Paula, du bist Laura! - Geraubte Kinder in Argentinien
32 Studierende aus Germersheim übersetzen anspruchsvolle Dokumentation ins Deutsche
05.10.2010
Unter der Militärdiktatur sind in Argentinien zwischen 1976 und 1983 etwa 500 Kinder ihren Familien geraubt worden und dann in einer fremden Umgebung aufgewachsen. 100 haben in der Zwischenzeit die Wahrheit über ihre Herkunft erfahren, von den anderen fehlt noch immer jede Spur. In dem Buch "Paula, du bist Laura!" erzählen 8 der einst geraubten Kinder die erschütternde Geschichte ihres Lebens. Studierende des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim haben diese Dokumentation vom Spanischen ins Deutsche übersetzt. Der Christoph Links Verlag publizierte das Buch, das in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert wird. "Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch durch Studierende der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter der Leitung von Verónica Abrego und Eva Katrin Müller" steht unter dem Titel auf der 3. Seite des Buchs.Paula, du bist Laura! ist ein erschütterndes Dokument der Verbrechen während der argentinischen Militärdiktatur. Nachdem sie ihre Eltern verschleppt oder getötet hatten, brachten die Militärs die Kinder dieser Regimegegner teilweise in fremden Familien, die der Diktatur nahestanden, unter, setzten sie aus oder gaben sie zur Adoption frei. Die Organisation der "Großmütter der Plaza de Mayo" sammelte und dokumentierte jedoch die annähernd 500 Fälle der verschwundenen und vermissten Kinder und Enkelkinder. Heute können dank moderner Methoden Genvergleiche angestellt werden, die auch nach Jahrzehnten noch eine Identifizierung ermöglichen. Acht Einzelschicksale hat die Journalistin Analía Argento recherchiert und dokumentiert, dazu Gespräche mit Betroffenen geführt und Geschehnisse in den geheimen Haftlagern Argentiniens rekonstruiert.
"Es war eine tolle Chance, aber auch eine sehr große Herausforderung, dass wir das Buch übersetzen konnten", erklärt Dr. Eva Katrin Müller vom Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Gemeinsam mit Verónica Abrego hat sie das Germersheimer Übersetzungsprojekt im Wintersemester 2009/10 geleitet. 32 fortgeschrittene Spanischstudierende haben dazu nicht nur die sprachliche Übersetzungsarbeit geleistet, sondern sich intensiv in die Landeskunde, die argentinische Geschichte und die Thematik der Militärdiktatur eingearbeitet, um die Geschehnisse auch für deutschsprachige Leserinnen und Leser transparent darzustellen. Dieses Wissen ist in ein Glossar eingeflossen, das wichtige Namen und Begriffe erklärt, wie bspw. "ABO", die Abkürzung für drei berüchtigte Folterlager in Buenos Aires.
"Es war für alle Beteiligten unheimlich anstrengend, aber die Rückmeldungen sind sehr positiv und ich würde das sofort wieder machen", fasst Projektleiterin Dr. Eva Katrin Müller die Erfahrungen zusammen. Wegen des hohen Aufwands sind Übersetzungen kompletter Bücher im "normalen" Unterricht für angehende Übersetzer eigentlich nicht vorgesehen. Dass die Studierenden in diesem Fall mit einem echten Übersetzungsauftrag konfrontiert wurden, für dessen Erfüllung Fristen und Vorgaben des externen Auftraggebers eingehalten werden mussten, bedeutete einerseits starken Erfolgsdruck, erhöhte andererseits die Motivation jedoch sehr.
Denn belohnt wird der große Aufwand, der ehrenamtlich erfolgt ist, nicht nur durch ein gedrucktes Buch, in dem sämtliche Beteiligten namentlich erwähnt sind. Mit einer freien Eintrittskarte können die studentischen Übersetzer "ihr" Buch auch auf der Frankfurter Buchmesse besichtigen, wo es im Programm des Ehrengastes 2010 Argentinien aufgeführt wird. Und sie werden die Gelegenheit haben, die Autorin des Buches persönlich kennenzulernen, die anlässlich der Buchmesse nach Frankfurt kommen wird. "Außerdem hat uns das argentinische Übersetzerförderprogramm SUR eine Unterstützung von mindestens €2.000 in Aussicht gestellt", freut sich Müller. Dieses Geld, das ist beschlossene Sache, werden die Germersheimer den Großmüttern der Plaza de Mayo für die weitere Suche nach den vermissten Kindern spenden.
