Die Hölle unter Berlin
von Bernd Zywietz
DER UNTERGANG
BRD 2004.
R: Oliver Hirschbiegel. B+P: Bernd Eichinger. D: Bruno Ganz (Adolf Hitler), Alexandra Maria Lara (Traudl Junge), Corinna Harfouch (Magda Goebbels), Ulrich Matthes (Joseph Goebbels), Juliane Köhler (Eva Baun), Heino Ferch (Albert Speer), Christian Berkel (Prof. Schenck), Mathias Habich (Prof. Haase), Thomas Kretschmann (Hermann Fegelein), Michael Mendl (Helmuth Weidling), Urich Noethen (Heinrich Himmler).Das Ende naht. Zumindest der des Dritten Reichs, 1945 im Führerbunker unter der Reichskanzlei. Ein mutiger Film, den sich Produzent und Drehbuchautor Bernd Eichinger und sein Regisseur Oliver Hirschbiegel da erlauben, alleine schon des Themas wegen. DER UNTERGANG basiert auf den historischen Skizzen Joachim Fests und den Erinnerungen Traudl Junges, seinerzeit Hitlers Sekretärin. Sie erlebte das Ende hautnah mit. Im Film wird sie gespielt von Alexandra Maria Lara, und zum ersten Mal begegnet sie, und mit ihr der Zuschauer, dem Führer beim Vorstellungsgespräch in der Wolfsschanze. Freundlich ist er, bittet sie zum Probediktat, das gründlich schief geht. Doch statt zu wüten, zeigt sich der Diktator liebevoll und nachsichtig. Probieren wir es gleich noch einmal. Seinem Land wird er dies nicht zugestehen.
Die Qualität eines solchen Filmes muss sich an der Figur Hitlers messen lassen, jenem Ein-Wort-Schreckgespenst, das noch lange, nicht nur die Deutschen, heimsuchen wird. Eichinger und Hirschbiegel trauen sich, aus ihm einen Adolf Hitler zu machen, ein Individuum, das weder für Glorifizierung noch Dämonisierung taugt. Gespielt wird der Österreicher von einem Schweizer: dem großartigen Bruno Ganz. In zweifacher Hinsicht eine beachtenswerte Entscheidung. Denn welch Kontrast in seiner Rollengeschichte, vom Engel Damiel in Wim Wenders DER HIMMEL ÜBER BERLIN (BRD/FR 1987) zum Teufel sehr viel tiefer drunten.
Um das Menschliche in diesen Figuren geht es in beiden Filmen. Das erkundet Ganz, lotet die Tiefe darin aus, schaut, wie weit sie reicht, die Banalität des Bösen, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass die Untat größer ist als ihr Verursacher. Man mag nicht sagen, dass Ganz die Rolle völlig ausfüllt, allein schon: wer mag das von sich selber hören? Doch auch schauspielerisch; da hängen die Mundwinkel immer etwas zu weit, die Gestik ist auswendig gelernt und vor allem der herrische Propaganda-Ton mit seinem rollenden "R" verweist, wie authentisch er auch sein mag, auf seine Parodien und Kolportagen, die jedwedes Original überdeckt haben. Dafür überzeugen die Extreme, in denen sich die ganze schreckliche Ambivalenz dieses Hitlers wiederfindet. Seine Wutanfälle, in denen er selbstmörderisch befiehlt, aber auch die leisen Momente. Es gibt eben zwei Hitler, den privaten und den Führer, belehrt Eva Braun (Juliane Köhler) Traudl, und gerade der private macht es schwer. Denn der ist zärtlich, ja liebevoll zu Traudl, wie ein herzensguter Onkel, der dann wieder den Verlust von Reich und (Wahn)Welt betrauert. Diese abgründige Zwiespältigkeit, bei aller Monstrosität, lässt eine tragische Figur entstehen, weil sie doch so nachvollziehbar ist – einen alten fanatischen und wahnhaften Mann, für den man Mitleid haben könnte, wäre er seinen Phantasmagorien nur unter entsprechender Aufsicht erlegen. So aber brüstet er sich des Holocausts, auch im Nachspann werden die sechs Millionen Opfer des Rassenmords erwähnt. In der Filmhandlung selbst kommt das Thema kaum vor, stattdessen wird vom Bunker unter der Erde "nur" in die umkämpften Straßen Berlins geschnitten, wo der wahre Höllensturm tobt, Kinder zerbombt und alte Männer als Deserteure erschießt. Gedreht wurde das in St. Petersburg, auch eine Ironie.
Seine klaustrophobisch behaglich Behausung verlässt der Gröfaz im Film nur zweimal, einmal um eine Reihe junger Buben fürs sinnlose Verteidigung auszuzeichnen, das letzte Mal als Leiche, um in einem Erdloch verbrannt zu werden. Beides Ausdruck und Folge von Realitätsverlust und Großmannssucht. Und der Film hat eine Menge davon zu bieten, und noch mehr: Wer an manchen Stellen über den Irrsinn von Personen und Situationen lachen muss, tut dies verständlicherweise – jedoch auf eigene Verantwortung. Der Film macht sich damit nicht gemein, sondern überlässt es jedem selbst, wie damit umzugehen; er zeigt das Groteske ohne dabei selbst grotesk zu werden. Wenn Hitler bei der Nottrauung mit Eva nach seinem rassischem Status gefragt wird, die Fachsimpelei um Selbstmordmethoden, der Personenkult oder die absurden Beförderungen, die Hitler zuletzt noch zuteil werden lässt.
Heino Ferch als Albert Speer, Ulrich Matthes als Goebbels und Corinna Harfouch als dessen Frau – DER UNTERGANG weist eine beeindruckende Liste an Namen und Talent auf. Alle spielen großartig, ausgenommen hier und da ein Klischee oder was man dafür halten könnte. Auch die Lara müht sich zu sehr mit der ihr abverlangten bayerischen Dialekt und spielt auf verlorenem Posten gegen ihre großen wunderschönen Augen an. Aber das sind Nichtigkeiten, schnell zu vergessen in den 150 Minuten. Und eine gute Besetzung braucht es, um den wirklichen Schrecken erfahrbar zu machen, den, der allem Töten zugrunde liegt. Wieso nur, fragt man sich, sind sie alle dem Verrückten gefolgt, folgen ihm noch über den Tod hinaus? Mutter Goebbels, die ihre Kinder vergiftet, weil für sie das Leben ohne Nationalsozialismus nicht lebenswert ist. Eine manische Eva Braun, die zum Feiern lädt. Und immer wieder die blinden Militärs, die es nicht besser wissen (wollen). Am stärksten ist der Film, wenn hinter all dem Wahn und Fanatismus die universelle Schwäche der Menschen aufblitzt, die Selbstlüge, das Verstecken hinter Opferbereitschaft und Heldentum, Apokalypse und Schicksalhaftigkeit. Auch dank der Regie Hirschbiegels ist der Film damit mehr geworden als eine bloße historische Rekonstruktion, die sich viel zu oft, gar in Deutschland, in ehrfurchtvollem Ausstellen hyperrealer Kulissen und Kostüme erschöpft. DER UNTERGANG hat und bedient keinen Anspruch auf politische Wahrheit oder Zweckmäßigkeit, weil es nur eines sein und zeigen will: eine Tragödie, in der jeder Opfer ist – und darüber niemand ohne Schuld.
Hier gehts zur Kritik von Harald Mühlbeyer zum Film DER UNTERGANG.