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1. März 2012
Gastbeitrag von Tobias R. Schrörs, Student der Theologie an der JGU
Im Januar trafen sich Medizin- und Theologiestudenten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) zu einem Wochenendseminar, bei dem es um den Dialog zwischen Hirnforschung und Fundamentaltheologie ging. Da prallten Weltbilder aufeinander. Die Studierenden profitierten vom Austausch der beiden Disziplinen.
Der kräftigen Bassstimme des Redners kann sich niemand entziehen: "You are nothing but a pack of neurons." Es ist Professor Dr. Hans Flohr, der Physikalist. Gerade hat er seinen alten Bekannten Francis Crick zitiert, den Entdecker der DNA-Doppelhelixstruktur. Man kennt sich. Flohr ist Neurophysiologe an der Universität Bremen und der prominenteste Referent des interdisziplinären Wochenendseminars "Gehirn und Seele. Hirnforschung trifft Theologie", zu dem das Seminar für Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der JGU und das Institut für Physiologie und Pathophysiologie der Universitätsmedizin Mainz eingeladen haben.
Was Flohr erzählt, ist für Theologen nur schwer verdaulich. Der Mensch soll nichts weiter sein als Materie; kein Geist, keine Seele, kein Gott. "Was die Hirnforschung leistet, ist schon eindrucksvoll - erschreckend vielleicht auch", so der erste Eindruck von Seminarteilnehmerin Anna-Katharina. Angereist ist sie mit dem Zug: "Ich bin mit lauter Medizinern gekommen, das Seminar hat irgendwie schon am Bahnhof begonnen", erzählt die Theologiestudentin.
Ein Seminar im Schloss
Etwa 30 Mediziner und Theologen der JGU sind der Einladung von Professor Dr. Alexander Loichinger vom Seminar für Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft und Professor Dr. Heiko Luhmann von der Universitätsmedizin Mainz zum Wochenendseminar in das Schlossjugendgästehaus nach Diez in der Nähe von Limburg gefolgt. Ein Seminar im Schloss! Den Studierenden, die am späten Abend nach der letzten heftigen Debatte gemütlich im Bistro zusammensitzen, sieht man an, dass sie sich hier wohl fühlen. Beim Bistro handelt es sich übrigens um die alte Schlosskapelle - ein Heimspiel für die Theologen.
"Für mich ist Universität genau das, was wir an diesem Wochenende machen", so Luhmann. Einfach mal in Ruhe und ohne Ablenkung in ein Thema einsteigen - das klingt heute noch märchenhafter als die Vorstellung, in einem Schloss zu studieren. Dass die beiden Disziplinen überhaupt zusammengefunden haben, liegt nicht zuletzt an den verantwortlichen Professoren. "Mein Kollege Alexander Loichinger und ich haben relativ schnell gemerkt, dass zwischen uns die Chemie stimmt", erzählt Luhmann. So kam die Idee zu diesem interdisziplinären Seminar.
Die Planung hat sich gelohnt. Dieser Meinung ist auch Gastredner Hans Flohr: "Ich würde den Studierenden ganz dringend empfehlen, häufiger die Gelegenheit zu solchen interdisziplinären Kolloquien zu nutzen, denn bei der unsäglichen Verschultheit des Studiums ist das sehr wertvoll." Dass man viel voneinander lernen kann, findet auch Julia, Studentin der Theologie "Es ist ein wirkliches Aha-Erlebnis, weil man sich im Alltag gar nicht so richtig bewusst ist, was das Gehirn alles leistet." Aber nicht nur die Theologen lernen dazu. "Wenn man sich als Neurobiologe mit dem Leib-Seele-Problem befasst, dann muss man sich auch mit riesigen Mengen von Gedanken, die dazu schon in der Theologie und in der Philosophie passiert sind, auseinandersetzen können", betont Flohr.
Suche nach einer gemeinsamen Sprache
Oft ist es schwer, diese Gedanken zu vermitteln. "Für mich als Studentin der Medizin wurde während des Wochenendseminars manchmal zu viel vorausgesetzt", sagt Rahel. Daran hat Luhmann schon während der Planung des Seminars gedacht. "Meine größte Sorge war, dass die Studierenden der Theologie und der Medizin keine gemeinsame Sprache finden." Für beide Seiten ist es eine schwierige Aufgabe, das eigene Fachwissen herunterzubrechen. Flohr schätzt die Lage so ein: "Natürlich gibt es Probleme - und die sitzen relativ tief. Aber mich hat der Versuch von beiden Seiten sehr beeindruckt, sich gegenseitig zu verstehen. Es hat funktioniert."
"Funktionieren" - das scheint eben auch so eine Naturwissenschaftlervokabel zu sein. Theologieprofessor Loichinger sieht das ganz gelassen: "Ich störe mich nicht an der technomorphen Terminologie der Naturwissenschaften. Vielmehr überwiegt doch die Neugier, was die andere Seite über den Menschen weiß, in dem Fall über sein Gehirn. Hinter solchen interdisziplinären Projekten steckt ja die tiefe Einsicht, dass die Wirklichkeit viel zu komplex ist, als dass sie von einer Disziplin allein verstanden werden könnte. Das gilt gerade auch für unser Menschsein. Nur wenn Hirnforschung und Theologie sich miteinander austauschen, haben wir überhaupt die Chance zu erkennen, wer wir Menschen sind und als was wir uns zu verstehen haben. Deshalb sind wir auch offen für neue Redeweisen."
Und für Medizinstudent Paul steht fest: "Jeder Mediziner meint, dass der Präparierkurs das im wahrsten Sinne des Wortes einschneidendste Erlebnis im Studium ist. Ich würde aber sagen, es ist dieser Kurs!"
Tobias Schrörs ist Student an der Katholisch-Theologischen Fakultät der JGU und Mitglied des Dominikanerordens. Sein Studium wird er voraussichtlich in vier Jahren beenden.
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