Mainzer Herzchirurgen Weltspitze in der Aortenchirurgie

Chirurgisches Therapiekonzept sichert Durchblutung der Hauptschlagader während der Operation

11.09.2009

Die zerrissene vordere Hauptschlagader gilt als die schwerste, immer lebensbedrohliche und ohne chirurgische Behandlung nahezu immer tödliche Erkrankung. Daher benötigen Patienten mit dieser Diagnose eine sofortige chirurgische Therapie. Selbst dann bleibt der Ausgang oft ungewiss. Die Klinik und Poliklinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie der Universitätsmedizin Mainz hat hinsichtlich der Therapie der zerrissenen vorderen Hauptschlagader ein chirurgisches Konzept weiter entwickelt, das sowohl die Überlebenschancen der Patienten erhöht als auch das Ausmaß von Komplikationen nach der Operation verringert. Im internationalen Vergleich liegen die Mainzer Herzchirurgen damit in der Spitzengruppe. Fast einhundert Patienten konnten so bereits erfolgreich in Mainz behandelt werden.

Bei einer zerrissenen vorderen Hauptschlagader (Typ A-Dissektion) entstehen noch durchblutete Arterienstücke und sog. "tote Gefäßarme", die kein Blut mehr in die abhängigen Organe transportieren. Selbst bei einer sofortigen chirurgischen Therapie bleibt der Ausgang oft ungewiss: Mindestens ein Fünftel der Patienten verstirbt weltweit trotz Operation. Bei den Überlebenden zeigen sich in 30 % der Fälle erhebliche Fehlfunktionen wichtiger Organe. Diese entstehen, wenn "tote Gefäßarme" durchblutet werden und kein Blut mehr über die richtigen Wege in die Organe fließen kann.

Diese Situation war der Ausgangspunkt für intensive Forschungsarbeiten im Sonderforschungsbereich 414 an der Universitätsmedizin Mainz, die zum Teil auf experimentellen Untersuchungen beruhen. Die Ergebnisse wurden in die klinische Praxis übertragen, evaluiert und konsequent am Patienten eingesetzt. Das neuartige chirurgische Therapiekonzept umfasst dabei sowohl den chirurgischen Zugangsweg, die Art der Organdurchblutung bei der Operation, die Konzepte des Schutzes der Organe des Körpers vor Sauerstoffmangel als auch die Handhabung der Herz-Lungen-Maschine.

Wesentlich ist dabei, dass während der Operation unter Verwendung spezieller Techniken eine sichere Durchblutung der Hauptschlagader und der von ihr abgehenden "lebendige Gefäßarme" erreicht und erzwungen wird (sog. "true lumen cannulation"). Wenn bei diesen Eingriffen gleichsam tote Arme der Hauptschlagader durchblutet würden, würde der Patient Schaden nehmen. Die gesicherte Durchblutung des lebenden Arms der Hauptschlagader ist der entscheidende Fortschritt gegenüber der bisherigen chirurgischen Technik. Üblicherweise werden zum Anschluss der Herz-Lungen-Maschine die Seitenarme der Hauptschlagader, aber nicht die Hauptschlagader selbst verwendet (Armarterien, Kopfarterien oder Beinarterien). Das ist zwar chirurgisch einfacher, nimmt aber das Risiko einer undefinierten Verteilung des Blutes im Körper in Kauf (Inhomogenität der Perfusion) mit allen potenziell negativen Folgen für den Patienten.

Im internationalen Vergleich haben sich die Mainzer Herzchirurgen inzwischen mit dieser Behandlungsmethode, mit der seit 2005 fast einhundert Patienten versorgt wurden, in der Spitzengruppe fest etabliert. Anstelle von mehr als 20 % Sterblichkeit in der internationalen Literatur liegt diese in Mainz seit 2004 bei weniger als 6 Prozent. Auch das Ausmaß neurologischer Schäden und anderer Organkomplikationen nach der Operation ist gering. Der weitere Krankheitsverlauf der betroffenen Patienten verläuft in der Regel merklich günstiger. Wesentlich für diesen Erfolg ist, dass die wissenschaftlich begründeten chirurgischen Konzepte und die Handhabung der Herz-Lungen-Maschine optimal mit den Konzepten der Anästhesie und der herzchirurgischen Intensivmedizin abgestimmt sind.

Unerlässlicher Ausgangspunkt für die an der Klinik und Poliklinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie entwickelten Behandlung ist eine absolut zuverlässige, rund um die Uhr verfügbare radiologische Diagnostik, da solch schwer erkrankte Patienten in der Regel mit dem Rettungshubschrauber zu jeder Tages- und Nachtzeit eingeliefert werden. Dank einer exzellenten Bildgebung durch Spezialisten der Klinik und Poliklinik für diagnostische und interventionelle Radiologie kann trotz des erheblichen Zeitdrucks bereits vor der Operation ein exaktes Konzept entwickelt werden. Um die Qualität der Behandlung von Patienten mit zerrissenen Hauptschlagadern auch in Zukunft zu sichern und zu verbessern, wird das gefäßchirurgische Team der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz durch PD Dr. Ernst Weigang, Spezialist aus der Gefäßchirurgie, der auf endovaskuläre Maßnahmen in der Hauptschlagader spezialisiert ist, ergänzt.

Insgesamt gehört die Universitätsmedizin Mainz damit heute weltweit zu einer der ganz wenigen Kliniken, an denen Erkrankungen des gesamten Aortenbaumes behandelt werden: von der Aortenklappe bis hin zur Aufzweigung in die Kopf-Arm-Bauch- und Beingefäße. Grundlage hierfür ist eine einzigartige Kooperation an der Universitätsmedizin Mainz zwischen der cardiovaskulären Chirurgie mit den Nachdisziplinen, insbesondere mit der Anästhesie, der Radiologie und der Kardiologie.