Mainzer Slavisten unterstützen Intensivierung der Polenforschung
Veranstalter der Ersten Tagung Deutsche Polenforschung veröffentlichen "Sieben Thesen zur Polenforschung"
26.02.2009
Polen ist auch 20 Jahre nach der politischen Wende im östlichen Europa ein wenig bekannter Nachbar. Steht es damit in der deutschen Wissenschaftslandschaft eigentlich anders als in der breiten Öffentlichkeit? Bei der Ersten Tagung Deutsche Polenforschung bilanzierten die Veranstalter im Rahmen der Pressekonferenz zum Auftakt der Tagung den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Deutschlands größtem östlichen Nachbarland in den unterschiedlichen Disziplinen in "Sieben Thesen zur Polenforschung in Deutschland":- Polen ist Deutschlands zweitgrößtes Nachbarland. Die Erforschung dieses Landes sollte sich in der deutschen Forschungslandschaft widerspiegeln.
- Die deutsch-polnischen Wissenschaftsbeziehungen sind nach wie vor von einer großen Asymmetrie geprägt. Während die wissenschaftliche Beschäftigung mit Deutschland in Polen traditionell intensiv ist, gibt es in Deutschland eine viel geringere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nachbarland. Anders sieht es traditionell mit der Frankreichforschung in Deutschland aus.
- Forschung und Lehre über Polen wird in Deutschland dezentral angeboten. Es gibt keine räumliche Konzentration, kein universitäres Zentrum der Polenforschung. Multidisziplinäre und interdisziplinäre Vernetzung findet kaum statt. Die räumliche Verteilung von Polenkompetenz über ganz Deutschland ist grundsätzlich zu begrüßen, sie führt aber zu einer institutionellen Schwäche und einer geringen Sichtbarkeit.
- Eine institutionelle Stärkung der Polenforschung in Deutschland ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Deshalb ist es wichtig, zunächst einmal zu dokumentieren, welches Potential Polenforschung in Deutschland in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen tatsächlich in sich birgt. Die Erste Tagung Deutsche Polenforschung ist eine solche Gelegenheit. Besonders erfreulich ist die große Zahl junger NachwuchswissenschaftlerInnen, die an der Tagung teilnehmen.
- Ein weiterer Schritt zur Stärkung der Sichtbarkeit von Polenforschung wäre die Intensivierung von Kommunikation und Austausch. Wichtig ist es, weitere Möglichkeiten zur Begegnung zu schaffen, sei es durch die regelmäßige Ausrichtung von Tagungen zur Polenforschung (die auch als Nachwuchsbörse dienen sollen), sei es, indem die Kompetenzorte der Polenforschung in Deutschland stärker vernetzt werden.
- Die Einrichtung eines Lehrstuhls für Polenstudien (Polish Studies) an einer der deutschen Universitäten könnte die Wahrnehmung polenbezogener Forschung in der Öffentlichkeit verbessern. Ein solcher Lehrstuhl hat allerdings nur dann Sinn, wenn er in ein mit entsprechenden Ressourcen ausgestattetes Zentrum für Polenstudien integriert wird, das Master-Studiengänge, Fortbildungsmodule, Graduiertenstudiengänge etc. entwickeln könnte.
- Um die Attraktivität Polens als Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung und dadurch mittelbar auch des öffentlichen Interesses zu erhöhen, ist es notwendig, geeignete Materialien in deutscher Sprache zur Verfügung zu stellen (Überblicksdarstellungen, Quellensammlungen, Kartenwerke usw.).
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Polen hat in Deutschland zwar Tradition, ist aber wenig koordiniert. Viele Forschungseinrichtungen sind in den vergangenen beiden Jahrzehnten, also gerade nach dem Umbruch in Ostmitteleuropa geschlossen worden, kaum eine ist neu entstanden. Ganz im Gegensatz beispielsweise zur Frankreichforschung sind die Polenspezialisten in Deutschland weitgehend auf sich alleine gestellt. Die Initiative des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, das die Tagung in Kooperation mit der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, dem Gießener Zentrum Östliches Europa, dem Herder-Institut Marburg und der Stiftung deutsch-polnische Zusammenarbeit im Kongresszentrum "Darmstadtium" ausrichtet, zielt aber nicht ausschließlich darauf ab, die wissenschaftliche Beschäftigung mit Polen interdisziplinär zu vernetzen, sondern möchte auch eine breitere Öffentlichkeit auf das Vorhandensein von Polenforschung in Deutschland aufmerksam machen.
Das Rahmenthema der Ersten Tagung "Deutsche Polenforschung" ist von großer Aktualität, denn die Geschichte und Gegenwart Polens wie auch die deutsch-polnischen Beziehungen sind bis heute geprägt von unterschiedlichen Formen von Wanderung: Es wandern sowohl Menschen als auch Ideen, Waren und Kulturen. Unter den Begriffen "Migration" und "Transfer" behandeln 40 Referentinnen und Referenten - Slawisten, Historiker, Geographen, Soziologen, Politik-, Musik- und Kunstwissenschaftler - in sieben Sektionen verschiedene Aspekte des Themas. Professor Dr. Alfred Gall vom Institut für Slavistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz leitet beispielsweise die Sektion 1 unter dem Titel "Migration postkolonial". In diesem Rahmen hält er einen Vortrag zu "Internationalität und Globalisierung: Strategien der Selbstverortung in der polnischen Literatur".


