Mangelhafte Kenntnisse der Bevölkerung bei der Wiederbelebung

Studie der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Mainz deckt große Defizite bei Erste-Hilfe-Kenntnissen in der Bevölkerung auf

05.11.2010

Die Kenntnisse von Laien in Bezug auf die Herz-Lungen-Wiederbelebung weisen ernstzunehmende Defizite auf. Das hat eine Studie der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Mainz ergeben, die kürzlich in der Fachzeitschrift Emergency Medical Journal veröffentlicht wurde. Darin haben die Mediziner 89 Passanten mit einem Herzstillstand bei einer Notfall-Trainingspuppe konfrontiert und um Hilfe gebeten. Keiner der Teilnehmer folgte dem gängigen Wiederbelebungs-Leitlinien für Ersthelfer korrekt - unabhängig davon, wann sie den letzten Erste-Hilfe-Kurs besucht hatten. 10% der Befragten konnten keine gültige Notrufnummer nennen.

Die Mediziner fordern daher neue Konzepte, um mehr Menschen zu Erste-Hilfe-Auffrischungskursen zu motivieren, sowie eine weitere Vereinfachung der Wiederbelebungsregeln für Laien. In Deutschland ist die Teilnahme an einem Kurs zu lebensrettenden Sofortmaßnahmen Mindestvoraussetzung für den Führerscheinerwerb - regelmäßige Auffrischungskurse hingegen sind nicht vorgeschrieben. In solch einem Kurs wird auch die Technik der Herz-Lungen-Wiederbelebung trainiert. Das zugrunde liegende Prinzip der alternierenden Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage hat sich dabei in den letzten Jahren nicht geändert, wurde lediglich in Details modifiziert.

In Europa sterben jährlich etwa 700.000 Menschen durch plötzlichen Herzstillstand. Die sofortige Behandlung eines Herzstillstandes durch Herz-Lungen-Wiederbelebung ist essenziell, um das Überleben des Patienten zu gewährleisten und schwere neurologische Folgeschäden zu vermeiden. Bis zum Eintreffen des Notarztes kommt Ersthelfern hierbei eine besondere Bedeutung zu. "Mit unserer Studie wollten wir daher die Fähigkeiten bezüglich Erste-Hilfe-Maßnahmen in der Bevölkerung evaluieren", erläutert Dr. Rüdiger R. Noppens, Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Mainz und Mitautor der Studie. "Das Ergebnis kann helfen, das Notfall-Training für Ersthelfer zu verbessern und nachhaltiger zu gestalten."

Für ihre Studie haben die Mediziner insgesamt 89 Passanten mit der fiktiven Notfallsituation "Sie sind allein und finden eine nicht ansprechbare Person" konfrontiert und um Hilfe gebeten, wobei das "Opfer" eine Notfall-Trainingspuppe war. Sie beobachteten die Teilnehmer und dokumentierten deren Maßnahmen in einem standardisierten Bewertungsbogen, der den gängigen Wiederbelebungsrichtlinien folgt. Anschließend notierten die Mediziner Alter, Geschlecht des Teilnehmers sowie Datum des letzten Erste-Hilfe-Kurses und fragten nach Kenntnis einer gültigen Telefonnummer für den Notfall. "Die gängigen Empfehlungen zur Wiederbelebung einer bewusstlosen Person sehen Maßnahmen wie Mund-zu-Mund-Beatmung, Herzdruckmassage oder Not- und Hilferuf in einer bestimmten Reihenfolge vor", erläutert Dr. Tim Piepho, Notarzt der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Mainz und Mitautor der Studie. "Keiner der Teilnehmer folgte den Empfehlungen korrekt und in der richtigen Reihenfolge, vielmehr wurden die meisten Schritte beliebig nacheinander durchgeführt."

43% der Beteiligten prüften die Ansprechbarkeit des "Opfers", 65% führten eine Herzdruckmassage und 63% eine Mund-zu-Mund-Beatmung durch. Die Durchführung einer sofortigen und effektiven Herzdruckmassage durch den Ersthelfer ist dabei besonders wichtig, um ein Überleben nach Herzstillstand zu gewährleisten. Darüber hinaus wendeten Teilnehmer, die ihren letzten Erste-Hilfe-Kurs vor mehr als 10 Jahren absolviert hatten, seltener Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung an. "Obwohl unsere Studie nicht zum Ziel hatte, einen optimalen Abstand für Erste-Hilfe-Auffrischungskurse festzulegen, konnten wir doch zeigen, dass alle Teilnehmer, die einen Erste-Hilfe-Kurs innerhalb der letzten 3 Jahre absolviert hatten, Mund-zu-Mund-Beatmung sowie die Herzdruckmassage durchführten", so Prof. Dr. Christian Werner, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Mainz. In der Teilnehmergruppe, deren letzter Kurs mehr als 3 Jahre zurücklag, war dies schon nicht mehr der Fall. "Ein weiteres Ergebnis, das uns besonders überrascht hat, ist, dass 10% der Teilnehmer keine gültige Notrufnummer nennen konnten", so Dr. Noppens. "Die Kenntnis einer solchen Nummer sollte eigentlich selbstverständlich sein."

"Insgesamt hat unsere Studie ergeben, dass die meisten Ersthelfer gängige Wiederbelebungsrichtlinien nicht ausreichend beherrschen“, fasst Prof. Werner die Ergebnisse zusammen. "Gerechtfertigt wäre daher nach unserem Dafürhalten die Einführung regelmäßiger Auffrischungskurse in Erster Hilfe. Alternativ sollten mehr Menschen zur Auffrischung dieser Kenntnisse motiviert und die Qualität der Kurse verbessert werden. Unsere Studie legt nahe, dass die gängigen Erste-Hilfe-Richtlinien für Laien möglicherweise zu komplex sind - hier wäre eine Diskussion über eine weitere Vereinfachung sinnvoll."