The Importance of Being Spidey
von Harald Mühlbeyer

SPIDER-MAN 2
USA 2004.
R: Sam Raimi; B: Stan Lee & Steve Ditko (Comic), Alfred Gough, Miles Millar & Michael Chabon (Screen Story), Alvin Sargent (Screenplay); K: Bill Pope, Anette Haellmigk; M: Danny Elfman; D: Tobey Maguire, Kirsten Dunst, James Franco, Alfred Molina, Rosemary Harris, J.K. Simmons, Donna Murphy, Daniel Gillies, Dylan Baker, Bill Nunn, Vanessa Ferlito, Aasif Mandvi, Willem Dafoe, Cliff Robertson, Ted Raimi; L: 127 Min.

I spy with my little eye... SPIDEY!

Peter Parker ist ein sozialer Underdog. So richtig gelingen will ihm nichts, und wenn er auf dem Unicampus rumläuft, wird er von allen Seiten angerempelt. Immer kommt er zu spät: Beim Pizza-Ausliefern, zum Rendezvous, bei den Häppchen auf einer Party. Und unglücklich verliebt ist er auch: Auf Mary Jane zuzugehen erlaubt ihn sein zweites Leben als Spider-Man nicht.
Dr. Otto Octavius ist da von ganz anderem Kaliber. Er ist Wissenschaftler und dabei, eine große Entdeckung für die Menschheit zu machen: billige Energie für alle. Er ist glücklich verheiratet mit einer Literaturwissenschaftlerin: die perfekte Synthese aus Kunst und Technik. Und eine gefährliche Gratwanderung zwischen Genialität und Wahnsinn. Nach einem missglückten Experiment verwandelt er sich in ein Monster mit künstlichen Tentakeln auf dem Rücken, die sein weiteres böses Streben bestimmen. Er wird der große Gegner Spider-Mans, er, der ihm zuvor den Tip gegeben hat, mit Gedichten sein Mädchen zu erobern.
Peter, der Unbeholfene, liest im Waschsalon Gedichtbände für Mary Jane, während er sein Heldenkostüm wäscht (und dabei seine Socken verfärbt). Doch natürlich kommt er mit seiner Rezitation zu spät, die Geliebte hat sich aus Enttäuschung über Peters Unbestimmtheit einem Astronauten zugewandt. Vielleicht ist alles viel einfacher, wenn man ein klares, unkompliziertes Leben führt , dabei zwar herumgeschubst wird, das aber immerhin als Mensch und als Geliebter. Und Spider-Man entschließt sich, zu fallen, vom Gipfel des Heldentums hinunter in die Niederungen des ordinary life.

Wie die Figuren balanciert auch der Film auf einem schmalen Grat. Sam Raimi schafft das Kunststück, mit Spaß und Ironie einen Film zu inszenieren, der dennoch nicht lächerlich ist. SPIDER-MAN 2 ist als Comic-Verfilmung und als Actionfilm genauso ernst zu nehmen, wie er sich selbst ironisch betrachtet. Ein Versuch, im Krankenhaus Dr. Octalus zu behandeln, gerät zu einer Splatterorgie, die an Raimis früheres Werk erinnert. Und die running gags um Peters Unbeholfenheit sorgen nicht nur für comic relief, sie sind Slapsticksequenzen aus eigenem Recht. Raimi und die Schauspieler sind mit sichtbarer Begeisterung bei der Sache. Mit größter Ausgelassenheit und Ungezwungenheit haben sie diesen Film gedreht, der nie aus dem Gleichgewicht gerät und dennoch mal auf der einen, der komischen, und auf der anderen, der ernsthaften Seite einen Blick in den Abgrund tut – mehr als es beispielsweise PIRATES OF THE CARIBBEAN: THE CURSE OF THE BLACK PEARL (USA 2003) oder X-MEN (USA 2000) tun.
Die Handlungsfäden hält Raimi straff in der Hand: Er lässt Peter Parker gleich an mehreren Fronten kämpfen. Seine geliebte Mary Jane entgleitet ihm, mit Doc Ock hat er einen starken Gegenspieler, sein Freund Harry Osborn, der Sohn des Green Goblin aus dem ersten Teil, will unbedingt die Identität Spider-Mans herausfinden, den er mit unerbittlicher Rache verfolgt. Und sein Chefredakteur, für den er als freischaffender Fotojournalist arbeitet, hält ihn an der kurzen Leine. Dass manche tiefen Momente etwas schnell abgehandelt werden, etwa die Wandlung des Wissenschaftlers zum Wahnsinnigen in einem kurzen Monolog, ist sicher der Erzählökonomie geschuldet. Andere Motive, die Selbstzweifel Spider-Mans, die unglückliche Liebe, die zum Verlust der Superkräfte führt, die Orientierungslosigkeit in Peters jungem Leben, sind genau wiedergegeben und ergeben die Erzählebene, die den Film auf dem Boden der wirklichen Welt verankert.
War Spider-Man im ersten Teil, mit der Entdeckung seiner Eigenheiten und damit seines Selbstbewusstseins, eine Coming-of-Age-Geschichte, so ist dieser zweite Teil eine Beschreibung des Lebens von der ersten, der spielerischen, auf die zweite, die ernsthafte Stufe des Erwachsenendaseins. Peter muss seinen Platz in der Gesellschaft finden, zwischen Uni und Geldverdienen, immer mit einem Auge auf seine Perspektiven in der Zukunft.

Das Sequel ist eine klare Steigerung zum ersten Teil: In SPIDER-MAN (USA 2002) war die zweite Hälfte eine klassische Gut-Böse-Geschichte; nun vermischen sich die Charaktere mehr, sie interagieren mehr, die Nebenhandlungen treffen sich und lösen sich wieder voneinander, ohne dass sie sich verknoten; und die Action-Sequenzen an Hauswänden und auf dem Zug sind sehr rasant, voll Freude an der Bewegung und an den technischen Möglichkeiten, und dabei immer mit einem Augenzwinkern inszeniert, die den Film weit über das übliche Maß der Blockbuster hinaushebt.
Das Schweben zwischen Komödie und Ernsthaftigkeit ist nicht nur Selbstzweck einer Multimillionenproduktion, um eine größere Zielgruppe zu erreichen. Es ist eine Verlängerung des Schwebezustands, in dem sich Peter Parker befindet; nur, dass der Film sich dabei nicht unsicher ist, sondern seine Hybridität genießt. Und er ist sich seines doppelwertigen Spiels bewusst: Das Theaterstück, in dem Mary Jane mitspielt (und zu dessen Vorstellung Peter natürlich zu spät kommt), ist ironischerweise Oscar Wildes "The Importance of Being Earnest".

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