Was das Immunsystem über Brustkrebs verrät

Mainzer Wissenschaftler identifizieren prognostische Bedeutung des Immunsystems bei Brusttumoren

09.06.2009

Wissenschaftler um Dr. Marcus Schmidt von der Frauenklinik der Universitätsmedizin Mainz haben die Bedeutung des Immunsystems bei Brustkrebs entschlüsselt – und damit dessen lange vernachlässigte Rolle bei der Prognose dieser Krankheit aufgezeigt. Das Ergebnis der Forschungsarbeiten wurde jetzt in der renommierten Fachzeitschrift "Cancer Research" veröffentlicht: Demnach haben Patientinnen mit bestimmten Brusttumoren eine bessere Prognose, wenn im Tumor vermehrt Immunzellen vorhanden sind. Durch diese Erkenntnis konnten die Wissenschaftler das "Koordinatensystem" bei Tumoren der Brust mit den schon lange bekannten Faktoren Östrogenrezeptor und Proliferation um das Immunsystem als dritten wichtigen Orientierungspunkt für die Prognose dieser Erkrankung erweitern.

In der Vergangenheit haben Mediziner intensiv nach Kriterien und Faktoren gesucht, die eine verlässliche Aussage zur Prognose bei nodal-negativem Brustkrebs erlauben – also derjenigen Ausprägung von Brustkrebs, bei der die Achsellymphknoten keinen Tumorbefall ausweisen. Zwei Faktoren kristallisierten sich dabei im Laufe zahlreicher Studien heraus: die Ausprägung des Östrogenrezeptors und die Proliferation, also die Teilungsrate der Tumorzellen. Je mehr Östrogenrezeptor bei einer Patientin nachweisbar war, desto besser die Prognose, je höher die Proliferation – also desto schneller sich die Zellen teilten – desto schlechter die Prognose. Eine gute oder schlechte Prognose wird dabei durch das Auftreten früher Fernmetastasen in Leber, Lunge oder Knochen innerhalb von fünf Jahren definiert.

"Durch dieses System mit den beiden Achsen 'Östrogenrezeptor' und 'Proliferation' ließ sich aber nicht die Prognose aller Tumoren zuverlässig ableiten", erläutert Dr. Marcus Schmidt, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. "Insbesondere eine Gruppe von Tumoren, die trotz hoher Proliferation und niedrigem Östrogenrezeptor-Spiegel – nach bisherigem Verständnis Kriterien für eine schlechte Prognose – keine frühen Metastasen bildeten, gab hier Rätsel auf und war mit dem bisherigen Wissensstand nicht zu erklären. Dieses teils lückenhafte Bild der Prognose beim Brustkrebs konnten wir nun anhand eines dritten Kriteriums – des Immunsystems – zu einem schlüssigen Bild vervollständigen."

Dem Immunsystem auf die Spur kamen die Wissenschaftler mit Hilfe der sog. Genexpressions-Analyse. Dabei kann eine Vielzahl von Genen im Hinblick auf ihre Aktivität im Tumorgewebe identifiziert und charakterisiert werden. "Insgesamt können wir uns mit dieser Methode die Ausprägung von mehr als 14.500 verschiedenen Genen – also ihre Expression – anschauen", erklärt Marcus Schmidt. "In Zuge dieser Untersuchungen mit Gewebematerial von 200 Patientinnen stießen wir auf eine Gruppe von Genen, die imstande war, die bisher unverständlich gute Prognose bei einer bestimmten Gruppe sich schnell teilender Tumoren zu erklären. Diese Gene konnten wir vor allem Zellen des Immunsystem – B-Zellen und T-Zellen – zuordnen. Waren vermehrt solche Immunzell-Transkripte vorhanden, war auch die Prognose besser – gerade auch bei solchen Tumoren, bei denen man aufgrund der hohen Proliferation eigentlich eine schlechte Prognose erwartet hätte."

Zur Absicherung und Bestätigung ihrer Ergebnisse haben die Mainzer Wissenschaftler darüber hinaus die Daten zweier weiterer Patientenkollektive analysiert, deren Genexpressionsdaten veröffentlicht und damit zugänglich sind – beide Male mit gleichem Ergebnis wie beim Mainzer Patientenkollektiv. Insgesamt haben sie somit auf die Gewebeproben von 788 Patientinnen zurückgegriffen. "Dies ist für uns die Bestätigung, dass das Immunsystem bei der Prognose von Brustkrebs eine fundamentale Rolle spielt und eine ähnlich hohe Aussagekraft besitzt wie die Teilungsrate der Tumorzellen", resümiert Marcus Schmidt. "Unsere Arbeiten dürften damit die beim Brustkrebs lange vernachlässigte Rolle des Immunsystems in den Fokus des Interesses rücken – als Ergänzung und Vervollständigung der bisher bekannten Faktoren Östrogenrezeptor und Proliferation."

Die Bedeutung dieser Befunde geht nach Ansicht von Marcus Schmidt jedoch über eine verbesserte Charakterisierung und prognostische Abschätzung bei nodal-negativen Brusttumoren hinaus. So ist der beobachtete schützende Einfluss von Immunzellen, die im Tumor bereits natürlich vorkommen, ein klares Argument, mit Impf-Strategien diese prognostisch günstige Rolle des Immunsystems bei Brustkrebs zusätzlich therapeutisch zu nutzen.