Institut für Slavistik weiht Archiv aus dem Nachlass Wolfgang Kasacks ein

Privatbibliothek des renommierten Slavisten Wolfgang Kasack ergänzt und bereichert Institutsbibliothek der Mainzer Slavistik

10.02.2009

Der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Wolfgang Kasack zählt zu den international bekanntesten deutschen Slavisten. Nach Kasacks Tod im Jahr 2003 übergab die Witwe Kasacks die Verwaltung des wissenschaftlichen, editorischen und übersetzerischen Nachlasses ihres Ehemanns an Prof. Dr. Frank Göbler, ehemaliger Student und langjähriger Mitarbeiter Kasacks an der Universität zu Köln, mittlerweile selbst Professor für Slavistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). In Umzugskartons kam die vorsortierte Privatbibliothek Wolfgang Kasacks schließlich in der Institutsbibliothek der Mainzer Slavistik an. Während die Bücher recht schnell in den Bestand der Institutsbibliothek integriert werden konnten und Studierenden wie Fachinteressierten schon seit einiger Zeit zur Verfügung stehen, nahm die Aufarbeitung des Archivs aus Briefwechseln, handschriftlichen Notizen, Aufsatzkopien, Textkommentaren, Zeitungsartikeln und Übersetzungen ungleich mehr Zeit in Anspruch. Diese Arbeit konnte jetzt mithilfe von Leif Murawski, Doktorand am Institut für Slavistik der JGU, abgeschlossen werden. In mühevoller und nicht weniger spannender Kleinarbeit sichtete er das von Kasack und seinen Mitarbeitern über Jahrzehnte hinweg gesammelte Material und ordnete es nach Autoren. "Dabei sind Schätze zum Vorschein gekommen, von deren Existenz wir bei der Übernahme des Archivs gar nichts wussten", freut sich Prof. Dr. Frank Göbler anlässlich der Eröffnung der Kasack-Bibliothek.

"Das Archiv beinhaltet einzigartiges Material zu rund 2.000 russischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern des letzten Jahrhunderts, von Abbakumova bis Ženov. Die Briefe, die verschiedene Autoren an Kasack richteten, sind teils ganz persönlicher Natur, teils zeichnen sie ein allgemein historisches Zeitbild nach, teils sind sie erstklassiger literaturwissenschaftlicher Diskurs", beschreibt Leif Murawski die Inhalte und das Wesen des einzigartigen Archivs. "Beim Durchstöbern der Handschriften und Briefwechsel bieten sich sicherlich viele Ideen und Anhaltspunkte für zukünftige Master- und Doktorarbeiten", ermuntert Göbler seine Studierenden.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Kasack vor allem durch sein Grundlagenwerk "Lexikon der russischen Literatur ab 1917" bekannt, das erstmals 1976 im Kröner Verlag erschien und schließlich 1992 zum "Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts" ergänzt wurde. Es ist Kasacks bleibendes Verdienst, dass er in diesem Lexikon zum ersten Mal die russische Literatur des 20. Jahrhunderts als Ganzes vorstellte: offiziell geduldete und geförderte Sowjetautoren ebenso wie diejenigen, die von den Staatsorganen zensiert, mit Berufsverbot belegt, unterdrückt oder gar ermordet worden oder ins Exil gegangen waren. Um auch über die in der Sowjetunion geächteten und in den Untergrund gedrängten Autoren und die Emigranten schreiben zu können, suchte Kasack vielfach den persönlichen Kontakt. Daher finden sich in seiner Privatbibliothek neben Primärwerken aus dem Kanon der russischen Literatur auch eine Vielzahl wertvoller Zeitzeugnisse: Briefwechsel, Gesprächsnotizen, Tonbandaufnahmen, Übersetzungen, Textkommentaren und Widmungen, die jetzt im Institut für Slavistik zugänglich sind.

Wolfgang Kasack wurde am 20. Januar 1927 in Potsdam geboren. Sein Interesse für die russische Sprache und Kultur lag mehr in seinem Schicksal und der historischen Zeit denn in einer bewussten Entscheidung begründet: Im Alter von 18 Jahren geriet Kasack in sowjetische Kriegsgefangenschaft und überlebte das Lager nur, weil er sich binnen kurzer Zeit Grundkenntnisse der russischen Sprache aneignete und so bald als Dolmetscher in der Lagerküche eingesetzt wurde. Trotz dieser traumatischen Erfahrung brachte Kasack auch die Liebe zur russischen Sprache mit zurück nach Deutschland und absolvierte eine Dolmetscherausbildung und ein Slavistikstudium mit anschließender Promotion und schließlich Habilitation. Im September 1956 ging Kasack als Dolmetscher in der Delegation von Bundeskanzler Adenauer nach Moskau und übernahm im nächsten Jahr die Position des Chefdolmetschers an der neuen Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der russischen Hauptstadt. In den Jahren 1960 bis 1968 war Kasack als Hauptorganisator des Wissenschaftleraustauschs mit der UdSSR für die Deutsche Forschungsgemeinschaft tätig, bevor er 1969 als ordentlicher Professor für Slavische Philologie an die Universität Köln berufen wurde.

Einen Beitrag zu einem umfassenderen Bild der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts jenseits des offiziellen Sowjetkanons leisteten auch die Texteditionen in Kasacks Reihe "Arbeiten und Texte zur Slavistik". Unterdrückte Werke von Autoren wie Michail Bulgakov, Andrej Platonov und Gennadij Ajgi wurden hier Lesern und Wissenschaftlern zugänglich gemacht – Werke, die zumeist in der Sowjetunion entstanden waren, dort aber keinerlei Aussicht auf Veröffentlichung hatten und nicht selten auf abenteuerlichen Wegen in den Westen gelangt waren.

Nach seiner Emeritierung 1992 nutzte Kasack die Freiheit von universitären Pflichten zu noch intensiverer Forschungs- und Publikationstätigkeit; nur wenige Monate vor seinem Tod am 10. Januar 2003 erschien ein aktualisiertes Verzeichnis seiner Publikationen, das mehr als 1.000 Titel zählte.

 

BILDERGALERIE

Autobiographisches Buchmanuskript 'Drei Häuser' (Tri doma) des 1918 nach Deutschland emigrierten Schriftstellers, Malers und Arztes Wladimir Lindenberg (Tschelischtschew), 1920. Titelbild von Ilja Ehrenburgs Buch 'Und sie bewegt sich doch' ('A vse taki ona vertitsja'), 1922. Innentitel von Ilja Ehrenburgs bekanntem Roman 'Julio Jurenito', der 1922 im Berliner Gelikon Verlag erschien. Alexej Remisows Buch 'Russland in Buchstaben' ('Rossija v pismenach'), erschienen 1922 im Verlag Gelikon, Berlin. Typoskriptseiten aus einem Roman des Untergrundschriftstellers Wladimir Kasakow, dem in der UdSSR jegliche Publikation verboten war. Obenauf liegt ein Anschreiben an Wolfgang Kasack, datiert auf den 4. Juni 1977.