Tansanischer Filmstar durch Zufall

Ethnologiestudent der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wird in Ostafrika als Jörn Bleibtreu zum Filmhelden

27.06.2011

Er fuhr zu Forschungszwecken nach Tansania – und kehrte als Filmschauspieler zurück. Jörn Ratering, der an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) Ethnologie im Hauptfach und Philosophie und Pädagogik im Nebenfach studiert, hat bereits in einigen tansanischen Filmproduktionen mitgewirkt und wird in dem ostafrikanischen Land mittlerweile auf der Straße erkannt. In seiner ersten Rolle im Film "Tears on Valentine Day" spielte er einen amerikanischen Anwalt und gab sich fortan den Künstlernamen Jörn Bleibtreu – weil er anonym bleiben wollte und kurz zuvor einen Film mit Moritz Bleibtreu gesehen hatte. Unter anderem spielte Ratering alias Bleibtreu in einem weiteren Film sich selbst – einen deutschen Studenten.

Ursprünglich hatte ihn sein akademisches Interesse nach Tansania geführt: Im Rahmen einer regelmäßig vom Institut für Ethnologie und Afrikastudien an der JGU angebotenen Lehrforschung war er 2009 gemeinsam mit acht weiteren Studierenden der JGU unter Leitung von Dozentin Claudia Böhme, deren Forschungsgebiet die tansanische Filmindustrie ist, in das ostafrikanische Land gereist. Die Studierenden sollten vor Ort zum Thema Medienkultur forschen. "Jeder von uns wählte für sich ein Thema, beispielsweise Handykultur, ein Comedyformat im Fernsehen, Medien und Pfingstkirchen, 'Miss Tanzania' oder Medienkultur der indischen Diaspora, und dann machten wir uns an die Feldforschung", erzählt Ratering. Und die führte ihn schließlich direkt an ein Filmset: "Claudia Böhme lief über die Straße in meinem Viertel und wurde von Produzenten von 'Tears on Valentine Day' angesprochen, die nach einem weißen Darsteller für einen Film suchten – und der war dann ich." Ein Mitarbeiter des Regisseurs Hammie Rajab engagierte Ratering vom Fleck weg – ohne jegliches Vorsprechen oder Vorspielen. "Der Regisseur meinte, ich sei perfekt für die Rolle des amerikanischen Anwalts." Kurze Zeit darauf bot man ihm eine weitere Rolle an – die eines deutschen Studenten. Ratering war bereits wieder in Deutschland, als der Film auf den Markt kam. "Aber meine Gastmutter berichtete mir, dass ständig Leute nach mir fragen würden."

Im nächsten Jahr war Jörn Ratering wieder in Tansania unterwegs – im Rahmen eines Rechercheaufenthalts für ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Projekt zur Lokalisierung fremder Medienformate und deren Aneignung in Tansania unter der Leitung des Mainzer Ethnologen Prof. Dr. Matthias Krings, Juniorprofessor für Ethnologie und Populäre Kultur Afrikas an der JGU. Kaum im Land angekommen, wurde ihm sein Bekanntheitsgrad dort bewusst: Ob auf der Insel Sansibar, auf der Fähre zum Festland oder in der tansanischen Stadt Daressalam – überall wurde Jörn Ratering alias Jörn Bleibtreu als Filmstar erkannt und angesprochen und erhielt sogar Heiratsanträge. "Ich habe die Aufmerksamkeit schon genossen", so der Student. "Die Tansanier, die ich kennenlernte, waren alle sehr liebenswürdig zu mir. Gleichzeitig ist es aber auch ein komisches Gefühl, von heute auf morgen wirkliche Fans zu haben." Neben seinen Forschungen drehte Ratering Szenen für einen weiteren Film, in dem er einen belgischen Diamantenhändler spielte und trat mit anderen deutschen Studierenden in der Comedysendung "Orijino Komedi" auf. "Die Comedygruppe spielt immer verschiedene Sketche. Hier waren wir Amerikaner, die Frösche nach Tansania brachten, in Anlehnung an eine Nachrichtenmeldung vom Vortag. Wir übergaben die Frösche und sangen die tansanische Nationalhymne", beschreibt Ratering den Auftritt.

Mittlerweile ist Ratering wieder in Deutschland und konzentriert sich wieder voll und ganz auf sein Studentendasein an der JGU und seinen bevorstehenden Abschluss. "Filmprojekte habe ich erst einmal an den Nagel gehängt", so Ratering. Nach seinem Magisterabschluss kann er sich sehr gut vorstellen zu promovieren. Vielleicht führt ihn dann wieder eine Forschungsreise nach Tansania.