Universität im Rathaus extra zur Forschungsfrage "Wie wird man ein Volk?"

Geschichte im Dialog von Universität und Schule

17.06.2009

Voll besetzte Reihen, viele junge Menschen im Publikum: Die Extra-Ausgabe der Reihe "Universität im Rathaus" am gestrigen Dienstagabend im Ratssaal des Mainzer Rathauses beschäftigte sich mit einer aktuellen Frage, die Deutschland auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung intensiv beschäftigt: "Wie wird man ein Volk?" Schon den Zeitgenossen der Wende war klar: Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem Fall der Mauer, dem Ende der DDR, der Wiedervereinigung Deutschlands erlebten sie Weltgeschichte und das Ende einer Epoche, die im Zeichen der Weltkriege und des Ost-West-Konflikts gestanden hatte. Ein neues Zeitalter begann. Aber: Wie wird man ein Volk? In seiner Begrüßung nannte Universitätspräsident Prof. Dr. Georg Krausch den Abend einen besonders wichtigen Baustein des "Treffpunkts der Wissenschaft" zum Thema "Zeit Reise" in Mainz. Die Universitätsstadt am Rhein ist eine von 10 deutschen Städten, die im Wissenschaftsjahr 2009 – "Forschungsexpedition Deutschland" – von der Robert Bosch Stiftung als "Treffpunkt der Wissenschaft" ausgewählt wurden.

Die Vielfalt der Perspektiven in der Podiumsdiskussion und im anschließenden Publikumsgespräch erwies sich dabei als große Stärke des Programms: Die Mainzer Wissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Falter vom Institut für Politikwissenschaft und Prof. Dr. Andreas Rödder vom Historischen Seminar beleuchteten gemeinsam mit der Zwölftklässlerin Nina Ritter aus Bad Sobernheim und dem ehemaligen Bad Kreuznacher Schüler Sebastian Wahl sowie mit Geschichtslehrerin Ines Eisenhut und dem Bundesvorsitzenden des Geschichtslehrerverbands, Dr. Peter Lautzas, die Teilung Deutschlands, die Wende und die Wiedervereinigung. Die Moderation übernahm Dr. Ralph Erbar vom Landesverband Rheinland-Pfalz des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands.

"Die Einheit ist ein Stück deutsche Normalität geworden", so Prof. Dr. Andreas Rödder in seinem ersten Beitrag. Und diese gute Nachricht zog sich - trotz aller kritischen Aspekte der Bestandsaufnahme - durch den gesamten Abend. Zwar sei der wirtschaftliche Aufschwung v.a. im Osten nicht gelungen und beide Teile des Landes hätten in den vergangenen 20 Jahren nicht die Chance genutzt, mehr voneinander zu erfahren, so Rödder. "Die Ähnlichkeiten sind dennoch größer als die Unterschiede, das betrifft auch gewachsene Ähnlichkeiten wie die Bejahung der Demokratie", fasste Prof. Dr. Jürgen Falter die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zusammen. "Die Wiedervereinigung war eine immens große historische Leistung, auch wenn ihre Ausführung im Einzelnen vielleicht hätte besser sein können."

Die Bedeutung des Geschichtsunterrichts, um bei jungen Menschen ein Bewusstsein gerade für die jüngste Vergangenheit des Landes zu schaffen, hoben Nina Ritter und Sebastian Wahl hervor: Eigentlich wünschten sich beide Diskussionsteilnehmer eine Vertiefung und Diversifikation des Unterrichts zur deutschen Nachkriegsgeschichte mit einem Schwerpunkt auf der DDR. Aber angesichts des vom Lehrplan vorgegebenen Themenumfangs könne ein solcher Wandel im Geschichtsunterricht nicht stattfinden, solange nicht mehr Stunden zur Verfügung stehen.

Eine lebhafte Publikumsdiskussion, die aus individueller Sicht der Podiumsgäste und der Besucher das Thema des Abends vertiefte, beschloss die gut zweistündige Veranstaltung, zu der rund 200 Besucher in den Ratssaal gekommen waren.

Treffpunkt der Wissenschaft Mainz zum Thema "Zeit Reise"

"Universität im Rathaus extra: Wie wird man ein Volk?" ist Teil des Treffpunkts der Wissenschaft Mainz zum Thema "Zeit Reise", einem Projekt der Robert Bosch Stiftung im Wissenschaftsjahr 2009 – Forschungsexpedition Deutschland. Die Forschungsfrage – die sich ein jeder der bundesweit zehn Treffpunkte der Wissenschaft passend zu seinem Schwerpunktthema stellt – lautet in Mainz: "Wie wird man ein Volk?" Schülerinnen und Schüler können diese Forschungsfrage im Wettbewerb Geschichte unter die Lupe nehmen – und gemeinsam mit Wissenschaftlern bei einer Debatte im Rathaus der Landeshauptstadt Mainz diskutieren. Ein studentisches Expeditionsteam, das die "Treffpunkte der Wissenschaft" und damit auch Mainz bereist, wird seine Forschungsergebnisse zu dieser Frage in einem online-Reisetagebuch dokumentieren. Doch nicht nur die neueste Geschichte ist Thema des Mainzer Treffpunkts der Wissenschaft. Die Mitglieder der MAINZER WISSENSCHAFTSALLIANZ, die Museen, Verbände und Vereine, das Bistum Mainz und Unternehmen – insgesamt über 30 Einrichtungen – erkunden und interpretieren ein Jahr lang in über 150 Veranstaltungen die Spuren menschlichen Denkens und Handelns, und das quer durch die Kulturen und Jahrtausende. Auf dieser „Zeit Reise“ sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene eingeladen zu Sonderveranstaltungen, Vortragsreihen und Podiumsdiskussionen, zu Präsentationen, Führungen und Ausstellungen bis hin zu Konzerten, Film- und Buchpräsentationen.

Universität im Rathaus – Brückenschlag vom Campus in die Stadt

"Universität im Rathaus" ist ein gemeinsames Projekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Landeshauptstadt Mainz. Seit über 20 Jahren dient der Universität dieses Forum als Brückenschlag vom Campus in die Stadt. Der Bevölkerung einen Einblick in die vielfältigen Facetten der unterschiedlichsten Disziplinen von 2.800 Wissenschaftlern in mehr als 150 Instituten und Kliniken zu geben, ist das Ziel dieser Veranstaltungsreihe. Im Wintersemester 2009/10 wird "Universität im Rathaus" unter dem Thema "Deutschland und die Welt – Weichenstellungen in der Geschichte der Bundesrepublik" stehen.