(...) but I, once a lord of language...
Oscar Wilde De Profundis(...) die nachprüfbare und elementare
Tatsache nämlich, daß Wilde fast immer recht hat.
Jorge Luis Borges
Premiere – Wenn die Welt Verwandlung ist, wie Marc Aurel in seinen "Selbstbetrachtungen" bemerkt, und das Leben Einbildung, fragt es sich, was letztlich dem Strom der Zeiten, dem Staub der Geschichte widersteht. Im Hinblick auf das Œuvre des irischen Schriftstellers Oscar Wilde (1854-1900) kristallisiert sich eine evidente Antwort heraus: intellektuell-sprühender Geist, poetische Kraft, scharfsinniger Witz mit tiefgründiger Oberflächlichkeit, echte Humanität. Von Buch-Seiten über Theater-Bretter bis zur Kino-Leinwand konnten sich Wildes Werke nicht nur einen Weg bahnen, sondern vielmehr eine Spur hinterlassen, dabei unabhängig vom Medium stets den Esprit ihres brillanten Schöpfers heraufbeschwören. Möge das Licht verlöschen und der Vorhang sich heben!
"...that we should treat all the trivial things of life seriously, and all the serious things of life with sincere and studied triviality." (Originalkommentar Oscar Wilde) – Vielleicht gehört jene Erkenntnis zu den existentiellen Erfahrungen, dass das wirkliche Leben anderswo stattfindet, es dort draußen besser sein muss. Ein Gentleman der upper class wie John Worthing (Michael Redgrave) begegnet solch' Dilemma selbstredend mit britischem Understatement, garniert von einer Prise Finesse, sprich, er hat sich dem 'Bunburying', dem unauffällig-ungezwungenen Doppel-Dasein verschrieben. Schein und Sein verwischen, wenn er auf dem Land als John, in London dagegen als Earnest auftritt. Der Filmtitel lässt bereits ahnen: THE IMPORTANCE OF BEING EARNEST (GB 1952), basierend auf Wildes gleichnamiger ironischer Sittenkomödie von 1895, wird zur Maxime eines Lebens der Selbstdarstellung bzw. -verstellung.
Als eine Art 'viktorianischer Desperado' führt Worthing restriktive Gesellschaftsnormen ad absurdum, indem er sie durch labyrinthische Strategie unterwandert, die Konvention zum Spiel degradiert. Entsprechend genial-anspielungsreich und mit verhalten kritisch-realistischem Impetus aufwartend, erweist sich trügerisch harmloses Geplaudere, das doch voller spontanem Witz, herrlichem Zynismus sowie erlesener Weisheiten steckt. Man bemerke: "The very essence of romance is uncertainty. If ever I get married, I'll certainly try to forget the fact." Touché!
Konversation sowohl als Maskerade wie auch als Spiegel verwandelt das Theater des Lebens in ein exquisites Bonmot-Feuerwerk. Gleichsam theaterhaft ist Anthony Asquiths stilvolle, werkgetreue Inszenierung, die sich schon anfangs zu ihren künstlerischen Wurzeln bekennt. Von ihrer Theaterloge aus blickt eine Dame auf die Bühne, nimmt dann bei Stückbeginn ein Fernglas zur Hand. Eben das ist Kino, diese scheinbare Authentizität bei gleichzeitig größtmöglicher Distanz.
Es eröffnet sich ein skurriler Kosmos, ein Panoptikum voll exzentrischer Figuren inklusive sympathischer Spleens, deren Charakterkomik pointiert agierende Darsteller akzentuieren, u.a. die wunderbare Margaret Rutherford mit ihrem schrullig-versponnenem Charme als Gouvernante Miss Prism. Alles ist Camouflage in jenem Reich, was kokettierend zur Kenntnis genommen wird: "I do not approve of anything that tampers with natural ignorance." Doch alles hat auch eine eigene Wahrheit. Spät muss Worthing feststellen, dass seine erdichteten Identitäten tatsächlich bereits die echte enthielten. Jetzt bedarf es keiner Unterscheidung mehr von Realität und Fiktion, wenn der Wunsch ohnehin die ganze Zeit ein Teil der Wirklichkeit gewesen ist, die Phantasie längst den entscheidenden Sieg davongetragen hat. Welch Glücksfall, dieser Ernstfall!
"Dear World, I am leaving it because I am bored." (Abschiedsbrief des durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Schauspielers George Sanders) – Sollte eine Daseinskonstante bestehen, dann ist es Vergänglichkeit. Aber gerade auf deren Überwindung richtet sich menschliches Bestreben, gilt es immerhin fundamentale Ängste vor der Flüchtigkeit, dem Nichts zu bezwingen. Wildes einziger Roman The Picture of Dorian Gray aus dem Jahre 1890 bietet eine ästhetizistisch geprägte Reflektion und konfrontiert das Ideal von Vollkommenheit in reiner Kunstform sowie extravaganten Schönheitskult mit Sittlichkeit und dem Schrecken vor Verfall. Was dort noch artifizielle Theorie, komplexe Weltstilisierung integriert, wird in Albert Lewins bemüht-bedächtiger, melodramatischer Verfilmung (USA 1945) zum Oberflächenreiz.
