TASOGARE SEIBEI
(Samurai in der Dämmerung)

Japan 2002; R: Yoji Yamada; K: Mutsuo Naganuma; D: Hiroyuki Sanada, Rie Miyazawa, Erina Hashiguchi, Miki Ito
von Ann Dettmar

Unvermittelt befindet man sich in einem düsteren Raum. Geschäftige Menschen bewegen sich durch die Schatten, eine zugedeckte Leiche liegt im Bett, wird hergerichtet, von irgendwoher dringt das Weinen einer Frau. Orientierung schafft erst nach geraumer Zeit die Voice over: „My mother died after a long sickness when I was five”, sagt die erwachsene Stimme Itos, und man sieht die Fünfjährige, inmitten des Wirrwarrs ein schwach beleuchtetes Gesicht. Seit sie sich erinnern kann, war die Mutter ansteckend krank gewesen, das Kind hatte sich ihr nicht nähern dürfen. So sitzt die Kleine gelassen, schaut unberührt auf das Gewusel fremder Menschen, ebensowenig verstehend wie die Zuschauer, ebenso unberührt vom Tod einer Unbekannten. „Ito, you poor little baby” sagt eine Frauenstimme, und die Szene bricht ab. Im ganzen Film wird die Sicht der Außenstehenden auf diese Familie das Selbstverständnis der Familienmitglieder nie erfassen.

Seibei Iguchi ist ein Samurai niedrigsten Ranges, der in Armut lebt. Krankheit und Begräbnis seiner Frau haben ihn in Schulden gestürzt, neben seiner Arbeit als Schreiber in den Vorratslagern des Schlosses macht er Heimarbeit, baut Insektenkäfige zum Verkauf, bestellt das Feld. Die Kollegen nennen ihn spöttisch „Tasogare (Dämmerlicht) Seibei”, weil er es sich nicht leisten kann, mit ihnen in die Kneipe zu kommen, schon vor der Dunkelheit direkt nach der Arbeit nach Hause geht. Ihm bleibt bei all den Aufgaben keine Zeit zum Baden, seine Kleidung ist teilweise zerschlissen, sein Haar ungekämmt und auf dem Kopf stoppelig unrasiert. Aber Seibei ist dessen ungeachtet ein glücklicher Mann. Gemessen schreitet er nach Hause, freut sich am Duft des Frühlings, bleibt stehen und schaut: „The azalea's in bloom!” Vor dem Tor wartet die kleine Ito, springt ihm freudig entgegen, im Haus werkelt ihre zehnjährige Schwester Kayano, es gibt Tee. Gemeinsam sitzen sie im warmen Zimmer, basteln an den Insektenkäfigen, die Kinder erzählen dem Vater von der Schule. Diese Szenen atmen Zufriedenheit. Ob sie sich einsam fühlten ohne Mutter, fragt Seibei seine Töchter einmal, und die verstehen nicht recht, auch sie sind glücklich mit ihm.

Dann kehrt Seibeis alte Liebe Tomoe nach einer unglücklich geschiedenen Ehe ins Haus ihres Bruders Michinojo zurück, ihr betrunkener Exmann verfolgt sie, fordert Michinojo zum Duell. Seibei tritt für den Freund an, zum Kampf bringt er nur einen kurzen Stock mit, damit töte man nicht gleich, erklärt er. Beleidigt stürzt der Taugenichts sich mit dem Langschwert auf Seibei, aber der ist schneller und schlägt den Gegner nach mehreren Warnungen bewußtlos. Der ungleiche Kampf ist so erfreulich unblutig, dabei so virtuos ausgefochten und gefilmt, dass es Szenenapplaus gab. Die Freude über Seibeis Sieg bringt mich noch in der Erinnerung zum Lächeln.

Mittlerweile ändert sich die Welt um die kleine Familie, der gute Fürst stirbt, noch jung, an den Masern, Unruhe bricht aus. Seibei ist ein Endzeit-Samurai in der „Bakumatsu”, der Öffnung Japans nach Westen. Er hat keinen Ehrgeiz aufzusteigen, mit dem Ehrbegriff der verschwindenden Zeit kann er wenig anfangen. Am liebsten wäre er ein einfacher Bauer, der die Früchte seiner Arbeit auf dem Feld und seine geliebten Kinder in Frieden wachsen sieht. Die Zeit des Schwertes ist vorbei, die Soldaten üben mit Gewehren, Seibei würde die Waffen gerne gegen die Pflugschar tauschen. Er ist ein Ruhepol in der eifrigen Welt, seine Gelassenheit verliert er nur gegenüber Tomoe.

Ito, die Erwachsene, sagt: „Die Kollegen, die während der Meji Restauration aufgestiegen und zu hohen Ämtern gelangt sind, sagen, Tasogare Seibei sei ein Pechvogel. Mein Vater strebte nicht nach hohen Ämtern. Er liebte seine Töchter und seine schöne Tomoe liebte ihn. Sein Leben war kurz, aber erfüllt.” Und sie sagt: „Dieser Vater war mein ganzer Stolz.”

Yamada erzählt die Geschichte dieses friedvollen Mannes in ruhigen Bildern, beobachtet die Personen genau. Beinahe alle Figuren beschreibt er mit liebevoller Nachsicht, oft mit leisem Humor. Die Meisterschaft dieses Regisseurs und Drehbuchautors, der bisher insgesamt 77 Filme inszenierte, zeigt sich in jedem Moment. TASOGARE SEIBEI lässt die Zuschauer keinen Augenblick los, bleibt bis in die Einzelheiten intensiv, zugleich subtil, ein großes Kinoerlebnis.