Mainz ist Zentrum der Schopenhauer-Forschung und bedient weltweites Interesse an dem deutschen Philosophen

Schopenhauers Werk ist weder vollständig erschlossen noch ausreichend aufgearbeitet

04.03.2009

Früher oder später wird wahrscheinlich jeder, der sich eingehend mit Schopenhauer beschäftigt, in Mainz landen. Denn hier sitzt die Schopenhauer-Forschungsstelle, weltweit der Anlaufpunkt für wissenschaftliche Fragen rund um den deutschen Philosophen. Bekannt für das 1818 erschienene Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung", hat Arthur Schopenhauer mit seiner Lehre vom Willen und dessen Verneinung unterschiedliche Philosophen wie Nietzsche, Wittgenstein und Horkheimer beeinflusst. Künstler und Schriftsteller, aber auch Psychoanalytiker wie Freud und Jung griffen seine Gedanken auf. Heute, da im Zeitalter der Hirnforschung gerade die Frage nach der Willensfreiheit des Einzelnen vermehrt gestellt wird, ist Schopenhauer aktueller denn je. Weiteres Interesse wird der in Danzig geborene Denker, der die letzten 30 Jahre seines Lebens in Frankfurt verbracht hatte, mit Sicherheit im kommenden Jahr auf sich ziehen, wenn die Feierlichkeiten zu seinem 150. Todestag anstehen.

"Schopenhauer hat die Moderne vorbereitet", erklärt Prof. Dr. Matthias Koßler, Leiter der Schopenhauer-Forschungsstelle am Philosophischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Bei ihm geben sich Besucher aus Chile und Italien, aus Indien und Australien die Klinke in die Hand. Wissenschaftler aus der ganzen Welt finden hier und im nahe gelegenen Schopenhauer-Archiv der Universitätsbibliothek Frankfurt fast alles, was von und über Schopenhauer geschrieben wurde: wichtige Ausgaben seiner Werke und viele Übersetzungen, Aufsatzsammlungen, die Schopenhauer-Jahrbücher und – manchmal noch wichtiger – Kontakte und Informationen. Bei Koßler laufen die Fäden zusammen. Er hat die Forschungsstelle vor acht Jahren gegründet und in der Zwischenzeit zum Zentrum der Schopenhauer-Forschung aufgebaut. Er ist gleichzeitig Präsident der fast 100 Jahre alten internationalen Schopenhauer-Gesellschaft in Frankfurt, die das philosophische Werk verbreiten und insbesondere Laien nahebringen möchte und weltweit über Auslandssektionen aktiv ist. Von der Schopenhauer-Gesellschaft und der ihr nahestehenden Dr. Walter und Dr. Gertrud Pförtner-Stiftung wird die Forschungsstelle derzeit zu einem großen Teil mitfinanziert.

Ein Wegbereiter der Moderne war Schopenhauer nach Koßlers Auffassung in mehrfacher Hinsicht, vor allem aber durch seine Kritik an der Aufklärung, dass die Vernunft nicht wirklich der Herr im Hause sei, sondern der Wille regiere. "Schopenhauer hat die Wende zum Unbewussten vorbereitet und damit Einfluss genommen auf die Psychoanalyse. Er ist aber auch – neben Nietzsche – der von Künstlern und Literaten am meisten rezipierte Philosoph. Es gibt kaum bedeutende Dichter nach 1880, die sich nicht mit seinem Werk beschäftigt hätten." Schopenhauer, der zunächst nicht wahrgenommen wurde, bevor er zu einem der einflussreichsten Denker Europas avancierte, hat als erster Philosoph versucht, buddhistisches und hinduistisches Gedankengut in seine Lehre einzubauen. Er entwickelte damit ein ethisches Konzept des Mitleidens mit dem anderen, das heute im Hinblick auf Katastrophenhilfe und Tierschutz wieder in die aktuellen Diskussionen eingeht.

Trotz seiner unbestrittenen Bedeutung, die sich auch an dem weltweiten Interesse zeigt, ist Schopenhauers Werk bislang nicht ausreichend erschlossen. Koßler zufolge bestehen erhebliche Defizite bei der Erschließung des gesamten handschriftlichen Nachlasses und der Erarbeitung einer historisch-kritischen Gesamtausgabe: "Es gibt Schriftstücke von Schopenhauer, die noch nie veröffentlicht wurden, und in der universitären Lehre haben wir keine Gesamtausgabe, die wir den Studierenden wirklich empfehlen könnten." Im Heimatland des großen deutschen Philosophen Schopenhauer besteht also erheblicher Bedarf an wissenschaftlicher Aufarbeitung, der sich der Mainzer Philosophieprofessor gern in den kommenden Jahren widmen würde. "Wir wissen über Schopenhauer noch lange nicht alles. Da gibt es auch in Zukunft noch ziemlich viel zu forschen."