Gewerkschaften verbessern Arbeitsbedingungen und Wohlstand in der globalen Welt

Wirtschaftswissenschaftler Klaus Wälde unterstreicht positive Rolle von Gewerkschaften beim Gesundheits- und Unfallschutz am Arbeitsplatz

02.09.2010

Was ist die Rolle von Gewerkschaften in einer sich individualisierenden und globaler werdenden Welt? Kann sich eine moderne Wirtschaft wie die Bundesrepublik im globalen Wettbewerb überhaupt noch erlauben, traditionellen Gewerkschaftsforderungen nachzukommen? In zwei aktuellen Arbeiten untersucht Prof. Dr. Klaus Wälde von der Gutenberg School of Management and Economics der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) gemeinsam mit Diplom-Volkswirt Alejandro Donado von der Universität Würzburg diese Fragen und kommt zu dem Ergebnis, dass Gewerkschaften auch in globalen Zeiten unvermindert wichtig bleiben und durch ihre Tätigkeiten nicht nur zu mehr wirtschaftlicher Aktivität, sondern auch zu allgemein verbesserter Lebensqualität beitragen.

Wälde und Donado untersuchen diese Fragen anhand des Beispiels von Berufskrankheiten. Historisch gesehen ist die Bedeutung von gemeinschaftlichem und koordiniertem Auftreten mehrerer Arbeitnehmer vielfach belegt. Nimmt man das Beispiel der Staublunge, ein Standardrisiko für Arbeitnehmer etwa im Kohlebergbau, so hat 1831 zum ersten Mal ein Arzt auf einen möglichen kausalen Zusammenhang zwischen Beruf und Krankheit hingewiesen. Erst über 130 Jahre später, nach vielen weiteren Krankheitsfällen, Protesten, Streiks, Untersuchungen und Gutachten wurde ein Gesetz in den USA geschaffen, mit dem dieser Zusammenhang offiziell akzeptiert wurde. Ähnliche Beispiele für die Bedeutung von koordiniertem und letztendlich gewerkschaftlichem Handeln für die Anerkennung von Krankheiten als Berufskrankheiten gibt es für den landwirtschaftlichen Sektor, die Keramikindustrie, den Automobilsektor und viele andere mehr. Die aktuelle Diskussion über das Burn-out-Syndrom und verwandte Stressphänomene als Berufskrankheit zeigt die Aktualität der Thematik.

Die Arbeit "How Trade Unions Increase Welfare" von Wälde und Donado zeigt den Vorteil koordinierten Handelns. Im Falle von Erkrankungen ist es für ein einzelnes Individuum nie möglich, festzustellen, ob die Erkrankung einen persönlichen Hintergrund hat, also auf Veranlagung und/ oder Lebensweise zurückgeht, oder auf das berufliche Umfeld zurückzuführen ist. Der entscheidende Vorteil einer Gruppe, also einer Gewerkschaft, besteht im Sammeln von Informationen aus vielen Einzelfällen. Wenn aus einer ausreichend großen Gruppe hauptsächlich Bergbauarbeiter an Staublunge erkranken, dann ist dies eine viel schwerer zu widerlegende Tatsache als ein oder zwei Einzelfälle. Dieser Informationsvorteil und natürlich das höhere politische Gewicht als Gruppe erlaubt es Gewerkschaften letztendlich, im politischen Prozess einen besseren Gesundheits- und Unfallschutz am Arbeitsplatz gesetzlich durchzusetzen.

Die Arbeit "How Bad is Globalization for Labour Standards in the North?" von Donado und Wälde verwendet diese Sichtweise für eine Analyse globaler Fragen. Befindet sich die Bundesrepublik gegenüber anderen Ländern hinsichtlich der - international gesehen relativ hohen Arbeitsstandards in Deutschland - in einem Wettbewerbsnachteil? Ist zu befürchten, dass Kapital und Investitionen ins Ausland abwandern, da "zu viel" und damit "zu teurer" Gesundheits- und Unfallschutz in Deutschland gefordert wird? Die überraschende Antwort aus dieser Arbeit ist, dass dies überhaupt nicht zu erwarten sei. Gesundheits- und Unfallschutz am Arbeitsplatz führt zu einem reduzierten Krankenstand und damit zu einer höheren Rendite für Investitionen. Wenn also der Gesundheits- und Unfallschutz nicht „übertrieben“ wird, das heißt einen zu hohen Anteil der Arbeitszeit in Anspruch nimmt, dann ist dies sogar für Investoren von Vorteil und ein Standort mit geringerem Krankenstand und Ausfallzeiten wird zu einem attraktiven Standort für Neuinvestitionen.

In einer globalen Welt stellt sich dann auch die Frage nach einer möglichen Ausweitung gewerkschaftlicher Aktivitäten in Entwicklungs- und Schwellenländern. Nehmen wir an, der Gesundheits- und Unfallschutz in Entwicklungsländern würde steigen. Besteht in einer solchen Entwicklung nicht eine Gefahr für entwickelte Länder? Wenn sich der Krankenstand als Folge verbesserten Arbeitsstandards in Entwicklungsländern absenkt und die Renditen für Investoren steigen, kommt es dann nicht doch zu dem befürchteten Abfluss von Kapital aus dem Norden? Dies ist in der Tat aus theoretischer Sicht richtig. Empirische Untersuchungen von Wälde und Donado haben jedoch gezeigt, dass die Reduktion von Investitionen so klein ist, dass dadurch niemand Sorge vor Globalisierung haben muss.

Gesundheits- und Unfallschutz am Arbeitsplatz als Folge gewerkschaftlicher Aktivitäten ist also wirtschaftlich wie gesellschaftlich begrüßenswert. In Zeiten von Globalisierung besteht kein Grund, diese Arbeitsstandards abzubauen. Die Verbesserung von Arbeitsstandards in Entwicklungs- und Industrieländern hat vernachlässigbare negative Folgen für Industrieländer, aber umso stärkere positive Effekte für die Entwicklungsländer selbst. Gewerkschaftliche Aktivitäten sind also auch verstärkt in Entwicklungs- und Schwellenländern zu befürworten.