Wie österreichische Kriegsgefangene den Zweiten Weltkrieg erlebt haben

Deutsch-österreichisches Forschungsprojekt untersucht anhand von Abhörprotokollen die Einstellung zu Krieg und Diktatur

15.01.2010

Wie österreichische Angehörige der deutschen Wehrmacht den Zweiten Weltkrieg wahrgenommen und gedeutet haben, untersucht eine neue Forschungskooperation von Historikern aus Wien und Mainz. Die Wissenschaftler können sich dabei auf Abhörprotokolle stützen, die über Gespräche von Wehrmachtsoldaten in britischer oder amerikanischer Kriegsgefangenschaft zwischen 1940-1945 verfasst wurden. "Von diesen Gesprächen bekommen wir wertvolle Hinweise, wie die Kriegsgefangenen die Situation zu dem damaligen Zeitpunkt tatsächlich erlebt und wahrgenommen haben", so Prof. Dr. Sönke Neitzel zu dem Forschungsprojekt. Der Mainzer Historiker wertet im Rahmen einer internationalen Kooperation und mit finanzieller Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung sowie der Fritz Thyssen Stiftung seit drei Jahren Abhörprotokolle von deutschen und italienischen Kriegsgefangenen in britischem und amerikanischem Gewahrsam aus.

Die Zeit von 1939-1945 ist mittlerweile sehr gut erforscht und dennoch gibt es immer noch große Wissenslücken: Wie haben die Zeitgenossen damals Krieg und Politik wahrgenommen? Wie haben sie über den Krieg gedacht und wie ihn gedeutet? Dies untersucht das Projekt mit dem Titel "Referenzrahmen des Krieges - Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Wahrnehmungen und Deutungen von Soldaten der Achsenmächte, 1939-1945". Daran beteiligt sind außer dem Mainzer Zeithistoriker Neitzel auch der Essener Sozialpsychologe Prof. Dr. Harald Welzer und das Deutsche Historische Institut in Rom.

Partner in der neuen Kooperation ist das Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft in Wien. Prof. Dr. Gerhard Botz und Dr. Richard Germann erforschen nun, wie österreichische Angehörige der Wehrmacht den Krieg und die Diktatur wahrgenommen haben. Die Wissenschaftler erhoffen sich davon neue Perspektiven auf das Denken und Handeln "österreichischer" Soldaten der deutschen Streitkräfte und damit einen wichtigen Beitrag zu einer noch ausstehenden Mentalitätsgeschichte von "Österreichern" in der deutschen Wehrmacht. "Wir wollen damit erstmals den Versuch machen, auf breiter Quellenbasis nachzuweisen, welchen Einfluss die regionale Herkunft auf die Deutung des Krieges hatte", so Neitzel.