr, wie die Springflut an popkulturellen Zitaten und Anspielungen und die grellbunte Optik der Schauplätze. Es ist äußerst schade, dass der Hauptgang, eine gute Geschichte mit sympathischen Charakteren, im Gegenzug etwas vernachlässigt wurde, denn das Potenzial hätte der Film allemal gehabt. So wirkt SHARK TALE in vielen Abschnitten ein bisschen wie jene unsäglichen jüngeren Episoden der Simpsons, bei denen sich das bissig-subversive Originalkonzept der Serie längst in einem gelben Reflexivitätsbrei aufgelöst hat. Auch in SHARK TALE bleibt der Ozean oft genug vor lauter Wasser unsichtbar. Der Film bemüht sich, gleichzeitig Gangster, Rapper, Vegetarier und die Mediengesellschaft auf die Schippe zu nehmen, während er quasi nebenher noch versucht, eine Message über Bescheidenheit und Selbstvertrauen an Mann, Frau und vor allem Kind - das aufgrund von Hunderten Bezügen zu Filmen, die es erst in frühestens zehn Jahren sehen darf, vermutlich sowieso die Stirn runzelt - zu bringen.

In Deutschland setzt die Synchronfassung als weiterer Dorn im Auge auf all das noch einen drauf: Während die Haie mit ihrer italienisch angehauchten Mafiosi-Sprache sehr gut wegkommen, gibt es im Deutschen einfach noch immer kein vernünftiges Äquivalent für den typischen schwarzen Ghettoslang, auf den sich der Film mitsamt der dazugehörigen Subkultur durchgehend auf eine Art und Weise bezieht, die in der deutschen Version nur untergehen kann, vor allem dann, wenn fast der gesamte deutsche Sprecherstab aus Soap Stars und VIVA-Sternchen (u.a. Daniel Fehlow, Yvonne Catterfeld, Mola Adebisi) besteht. Christian Brückner, die bekannte Synchronstimme von Robert De Niro, ist der einzige der so gelassen über dem Film thront, wie er sollte.

Und auch wenn dem Film optisch bis auf seinen manchmal etwas zu knallbunten Look wirklich nichts vorzuwerfen ist, inklusive den perfekt nach ihren Festlandvorbildern gestalteten Charakteren und einem mehr als souveränen Umgang mit dem Medium Computeranimation, so kann eine hübsche Panade leider doch nicht über erhebliche Gräten im Filet hinwegtäuschen. Charaktere, die beinahe ebenso flach sind wie große Teile des Drehbuchumfelds, in dem sie sich bewegen, können dem Tiefgang und der Originalität eines Films wie FINDING NEMO, leider nur schwer (und das soll ausnahmsweise kein Wortwitz sein) das Wasser reichen.

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