A Life under Threat
von Alexandra Lenz

DIE JOURNALISTIN
USA 2003
R: Joel Schumacher; B: Mary Agnes Donoghue, Carol Doyle; K: Brendan Galvin; M: Harry Gregson-Williams; D: Cate Blanchett (Veronica Guerin), Gerard McSorley (John Gilligan), Brenda Fricker (Bernie Guerin), Ciarán Hinds (John Traynor), Colin Farrell (Tattooed Boy)

 

Ein charakterorientierter Thriller steht und fällt mit der sympathietragenden Identifikationsfigur des Films – so oder so ähnlich steht es in jedem Lehrbuch für Drehbuchautoren oder anderweitig Filmschaffende. Umso irritierender, wenn ein Film gänzlich mit diesem Gesetz bricht und die Sympathieträgerin bereits in der Eröffnungssequenz zum Abschuss frei gibt – und das alles auf Geheiß des routinierten, aber notorisch risikoscheuen Hollywood-Erfolgsproduzenten Jerry Bruckheimer (PEARL HARBOR). DIE JOURNALISTIN ist ein bewegender Film über das Leben und – vorrangig – das Wirken der titelgebenden, irischen Journalistin, deren aufwühlende Enthüllungen über Dublins Drogenszene in den 1990er Jahren ein ganzes Land in Aufruhr versetzten. Und es ist unzweifelhaft ein Film über den gewaltsamen Tod Guerins, der das Leinwandgeschehen fest umklammert – nüchtern inszeniert und von desillusionierender Gewissheit: Ein dramaturgischer Einschnitt, der den Zuschauer in eine distanzierte Position rückt, von der er nun selbst die Recherchearbeit aufnimmt.

Die harten Fakten zuerst: Dublin, 1994. Die irische Hauptstadt verzeichnet einen rapiden Anstieg der Drogenkriminalität. Die Opfer werden immer jünger und zahlreicher. Aufgebrachte Eltern organisieren sich auf den Straßen zu lauten Protestmärschen gegen die sogenannten "Pusher" – Drogendealer, die das zerstörerische "weiße Zauberpulver" vorzugsweise an Minderjährige verhökern, weil die von der Polizei noch nicht eingebuchtet werden können und somit zu potenziellen Langzeitkunden avancieren. Einen Fünfer kostet der Schuss – und früher oder später ein Leben.
Eine groß angelegte Rückblende schildert, wie die Star-Reporterin des Sunday Independent Veronica Guerin auf der Suche nach der großen Story tief in das von Morbidität und Trostlosigkeit regierte Drogenmilieu vordringt. Unnachgiebig und von einem selbstzerstörerischen Siegeswillen angetrieben kommt sie den Drogenbossen immer näher, die auf die ungewollte Publicity mit Morddrohungen und schließlich roher Gewalt reagieren.

Unter der Regie von Joel Schumacher, der so unterschiedliche Produkionen wie die BATMAN-Sequels drei und vier, FLATLINERS oder TIGERLAND verfilmte, ist mit DIE JOURNALISTIN ein Film entstanden, der sich irgendwie unentschlossen gibt und dennoch funktioniert: Ob nun eindringliche Charakterstudie oder fesselndes Spannungskino. Ein wesentlicher Garant für die einwandfreie Gratwanderung des Films dürfte das solide Spiel der Darsteller sein – allen voran Cate Blanchett. Die australische Schauspielerin liefert über die gesamten 89 Minuten ein authentisches und angenehm menschliches Bild der irischen Nationalheldin, deren große Leidenschaft neben ihrem Beruf dem Fußball und schnellen Autos gehört. Die Nebenrollen sind gut besetzt (Oscar-Preisträgerin Brenda Fricker als Mutter Guerins) und ordentlich ausgearbeitet – wenn auch manchmal der Eindruck entsteht, sie fungierten aufgrund der tragenden Rolle Blanchetts nur als deren "Ballzuspieler" (überflüssig ist allein Colin Farell in einem Cameo, der anscheinend in jedem Schumacher-Film mitmischen muss).
Das Herz des Films ist jedoch die Musik: Der Komponist Harry Gregson-Williams begleitet und unterstreicht die visuelle Handlung mit sanften irischen Folkloreklängen, durch deren melancholisch-lyrische Schönheit der Film eine immense emotionale Sogwirkung entwickelt. Der karge Realismus der Bilder erhält somit auf der Tonspur einen leicht pathetischen Gegenpart, der dem Film eine ungeahnte Größe verleiht.
DIE JOURNALISTIN ist nicht die erste filmische Adaption der Tragödie um Veronica Guerin. Es ist keine drei Jahre her, dass sich John Mackenzie, bekannt durch THE LONG GOOD FRIDAY, in WHEN THE SKY FALLS (GB 2000) dem Stoff annahm, damit aber enttäuschte: "By the end, you'll know the basic story of Veronica Guerin, but you won't have been made to care", bilanzierte ein Kritiker. Ein Defizit, das Schumachers Version nicht aufweist: Hier gelingt die filmische Verbeugung vor der Journalistin und dem Menschen Veronica Guerin – wenn auch nicht nach Lehrbuch.