Mainzer Amerikanisten besuchen Tri-National Summer School 2010 in Atlanta: The South in the Age of Obama

Kooperationsprojekt der Universität Mainz, der Georgia State University, Atlanta, USA, und der Universität Peking, China

30.07.2010

Nach der ersten Tri-National Summer School 2009 in Mainz reisten im Juli 2010 die Amerikanistik-Professoren Alfred Hornung und Oliver Scheiding gemeinsam mit sieben Doktorandinnen und Doktoranden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) nach Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, um dort mit Kollegen der Universität Peking und der Georgia State University über Konzeptionen des Südens im Zeitalter von Barack Obama zu diskutieren. Das vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) und dem Forschungszentrum Sozial- und Kulturwissenschaften Mainz (SOCUM) der JGU geförderte Kooperationsprojekt zielt auf den interdisziplinären Austausch renommierter internationaler Wissenschaftler sowie einen trinationalen Doktorandenaustausch der beteiligten Hochschulen. In Stadtführungen und Museumsbesuchen, Exkursionen und Gastvorträgen bot sich den Teilnehmenden der Summer School ein komplexes und buntes Bild des amerikanischen Südens. Mediengestalterin Anita Wohlmann, Stipendiatin der Doktorandengruppe "Life Writing" im Forschungs- und Lehrbereich Amerikanistik, hat einen Kurzfilm mit Stationen und Eindrücken der zweiwöchigen Studienreise gedreht, der ab sofort auf dem YouTube-Kanal der Johannes Gutenberg-Universität Mainz verfügbar ist.

Der amerikanische Süden gilt als politisches, soziales und literarisches Spannungsfeld. Seit dem Bürgerkrieg von 1861-1865 und der Bürgerrechtsbewegung befindet sich der Süden der USA in einem komplexen Identitätsfindungsprozess zwischen Neukonzeption und Rückbesinnung, schwankt zwischen Schuld und Minderwertigkeitsgefühlen angesichts der traumatischen Geschichte des Rassismus und der brutalen Bürgerrechtskämpfe. Die Geschichte der afro-amerikanischen Bevölkerung spiegelt sich in der Literatur, der Kunst und der Stadtarchitektur wider. Kulturelle Ausdrucks- und Kunstformen, die auf mündlicher Erzähltradition und alltäglicher Praxis beruhten und einst als rückständig empfunden wurden, können heute als postmoderne Performanz gedeutet werden. Der Süden zeichnet sich durch seine ganz eigene Kultur aus, die sich in der Sprache, den kulinarischen Besonderheiten, der Schönheit der Landschaft und dem Reichtum an Kunst ausdrückt, die die Wendung des Südens vom "Old South" zum "New South" verdeutlichen. Zentrale literarische und politische Persönlichkeiten stammen aus dem Süden und haben die USA in den letzten Jahrzehnten intensiv geprägt: Dr. Martin Luther King, Jimmy Carter, W.E.B. DuBois  und Booker T. Washington gehören ebenso dazu wie Alice Walker, Joel Chandler Harris, Flannery O'Connor oder Raymond Andrews.

Die Befreiung von der Sklaverei und die politische Emanzipation der Afroamerikaner findet in der Wahl Barack Obamas zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika den vorläufigen Höhepunkt einer leidvollen Geschichte. Als erster afro-amerikanischer Präsident deutet sich mit Obamas Berufung auf das höchste Amt ein Wandel von einer dominant weißen zu einer multiethnischen  Gesellschaft hin an, ein Trend, der global zu beobachten ist. Es ist zu vermuten, dass die Erneuerung des Landes und die Akzeptanz eines durch den afro-amerikanischen Präsidenten repräsentierten multiethnischen, interreligiösen, pluralistischen und transnationalen Amerika wesentlich von der veränderten kulturpolitischen Situation des "New South" mitgetragen wird. Die konzeptionelle Erweiterung des Südens zu einem "Global South" ermöglicht neue internationale und transnationale Perspektiven. Der globale Süden spielt deshalb nicht nur innerhalb der amerikanischen Politik eine entscheidende Rolle, auch in China wird der globale Süden zunehmend in seiner wirtschaftlichen und kulturelle Bedeutung verstanden.

Im Juli 2011 werden sich die insgesamt 20 Doktoranden und renommierten Fachwissenschaftler aus Deutschland und den USA unter der Leitung der Mainzer Amerikanistik zur 3. Summer School mit den Kollegen in Peking treffen und in Theorie und Praxis Forschungsprojekte aus dem Bereich der transnationalen Amerikanistik erörtern. In der Zwischenzeit wird der inneruniversitäre Doktorandenaustausch zwischen Atlanta, Mainz und Peking fortgeführt. Ein Doktorand aus Peking und eine Doktorandin aus Atlanta werden ab Oktober 2010 am Department of English and Linguistics der Johannes Gutenberg-Universität Mainz forschen und lehren und die ersten Austauschdoktoranden ablösen.