Gedankenspielereien des als dekadent-gelangweilter Advocatus Diaboli auftretenden Lord Henry Wotton (George Sanders) wecken bei Dorian Gray den Wunsch, gar Wahn nach Konservierung seiner jugendlichen Anmut. Dämonische Erfüllung finden sie durch ein an seiner statt alterndes Portrait. Endlich darf er physisch unberührt dem Hedonismus erliegen, gemäß Lord Henrys Devise: "Es gibt nur ein Mittel, eine Versuchung zu überwinden – das ist ihr nachzugeben." Derart somnambul allerdings, wie Hurd Hatfield alias Dorian Gray durch die gediegene Szenerie wandelt, kann es mit der Lust am Laster kaum weit her sein.
Während eine Voice Over ihm maßlose Ausschweifungen attestiert, zersetzt sich dem Gemälde gleich auch seine Seele. Mit jedem Blick Dorians auf das Bild wechselt der Schwarzweißfilm zu Farbe, bekräftigt das irisierend Verbotene, also die von Menschheit und Menschlichkeit isolierende Obsession. Zum stummen Wächter über Dorians Degeneration avanciert jene ägyptische Katzenstatue, in deren Gegenwart er sein fatales Begehren nach ewiger Jugend geäußert hatte. Hoffte er damals auf Verlebendigung, ist er nunmehr zur Inkarnation einer Gesellschaft mutiert, die Schönheit anbetet und sie bannen will, de facto jedoch vernichtet, um sie als präparierten Schmetterling oder lukullisch arrangierte Wachtel der eigenen Unersättlichkeit zu opfern.
Als Dorian allmählich leise Skrupel plagen, ist es zu spät; Gewissen lässt sich nicht nachholen. Die fehlende Konsequenz seines bisherigen Handelns trifft ihn wie ein Fluch und bringt endgültigen Verlust in Form exzessiver Selbstauslöschung. Vielleicht hätte Dorian Gray sich besser mit der Arroganz eines Lord Henry wappnen sollen: "Ich verehre einfache Genüsse; sie sind die Zuflucht der Übersättigten." So freilich bleibt ihm Erkenntnis verwehrt: Der vermeintliche Makel zeitlicher Begrenzung verheißt pure Magie, denn nur die in allem Lebendigen schlummernde Vergänglichkeit kann einem unendlichen Augenblick Vollkommenheit verleihen."Like two doomed ships that pass in storm / We had crossed each other's way" (Oscar Wilde The Ballad of Reading Gaol) – Es ist ein Auftritt für Cowboys. Stattdessen kommt zu Countryklängen ein Mann der Dichtkunst über die Prärie geritten, denn Brian Gilberts ambitionierte Biographieverfilmung WILDE (GB/D/J 1997) beginnt originellerweise während der Vortragsreise durch Amerika 1882. Zweifellos repräsentiert Wilde einen idealen Botschafter des Ästhetizismus, kann er sogar unter eher fremdartigen Bedingungen wie bei den Bergleuten einer Silbermine mit seinen Qualitäten als liebenswürdiger, gebildeter Causeur und sensibel-kultivierter Dandy glänzen. "Weil er er selbst ist." wird einmal als Grund für seine Berühmtheit bzw. Berüchtigtkeit angeführt. Das impliziert Persönlichkeit über die Pose hinaus, unterstrichen von einer Performance Stephen Frys als Oscar Wilde, die mehr sinnliche Trägheit, weniger schillernde Vitalität dominieren lässt.
Zwischen Triumph und Tragödie bewegen sich Wildes letzte zehn Jahre, auf denen der narrative Focus liegt. Während er sich gesellschaftlich sowie künstlerisch das Publikum erobert, trifft Wilde auf sein Schicksal in Gestalt des schönen Lord Alfred Douglas, genannt 'Bosie'. Ein kaltes Feuer birgt Jude Law als Lord Alfred, evoziert jene Melange aus Verführung und Zerstörung, die unweigerlich zum Verhängnis führen muss. In der Tat wird Wilde an den Klippen hypokritischer viktorianischer Moral zerschellen: "Es sind doch zumeist Endstationen, die im Leben eine Rolle spielen."
Und dennoch ist da mehr als Aufstieg und Fall, wie es durch biographische Reduktion teils suggeriert wird, mehr als die Beziehung zu Bosie, nämlich alle Nuancen, die ein individuell verwinkeltes Leben ausmachen. Manchmal entdeckt der Kamerablick solche Momente, etwa wenn Wilde mit seinen beiden Söhnen in traumhafter Sommerlandschaft angelt oder bei einem seiner umjubelten Bühnenerfolge vor genießerischer Überwältigung kurz die Augen schließt. Dann wird etwas von einem fernen Charisma in cineastische Gegenwart gerettet, und hinter dem Mythos darf der Mann hervorlugen.
Eventuell blind vor Liebe, zumindest verheerend ignorant der gesellschaftlichen Unerbittlichkeit gegenüber landet Wilde schließlich wegen homosexueller Neigungen vor Gericht, hernach im Gefängnis, im Elend. Das Ausmaß dieser ihm Jegliches raubenden Katastrophe symbolisiert ein vom Film nicht thematisierter düsterer Akt: Durch Zwangsversteigerung der gesamten Habe wird auch seine Bibliothek, der Schatz eines Menschen, zerstreut... alles verloren. Rechtfertigung gibt es damals wie heute nicht, nur das Wissen, dass die einst heuchlerisch Empörten längst Niemande sind, Wilde dagegen einen Platz im kulturellen Gedächtnis eingenommen hat. Kein Trost zwar, aber Wahrheit.
"The play's charm derives (...) from the gradual expansion of tenderness." (Richard Ellmann, Biograph) – Hat jemand schon nichts zu tun, sollte er sich wenigstens Mühe dabei geben. Jener Mentalität der leisure class frönt Lord Goring, vielleicht Wildes göttlichste Bühnenfigur und Mittelpunkt in Oliver Parkers AN IDEAL HUSBAND (1999) nach der gleichlautenden Komödie von 1895. Mit einem Hauch Selbstironie sowie delikat verschleppter Erotik verkörpert Rupert Everett diesen so eleganten wie eloquenten Bonvivant, der die Muße zum Stil, nicht Sinn erklärt hat, vielmehr der Denker unter den Dandys ist: "To look at a thing is quite different from seeing a thing."
Schauwerte gibt es reichlich, besticht doch die geschmackvolle Adaption durch das gewisse Flair an Leichtigkeit, durch glaubwürdig-dezente Präsentation einer versunkenen Epoche, sodass theatrale Künstlichkeit einer künstlerischen Natürlichkeit weicht. In edlem Ambiente balanciert Lord Goring nonchalant zwischen Ennui und Engagement, Distanz und Anteilnahme, Sarkasmus und Klugheit, scheint ein ‘good for nothing’ zu sein, was ihn zum vollkommenen Individualisten im Sinne der ästhetischen Utopie aus Wildes Sozialismus-Essay The Soul of Man Under Socialism (1891) macht. Radikale Verweigerung äußerer Zwänge, dafür Selbstverwirklichung durch Orientierung an persönlicher Wahrheit zeugen von geistiger Freiheit und kritischer Phantasie. Einmal mehr, indes stets faszinierend, taucht eine Vision auf: Der Außenseiter als Held.
Bevor es die Gesellschaft gemäß solch' menschenfreundlichem Anarchismus' zu revolutionieren gilt, muss Lord Goring noch seinem durch Erpressung bedrohten Freund Sir Robert Chiltern (Jeremy Northam) beistehen. Eine frühere Verfehlung hat ihn, den durchaus integren, von seiner Frau bisher idealisierten Gatten, verwundbar werden lassen. Das nun folgende raffiniert-amouröse Intrigenspiel um Macht bzw. Moral offenbart insbesondere Lord Gorings Größe, mag er denn zuvor als blasierter Snob aufgetreten sein. Andererseits: Kann einem Mann, der stets die passende Blume fürs Knopfloch wählt, nicht alles zugetraut werden?
Auch wenn Wildes Originaltext für das Drehbuch umarrangiert wurde, dabei etwas an gesellschaftskritischer Tiefenschärfe verloren hat, überraschen immer wieder die geschliffenen Dialoge mit köstlichen Wortarabesken, spritzigen Aperçus, intelligenten Paradoxien. Zuletzt triumphiert Versöhnung. Sogar Lord Goring findet die Liebe im zauberhaften Wintergarten unter der zweiten Palme von rechts, definitiv ein adäquater Ort für seinen nobel-exotischen Charakter, der in beneidenswerter Unabhängigkeit existiert: "To love oneself is a beginning of a lifelong romance." Ein kleines Abenteuer gefällig?Standing Ovations – Statt Fin de siècle nur ein zeitloses Raunen... Auch rund hundert Jahre nach Wildes Tod besticht sein literarisches Erbe ungebrochen durch Sprachfrische sowie historisch-soziales Bewußtsein und lässt diese einzigartige Quelle philosophischer Anregung verbunden mit sublim-geistreichem Amüsement sprudeln. Einstmals ahnte es schon Horaz: "non omnis moriar". Wahrlich lebt Wilde durch seine Gedanken fort, die zu Sprache, Bildern, zur Bereicherung des geneigten Rezipienten wurden, und deshalb soll ihm auch das abschließende Wort überlassen sein: "(...) I awoke the imagination of my century so that it created myth and legend around me (...)." Mit Filmen ist das irgendwie genauso.